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„Ein Großer“ – Zum Tode Kurt Masurs

Nachruf „Ein Großer“ – Zum Tode Kurt Masurs

Kurt Masur ist tot. Der Dirigent und langjährige Kapellmeister des Leipziger Gewandhauses verstarb am Samstag im Alter von 88 Jahren in Greenwich, Conneticut. LVZ-Kulturchef Peter Korfmacher hat folgenden Nachruf auf den großen Leipziger verfasst.

Mit den Armen drang Kurt Masur ins Orchester hinein, lebte im Klangkörper auf.

Quelle: dpa

Leipzig. Kurt Masur ist tot. Der Dirigent und langjährige Kapellmeister des Leipziger Gewandhauses verstarb am Samstag im Alter von 88 Jahren in Greenwich, Conneticut. LVZ-Kulturchef Peter Korfmacher hat folgenden Nachruf auf den großen Leipziger verfasst.

Ein Star-Dirigent, was soll das sein? Woher rührt der Versuch, durch eine oberflächliche Vorsilbe Bedeutung zu erzeugen? Er ist aus Prinzip untauglich. Denn entweder ist der Star-Dirigent, das verbindet ihn mit dem Star-Architekten, dem Star-Tenor, dem Star-Pianisten, keiner. Dann soll das Attribut Relevanz nur marktschreierisch gaukeln. Oder er ist einer – und dann ist der Zusatz überflüssig.

Ein Star-Dirigent jedenfalls, das war Kurt Masur nicht. Ihn so zu bezeichnen, verkleinerte eine Jahrhundert-Gestalt. Masur war der einstweilen letzte seiner Zunft, den international so ziemlich jeder kannte. Und diese Berühmtheit, sie erwuchs nicht aus Star-Rummel, sondern aus seinem Leben als Musiker, aus seiner Persönlichkeit, seiner Haltung. Derlei zeichnet keinen Star aus, sondern einen Großen.

Seit 1948 stand Kurt Masur am Pult, fast 68 Jahre lang. Da nehmen sich die 26 in Leipzig, in denen er bis 1996 als 15. Gewandhauskapellmeister das Erbe Mendelssohns und Nikischs, Walters und Furtwänglers verwaltete, beinahe bescheiden aus. Aber sie waren die entscheidenden. Denn in diesem Vierteljahrhundert in der Mitte eines langen Lebens, reifte Masur zur Persönlichkeit von Weltgeltung – und Leipzig erhielt sie als Musikstadt zurück.

Unendlich viel verdankt die Musikwelt ihm. Die Mendelssohn-Renaissance in den 70ern wäre ohne seinen Einsatz als Tournee-, als Gastdirigent und auf Tonträgern gewiss nicht so nachhaltig verlaufen. Und wo wir schon einmal bei den Tonträgern sind: Vor allem aus russischen Federn hat er mit dem Gewandhausorchester und mit den New Yorker Philharmonikern, deren Chef er im Anschluss war, Maßstäbe gesetzt. Tschaikowski-Sinfonien, die nie vergisst, wer sich einmal auf ihre Emotionalität eingelassen hat, Schostakowitsch-Einspielungen, die den Hörer mit Wucht an die Seele greifen und nicht wieder loslassen.

Unendlich viel mehr noch verdankt die Stadt Leipzig dem schlesischen Hühnen. Im Gewandhaus hatte er in allen Fragen das letzte Wort. Über seine Musiker hielt er schützend die Hand – und forderte dafür unbedingte Loyalität ein. Mit Erfolg: Auch nach der Wende blieben die meisten Musiker bei der Stange, retteten den einzigartigen Klang des Gewandhausorchesters in die neue Zeit.

Gewandhaus und Mendelsohn

So brachte er das Gewandhausorchester, im 19. Jahrhundert und bis zum Zweiten Weltkrieg ein Klangkörper von nachgerade mystischer Aura, wieder ins Welt-Bewusstsein zurück. Das Gewandhausorchester war bereits vor Masur ein erstklassiges Orchester, sein Vorgänger Vaclav Neumann ein vortrefflicher Dirigent. Und nach Masurs Fortgang hatte der Nachfolger Herbert Blomstedt hart an Präzision und Repertoire zu arbeiten. Gleichwohl mehrte Kurt Masur auf ungezählten Tourneen rund um den Erdball den Ruhm des Klangkörpers. Und während er das Traditionsorchester unermüdlich zum wichtigsten Kulturbotschafter des eingemauerten Landes machte, und zum sicheren Devisenbringer, stieg auch sein eigenes Ansehen in unermessliche Höhen.

