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Ein Schimmer matten Goldes: Das Weihnachtsoratorium mit den Thomanern

Premiere für Gotthold Schwarz Ein Schimmer matten Goldes: Das Weihnachtsoratorium mit den Thomanern

Er hat das Weihnachtsoratorium mit den Thomanern schon öfter dirigiert, dennoch war es für Gotthold Schwarz am Wochenende eine Premiere. Drei Mal dirigierte er seine Thomaner in der restlos ausverkauften Leipziger Thomaskirche – als Thomaskantor. Mit ausgiebigem Beifall begleitet, teilweise euphorisch bejubelt wurden am Ende die Leistungen aller Beteiligten.

Lassen die Kantaten prachtvoll glänzen: Die Thomaner unter der Leitung von Thomaskantor Gotthold Schwarz.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Es ist eine Tradition, die jedes Jahr aufs Neue mit Leben gefüllt werden will – und eine, die sich aus einer Paradoxie speist. Denn nichts Anderes ist das Weihnachtsfest genau genommen. Hier der über die Dunkelheit triumphierende heidnische sol invictus, die unbesiegbare Sonne, dort das armselige Kind in der Krippe. „Näher, niedriger, heimlicher kann kein Blick in die Höhe umgebrochen werden“, hat Ernst Bloch in seinem Prinzip Hoffnung die Geburt im Stall interpretiert.

Von solchen inneren Spannungen legt in der abendländischen Weihnachtsmusik kein Werk wahrhaftiger klingend Zeugnis ab als Bachs Weihnachtsoratorium. Hier die schwärmerische Seele, die ihrer Erlösung im Göttlichen entgegenstrebt, dort die im Eingangschor vollzogene ekstatische Verherrlichung des in die Welt gekommenen Gottes mit den sprichwörtlich gewordenen Pauken und Trompeten. Eine mystische Schau mit Mitteln, wie nur die Musik sie bereitzustellen im Stande ist – und sich dabei herzlich wenig schert um theologische Spiegelfechtereien welcher Fraktion auch immer.

Musikwunder aus recyceltem Material

Dass dieses Musikwunder größtenteils aus recyceltem Material seine Gestalt gewinnt, geformt ist aus Arien und Chorsätzen, die der Pragmatiker Bach zuvor in weltlichen Kantaten und Festmusiken untergebracht hatte, gehört zu den weiteren Spannungen, aus der diese so herrliche wie verherrlichende Musik ihre Kraft schöpft. Ob sich die ungebrochene Faszination, die vom Weihnachtsoratorium auch in säkularen Zeiten ausgeht, dadurch erklärt?

Davon unbenommen ist die Thomaskirche am Freitagabend mit Busladungen von Leipzig-Touristen aus Nah und Fern restlos gefüllt (auch die Aufführungen am Samstag und Sonntag sind seit Monaten ausverkauft). Ein paar Extra-Stühle in den Gängen sind sogar noch dazu gekommen. Beim Weihnachtsoratorium mit den Thomanern unter der Leitung von Gotthold Schwarz ist das nichts Neues. Schwarz stand im Übrigen bei den letzten Ausgaben schon öfters am Pult des Chores – vertretungsweise. Als dessen Kantor ist die Aufführung anno 2016 indes sein Debüt. Und da stellt sich schnell eine Tendenz bei der kanonischen Aufführung der Kantaten I bis III und VI heraus: Ihm ist es mehr um die Verherrlichung, um das Jubilieren dieser Musik zu tun. Er lässt die Kantaten da, wo sie virtuos Fahrt aufnehmen, prachtvoll glänzen, vermittelt in den Momenten innerer Einkehr aber kaum die Ruhe, in der sie von innen zu leuchten beginnen. Brich an, du schönes Morgenlicht verliert bei Schwarz‘ Tempowahl von dem warmen Licht, das sich eigentlich verströmen möchte.

Energiereiche Schübe

Flotte Tempi haben aber auch ihr Gutes. Die III. Kantate lässt er mit straffen Übergängen in den strahlenden Chor Herrscher des Himmels münden, der seine Schlusswirkung nicht verfehlt. Die Thomaner können ihm dabei immer folgen, ohne wuchtige Klangmassen zu türmen: Ob die energiereichen Schübe der fugato-Einsätze im Eingangschor der VI. Kantate (Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben), ob die licht und klar klingenden Choräle, auf die sich mattes Gold zu legen scheint. Zusammen mit dem seidigen Streicherklang des Gewandhausorchesters formt sich so ein wohlbalanciertes Klangbild, das kammermusikalische Details nicht überdeckt.

Derer gibt es nämlich viele zu entdecken, allen voran die fein ziselierenden Holzbläser (Flöten: Katalin Stefula, Leonie Brockmann, Oboe d’amore: Philippe Tondre, Daniel Wohlgemuth). Bei den Sängern gibt es zunächst eine Personaländerung zu vermelden und nachher sehr viel Gutes zu berichten. Susanne Krumbiegel ersetzt die erkrankte Sarah Connolly. Zu Beginn noch etwas introvertiert, überzeugt sie mit ihrer vollen und runden Altstimme, einem honigweichem Timbre und pastosen Tönen in der Höhe. Bassist Andreas Scheibner ist sofort mit fesselnder Präsenz zur Stelle. Im sattem Fundament stets fokussiert, imponiert er mit plastischer Darstellung, wenn er beispielsweise den Herodes in wenigen Rezitativzeilen lebendig werden lässt.

Teilweise euphorisch bejubelt

Bei den Tenören erweist sich Evangelist Tilman Lichdi mit silberheller Stimme und bester Textverständlichkeit als kluger Erzähler, der die Spannungsfäden zu straffen versteht und dabei immer durchlässig bleibt für die Emotionen, die das Mysterium des Fleisch gewordenen göttlichen Wortes von ihm erfordert. Auch Martin Lattke kann im behände vorgetragenen „Frohe Hirten, eilt, ach eilet“ unter Beweis stellen, dass er über eine geläufige Gurgel verfügt. Nur die Sopranistin Catalina Bertucci fällt im Ensemble der Solisten dann doch etwas ab, weil sie ihre Spitzentöne allzu oft herausschleudert und sie insgesamt zu druckvoll singt. Mit ausgiebigem Beifall begleitet, teilweise euphorisch bejubelt werden am Ende die Leistungen aller Beteiligten.

Von Werner Kopfmüller

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