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Ein Liederabend der anderen Art im Rahmen der Euro-scene

Romeo Castelluccis „Schwanengesang D 744“ im Schauspielhaus Ein Liederabend der anderen Art im Rahmen der Euro-scene

Der italienische Theatermacher Romeo Castellucci und seine Socíetas Raffaello Sanzio aus Cesena gehören zu den Stammgästen der Leipziger Euro-Szene, in diesem Jahr präsentieren sie den sehr besonderen Schubert-Reflex „Schwanengesang D 744“

Einsamkeit, Schmerz, Verzweiflung und Scham: Schauspielerin Valérie Dréville.

Quelle: euro-scene

Leipzig. Auf den ersten Blick sieht das aus wie ein normaler Liederabend. Sopranistin Kerstin Avemo und ihr Klavierbegleiter Alain Franco sind allerdings ungewöhnlich weit voneinander entfernt: Sie steht im grellen Spot auf der Bühne des Schauspielhauses; er sitzt, wo sonst die ersten beiden Publikumsreihen sind, an seinem Bösendorfer. Die Distanz bereitet den beiden zu Beginn von „Auf dem Wasser zu singen“ einige Probleme. Oder gehört dieses metrische Taumeln bereits zur Inszenierung? Denn obschon eine gute halbe Stunde lang alles scheint wie immer, ist längst Theater geworden aus dieser zerbrechlichen Versuchsanordnung rund um die Schmerzens-Klänge des Franz Schuberts.

Avemo zeigt landläufige Lieder-Posen. Doch wirken sie seltsam eingeübt, und ihr Gesicht lässt ahnen, was sie wirklich fühlt, dass sie lebt, was Schubert in Töne bannte. Irgendwann kann sie nicht mehr, Schluchzen flutet die Bühne. Sie zieht sich in den Schatten zurück, dreht für „Du bist die Ruh“, das „Wiegenlied“, den „Abschied“ dem Publikum den Rücken zu, versucht sich ins Nichts zu retten, während Schubert der Stille sich nähert.

Avemo und Franco sorgen dafür, dass Schubert sich auch in diesem szenischen Drama zu behaupten vermag. Der leichte Sopran erhält diesen zum Teil über die Maßen populären Liedern, die Castellucci da unter dem Titel des 1823er „Schwanengesangs“ versammelt hat (es geht nicht um den gleichnamigen Zyklus), auch auf der großen Bühne die Intimität. Und die zärtliche Spielkultur Francos, sein Reichtum an Farben und Nuancen am Rand des Verlöschens, sie würden jedem handelsüblichen Liederabend gut zu Gesicht stehen.

Dieser hier entgleist unterdessen: Avemo verlässt die Bühne, die Schauspielerin Valérie Dréville übernimmt ihren Platz. Rezitiert den „Abschied“ erneut, ohne Musik, aber im gleichen Rhythmus. Erst allmählich, derweil sie dem Schmerz nachlauscht, nimmt sie wahr, dass sie nicht allein ist. „Ist da jemand?“, fragt sie mit brüchiger Stimme ins Dunkel – und einigermaßen unvermittelt beginnt eine zünftige Publikumsbeschimpfung. „Was sucht ihr hier? Was? Was? Was?“ brüllt die zierliche Dréville dem Auditorium entgegen. Ja – was sucht eigentlich, wer in einem Liederabend der musikalischen Sublimation äußerster Intimität beiwohnt? Bei aller entrückten Schönheit dieser Miniaturen bleibt am Ende doch die ästhetische Anbetung fremden Schmerzes.

Schubert hat mit seiner Musik den Worten den Weg zur Seele geebnet. Von dort hat Avemo sie in die Herzen des Publikums getragen. Doch weil auch das nicht hilft, die emotionale Schwärze dieser Kunst zu bannen, steht doch wieder das Wort für sich, bis selbst dies verstummt und nach der wüsten Beschimpfung und leeren Gesten nur die Bitte um Verzeihung bleibt. Dréville reißt die Plane vom Boden, versucht zu verschwinden ihrer Scham darüber, dass die Verzweiflung so ungeschützt aus ihr herausbrechen konnte.

Castellucci zerrt also erst die intimste aller denkbaren Seelenäußerungen auf die große Bühne und kartätscht dann den wohligen Schauer angesichts der Schönheit fremden Unglücks mit dem Vorwurf des emotionalen Voyeurismus nieder. Man kann das in der szenischen Schlichtheit der zweiteiligen Anlage dieses „Schwanengesangs“ billig finden, mindestens plakativ. Aber ebenso billig, mindestens plakativ wäre es, gar keine Antwort zu formulieren auf die große Frage des Theaters und jeder Kunst: Was machen sie mit uns, was suchen wir in ihnen. Für Castellucci gibt es nur eine Antwort: emotionale Wahrhaftigkeit. Und wenn ein Theater die erreicht, ist das schon verdammt viel.

Dieser „Schwanengesang“ erreicht sie. Darum geht das Leipziger Publikum eine runde Stunde lang mit, folgt den Liedern mit atemloser Stille, versucht die Spannung, die sich in Drévilles (mit ihrem französischen Akzent befremdlich charmanten) Kraftausdrücken entlädt, mit verschämtem Gekicher abzuleiten, und klatscht hinterher begeistert Beifall. Anders als in Frankreich, Italien, Belgien, wo dieser „Schwanengesang“ zuvor zu sehen war. Da brach Empörung sich lauthals Bahn. Ob daraus abzulesen ist, dass das Euro-scene-Publikum sensibler ist oder das Gegenteil, das entscheide ein jeder für sich.

 

 

Von Peter Korfmacher

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