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Ein Konzert für Lieblingsmenschen: Namika vor 1100 Fans in Leipzig

Geyserhaus-Parkbühne Ein Konzert für Lieblingsmenschen: Namika vor 1100 Fans in Leipzig

„Lieblingsmensch“ heißt das Lied, das Namikas Leben vor gut einem Jahr auf den Kopf gestellt hat. Ein Nummer-Eins-Hit mit bislang mehr als 55 Millionen Klicks auf Youtube. Auf der Geyserhaus-Parkbühne hat es am Freitagabend schon ausgereicht, das Stück nur zu erwähnen, um Jubel zu entfachen.

Mit Charme und ungemein viel Energie: Namika (noch 24) auf der Geyserhaus-Parkbühne.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Man wünscht sich fast, ein paar der Wähler Mecklenburg-Vorpommerns, die ihr Kreuz am Sonntag gegen die kulturelle Vielfalt eingesetzt haben, hätten ihr Wochenende am Freitagabend ein paar hundert Kilometer südlich mit einem Besuch der Geyserhaus-Parkbühne begonnen. Nicht, dass noch sonderlich viel Platz gewesen wäre auf dem Areal im Arthur-Bret­schneider-Park unter rund 1100 Zuschauern. Aber möglicherweise hätte zunächst Tristan Brusch im Vorprogramm dem einen oder anderen Frustrierten aus dem Herzen gesungen. Ein „Fisch in kochendem Wasser“ sei er, ein „Schneemann in the sun“, dichtet Brusch über seine Ängste und in einem Lied über Mecker­opas und andere Rechthaber: „Lass sie dich quälen, solang sie noch können.“

Und vielleicht hätte es im Hauptprogramm Namika ja sogar mit ihrem Charme und ihrer Energie geschafft, dass sich Besitzer verhärteter Herzen den Frust weggetanzt hätten, wer weiß. Immerhin steht hier der „Nabel der Welt“ auf der Bühne, „nachdenklich, nachtaktiv, manchmal leicht naiv, das ist mein Naturell“, wie Namika gleich zu Beginn in der Rapnummer „Na-Mi-Ka“ stab­reimt. Da hält es vor der Bühne schon längst keinen mehr auf dem Sitz. Für viele junge Fans dürfte es eines der ersten richtigen Popkonzerte im Leben sein.

„Mitten in Deutschland, manchmal missverstanden als Migrantenmischling“, führt Namika ihre Kette aus Alliterationen fort. Diesmal an der zweiten Silbe ihres Künstlernamens orientiert, der „die Schreiberin“ bedeutet (was mitnichten anmaßend ist). „Und Integration misslingt, wenn im Blick an die Oma mit Kopftuch Missgunst mitschwingt.“ Vor 25 Jahren (übermorgen feiert sie Geburtstag) in Frankfurt am Main als Hanan Hamdi geboren, verbindet Namika zumindest in ihrer Musik die Kulturen: amerikanischen Hiphop mit Soul (und Seele sowieso), mit klugen deutschen Texten, Singer-Songwriter-Gitarrenpop und mit ein paar orientalischen Einsprengseln. Sie verkörpert die Multikultur auch äußerlich, sagt man so. Ihre Großeltern stammen aus Marokko. Aber weit mehr als ein Kind Nordafrikas ist sie ein Kind der 90er.

Auf der Erde zu Hause

Von Super-Mario, Macarena und Arschgeweihen singt Namika in „90s Kids“. Später wird sie noch „No Diggity“ von Blackstreet covern – und damit nicht nur mit den 90er-Jahrgängen im Publikum auf einer Wellenlänge funken. „Wow, sehr schöner Anblick“, lobt sie ihre Anhänger, von denen etliche Plakate für Namika gebastelt haben. Erstmals erwähnt sie das Lied, das ihr Leben seit Sommer 2015 auf den Kopf gestellt hat. Nach „Lieblingsmensch“ sei sie „gefühlt von meiner Wohnung auf die Autobahn umgezogen“, erzählt sie. Schon, dass sie den Titel des Nummer-Eins-Hits nennt, der auf Youtube bislang mehr als 55 Millionen Mal angeklickt wurde, lässt die Menge Kreischen. Aber „Stoptaste“, das Lied, das zuerst folgt, handelt davon, den Lärm abzustellen, die Kassette zurückzuspulen, „zurück zu dir“, zu sich selbst.

Aber doch nicht hier, möchte man einwenden. Und richtig, das Publikum bekommt nicht allzu viel Zeit innezuhalten. Zum Rap „Wenn sie kommen“ über ein marokkanisches Straßenkind gehen die Zuschauer in die Knie und dürfen erst zum Refrain in die Höhe springen. Aufs Fitness-Programm folgt ein ebenso obligatorisches wie unterhaltsames Unplugged-Intermezzo. Wobei es sich vor allem bei „Broke“ lohnt, genauer hinzuhören. „Im Grunde sind wir gar nicht so verschieden“, rappt Namika. „Haben die selben Ängste, haben die selben Zweifel zu besiegen. Keine Zeit, keinen Erfolg, keine Kohle, keinen Frieden. Die Sonne scheint, manchmal können wir sie nicht genießen. Wir hassen, weil wir lieben.“

Es mag naiv sein, und zwar nicht nur leicht. Aber schön wär’s ja doch, könnte ihr inbrünstig vorgetragener Sprechgesang das eine oder andere vorurteilsvolle Wahlkreuz verhindern. „In Marokko sehen sie in mir immer die Deutsche, in Deutschland halten mich manche für eine Marokkanerin“, sagt Namika und erklärt, dass sie für sich daraus geschlussfolgert habe: „Zuhause ist der Ort, wo deine Freunde sind.“ Von einer Hetze gegen „alles, was fremd aussieht“, spricht sie und schlägt vor, es anders zu sehen: „Wir sind alle Erdlinge! Auf der Erde zu Hause.“ Und in der Musik. Auf die wunderschöne Rap-Ballade „Nador“ (so heißt die Küstenstadt, aus der ihre Großeltern stammen) folgt endlich der „Lieblingsmensch“.

„Seid ihr heute mit eurem Lieblingsmenschen hergekommen?“, fragt der Liebling aller. „Wollt ihr euren Lieblingsmenschen mal umarmen?“ Das Lied könnte das Publikum selbstverständlich auch alleine singen. Zu zwei Zugaben kehrt Namika dann noch zurück. „Gut so“ ist ihr letztes Stück des Abends, „ich will mit niemandem tauschen und nirgendwo anders sein“, heißt es darin. „Alles gut so, so wie es ist.“ Zumindest am Freitagabend für knapp anderthalb Stunden – und der Wahlsonntag in Mecklenburg-Vorpommern ist noch so weit entfernt.

Von Mathias Wöbking

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