So hoch, dass ihm das Unmögliche gelang: Er, vor allem Kurt Masur persönlich, insistierte so lange, bis Erich Honecker ihm, Leipzig, dem Gewandhausorchester, der Musikwelt den Bau des Neuen Gewandhauses zusagte. Das einzige genuine Konzerthaus der DDR, eines mit fabelhafter Akustik, eines, bei dem auf die Ost-Mark nicht geschaut wurde zu einer Zeit, als man sich derlei eigentlich nicht mehr leisten konnte. 1981 wurde glanzvoll Eröffnung gefeiert, fanden die langen Jahre des Exils in der Kongresshalle des Zoos ihr Ende – auch eine späte Geste der Wiedergutmachung angesichts der barbarischen weil unnötigen Sprengung des zweiten Gewandhauses im Musikviertel.

Masurs Stern stieg weiter. Er biederte sich nicht an, sagte, was zu sagen war, suchte und fand aber die Nähe zur Macht, kann als Dissident kaum bezeichnet werden, kämpfte indes nie für sich selbst, sondern für die Sache. Die der Kultur im Allgemeinen und die der Musik im Speziellen. So wurde er zu der moralischen Instanz, die im berühmten Herbst 1989 mit dem Aufruf zur Gewaltlosigkeit und den Runden Tischen im Haus am Augustusplatz maßgeblich dazu beitrug, dass die Revolution friedlich blieb, ohne Blutvergießen verlief. Und spätestens jetzt wurde der Gewandhauskapellmeister zum Mythos, zur Legende.

Als solche lebt es sich nicht leicht. Zumal auch in der neuen Zeit Masur sich nie mit weniger als dem Maximum zufrieden zu geben geneigt war. Einer wie er kann sich nicht abfinden. Mit Mittelmaß nicht, nicht mit Erreichtem.

So gelang es ihm noch in den verbleibenden Leipziger Jahren, dem großen Wunder des dritten Gewandhauses das des  Mendelssohn-Hauses zur Seite zu stellen. Dass in Mendelssohns Wohn- und Sterbehaus in der Goldschmidtstraße ein Musikermuseum neue Maßstäbe setzt, wäre nicht vorstellbar gewesen ohne seinen Kampf um die Immobilie, für die Mendelssohn-Stiftung, die Entschuldung. Und ohne Kurt gäbe es gewiss auch den Mendelssohn-Preis nicht, mit dem Leipzig sich mehr schmückt als die Träger – unter die Masur selbstredend selbst sich einreiht.

Masur zieht es zurück in die Welt

Dennoch begann mit dem Anbruch der neuen Zeit Masurs Götterdämmerung am Augustusplatz. Nachwachsenden Orchestermitgliedern leuchtete nicht automatisch ein, dass etwas wahr war, nur weil er es sagte. Im Rathaus begann man derweil, am Sockel zu ruckeln, weil der durchaus dickköpfige Gewandhauskapellmeister und die neue Rathausspitze um Hinrich Lehmann-Grube, der es eher um den Alltag ging, um Wirtschaftlichkeit und Pragmatismus, nicht die gleiche Sprache fanden. So kam ein schleichender Prozess gegenseitiger Entfremdung in Gang, an dessen Ende im September 1996 Masur seinen Abschied nahm, weil für ihn in Leipzig „der Kreis ausgeschritten" war. Durchaus im Zorn – und auf Seiten der Stadt wie des Orchesters mit einer gewissen Erleichterung zur Kenntnis genommen.

Zu dieser Zeit war Masur längst zum Welt-Phänomen geworden, hatte die Leitung der New Yorker Philharmoniker übernommen. Später sollten das Orchestre National de France und die Londoner Philharmoniker sich im Glanz des großen alten Mannes sonnen und noch einmal profitieren von einer Art zu dirigieren, die er als einer der letzten Vertreter einer anderen Zeit kultivierte.

Am Pult ganz eigen

Masur unterschied sich Zeit seiner langen Karriere an den Pulten der Welt ganz grundsätzlich von den meisten Kollegen jüngerer Baujahre. Er war nie ein Orchesterleiter der präzisen Zeichengebung, hat sich immer schon auf eine Schlagtechnik verlassen, die man kaum anders als unkonventionell nennen kann. Und manchmal musste man die Orchestermusiker schon dafür bewundern, dass sie daraus einen Tempowechsel ablesen konnten oder einen Einsatz.

