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Ein Menschenversteher - zum Tod des Schauspielers Dieter Pfaff

Ein Menschenversteher - zum Tod des Schauspielers Dieter Pfaff

Auferstehung ist am Mittwoch. Psychotherapeut Maximilian Bloch trifft auf eine gestörte Frau, reagiert mal zornig, mal rau und ruppig, mal einfühlsam - und wird in einen Strudel aus Scheinwahrheit und Lüge gezogen.

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Letzter Auftritt: Dieter Pfaff als Psychotherapeut Maximilian Bloch mit Ulrike Krumbiegel als Clara in "Bloch: Das Labyrinth" (ARD, 13. März, 20.15 Uhr)

Quelle: WDRFrank Dicks

"Das Labyrinth" heißt das ARD-Psychodrama, das unerwartet zum Abschiedsdrama wird. Dienstag früh starb Dieter Pfaff im Kreis seiner Familie an Lungenkrebs. Nur ein halbes Jahr nach der Diagnose.

Dabei sah der Schwergewichtige immer aus, als ob ihn kein Sturm knicken könnte. Trotz seiner Kurzatmigkeit. Die kam vom Körper-Umfang, vom Gewicht und von den Zigaretten. Denen konnte er nicht widerstehen. Da mochte auf der Packung stehen, was wollte. Dieter Pfaff blieb ein starker Raucher. Mindestens eine Schachtel am Tag. "Wenn ich mich aufrege, auch mehr", sagte er einmal. Dass er nicht nur den Qualm, sondern auch gutes, reichliches Essen liebte, daraus machte er kein Hehl.

Kaum zu glauben, dass Dieter Pfaff die 100 Meter mal in 11,5 Sekunden gelaufen und 6,20 Meter weit gesprungen ist. Bis Anfang 30 soll er sogar spindeldürr gewesen sein. Dann legte er zu, stand aber immer zu seinem Gewicht. Er hatte es akzeptiert. Das wirkte in Rollen mitunter wie ein Panzer.

Dahinter konnte er Ruhe bewahren. Dahinter konnte er bei sich selbst sein. Dahinter brachte er auch das fertig, was ihm in seinen Anfangsjahren kaum einer zugetraut hatte: Hauptrollen zu spielen, Serien und Filme zu tragen. Das schaffte er mit Selbstvertrauen und Mut. In einer Schublade machte er es sich nie bequem in jenem zweiten Leben, das mit Mitte 30 begann. Da wurde Dieter Pfaff endlich Schauspieler.

Den Traum träumte der Sohn eines Polizisten seit Gymasiumstagen. Danach brach er mit 22 ein Germanistik-Geschichts-Studium ab und ging als Regieassistent ans Theater Dortmund. Paderborn, Dortmund, Landestheater Tübingen, Nürnberg, München das Theater am Turm in Frankfurt folgten. Er führte Regie, auch im Fernsehen, wollte Anfang der 80er jedoch lieber selber spielen. Der erste Erfolg kam ab 1984 mit dem tollpatschigen Polizisten Otto Schatzschneider in "Der Fahnder". Der war er zwölf Jahre lang.

Rollen-Treue gehörte fortan zu Dieter Pfaff. Neun Jahre (1996 - 2007) war er der grüblerische, wortkarge Kommissar Hans Sperling in der ZDF-Krimireihe "Sperling", elf Jahre (2002 - 2013) der Psychotherapeut Maximilian Bloch in "Bloch", dem Mann, der in Seelen blicken kann, acht Jahre (2004 - 2012) der Anwalt Gregor Ehrenberg in "Der Dicke", der den kleinen Leuten im Hamburger Kiez Rechtsbeistand gibt. Da nehmen sich die zwei Jahre (1995 - 1997) als Kriminaloberrat Vollmer in "Balko" (RTL) oder der ARD-Dreiteiler "Unser Pappa", in dem Dieter Pfaff sich vom Zahnarzt zum Schwarzwald-Bauern veränderte, schon bescheiden aus. Um den Ex-Kommissar und Krimiautor Balthasar Berg wird es nun keine weiteren Insel-Fälle geben. "Sylt sehen und sterben", im November 2012 im ZDF ausgestrahlt, ist wohl ein Einzelstück. Fortsetzungen waren geplant.

Nach dem Erfolg als Polizist in "Der Fahnder" hätte Dieter Pfaff weiter der komische Dicke bleiben können. Er tat es aber nicht. Er wurde Charakterspieler. Er füllte Charakterrollen. Er war beinahe 50, als er dort angekommen war, wo er schon immer hinwollte - in der Satire "Goebbels und Geduldig", in "Die Affäre Semmerling", als Genscher in "Im Schatten der Macht" (Thema: Rücktritt von Willy Brandt), als abgehalfterter Moderator in der Mediensatire "Late Show" oder als pensionierter Kommissar in dem skurrilen Kinokrimi "Der tote Taucher im Wald".

Vor zehn Jahren durfte Dieter Pfaff dann endlich auch mal einer Leidenschaft vor der Kamera frönen, die lange im Privaten verborgen gelegen hatte: Er konnte als Psychiatrie-Insasse mit der Gitarre pfundig rocken und singen - und hatte daran in "Verrückt ist ganz normal" (ARD) sichtlich genauso viel Spaß wie am Franziskanerpater Ludger in "Bruder Esel" (RTL).

Das funktionierte alles, weil der späte Schauspieler Dieter Pfaff, der so wunderbar ruhig, gelassen und gedämpft hitzige Situationen unterspielen konnte, eigentlich immer auch Therapeut sein wollte. In Rollen dramatisch und spielerisch die Abgründe der menschliche Seele erkunden, das trieb ihn an. Er wollte Menschenversteher sein - und glaubwürdig leben. So zog er denn auch 2010 mit seiner Frau und den Familien ihrer Zwillinge in ein Generationen-Haus in Hamburg-Altona.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.03.2013

Norbert Wehrstedt

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