Doch um derlei ging es Kurt Masur nicht. Sein dirigentisches Credo lautete: „Ich spüre, wie das Orchester eine Phrase aufbaut, und führe die Musiker dahin, wo wir nach meiner Vorstellung gemeinsam landen sollen. Das ist einer der Vorgänge, bei denen das wirkliche Dirigieren beginnt. Die heutigen Orchester müssen nicht zusammengehalten werden." Will meinen: Wo man noch diskutieren muss über Einsätze und Tempowechsel, kann von Musik noch längst nicht die Rede sein. Ihm ging es schon in den Proben vornehmlich um Kommunikation, darum, was man gegenseitig sich geben könne, auf dass etwas Neues, etwas Großes entstehe. Ein riskanter Ansatz, den er unermüdlich an den Pult-Nachwuchs weiterzureichen versuchte, beispielsweise in seinen zahlreichen Meisterkursen. Aber einer, der, funktioniert es, allemal für musikalische Sternstunden gut ist.

Die wechselseitige Inspiriertheit von Dirigent und Orchester steht dabei außer Frage. Und sie macht den geheimnisvollen Zauber dieses Musizierens aus: Man weiß nicht genau, wie es entsteht, und eigentlich ist das auch nicht wichtig. Was Masur herstellt, was er abruft, was Ergebnis blinden Einverständnisses ist, was Erfahrung und Professionalität des Orchesters geschuldet, ist im Einzelfall schwer zu sagen.

Für seine Überzeugungen eintretend, bis zum Schluss

Dabei war es in den letzten Jahren nicht zu leugnen, dass Alter und die Parkinson-Krankheit, die er 2013 öffentlich machte, ihren Tribut einforderten. Masurs Gesten wurden noch sparsamer. Während er früher die Arme weit ins Orchester streckte, mal umarmend, mal bedrohlich, mal fordernd, mal liebkosend, blieb der linke nun meist am Körper, während die rechte Hand sachte ins Orchester tupfte. Das schadete indes dem Wesen seines Musizierens nicht, der schwer zu fassenden Magie des Klangs. Stimmte das Repertoire, waren das Ergebnis immer wieder beglückende, bewegende Konzerte.

Und nicht nur durch die versuchte er bis zum Schluss, mit Musik die Welt in seinem Sinne ein wenig besser zu machen. „Eine Mutter", schrieb er beispielsweise an einem 85. Geburtstag der Festgesellschaft ins Stammbuch, „die ihrem Kind abends ein Wiegenlied singt, sorgt dafür, dass es mit einem Glücksgefühl einschläft und wieder aufwacht. Singen Sie für Ihre Kinder, singen Sie für Ihre Enkel. Machen Sie die Gesellschaft glücklicher!"

Bei solchen Gelegenheiten war der Weltenbürger, weilte er an der Pleiße und nicht an seinem Zweitwohnsitz in New York, zu Hause, im Frieden mit sich und seiner Stadt, deren Ehrenbürger er war – ein bewegendes Geschenk für diesen großen Mann und ein beglückendes für Leipzig.

Bis zu Schluss ist er sich gleichwohl treu geblieben, ist eingetreten für seine Überzeugungen, hat nie aufgehört unbequem zu sein. Obwohl er es sich nach all den Triumphen, seinem Wirken in den Tagen der schließlich friedlichen Revolution mit Blick auf sein Ehrfurcht gebietendes Lebenswerk als lebendes Denkmal gemütlich hätte machen können. Allgemeiner Ehrfurcht, Anerkennung, Verehrung gewiss.

Er steht für das Gewandhaus, das es ohne ihn nicht gäbe, stand für die Romantik, für die Blüte des bürgerlichen Konzertbetriebs, für eine weltumspannende Kultur, gegen deren allgegenwärtige Bedrohung durch Oberflächlichkeit, Quotengläubigkeit, Kurzsichtigkeit, Dummheit er zeitlebens gekämpft hat. Auch darum war er kein Star-Dirigent, sondern ein Großer.

Kondolenzbuch im Leipziger Gewandhaus

Am kommenden Montag soll im Leipziger Gewandhaus ein öffentliches Kondolenzbuch ausgelegt werden. Als erste werden sich dort OBM Jung, Gewandhaus-Ehrendirigent Herbert Blomstedt sowie Mitarbeiter des Konzerthauses eintragen.

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