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Ein Theo Lauch hat seinen Preis: Spielstarke "Kunst"-Premiere im Revue-Theater am Palmengarten

Ein Theo Lauch hat seinen Preis: Spielstarke "Kunst"-Premiere im Revue-Theater am Palmengarten

es ist ein Lauch. 200.000 Euro hat der Hautarzt Jo für ein Kunstwerk bezahlt, 1,60 Meter mal 1,20 Meter, ganz in weiß. Sein Freund Jörg, ein Ingenieur, verzweifelt an der Tatsache, dass er Jo mag, aber den Jo nicht mögen will, der ein weißes Bild für 200.000 Euro kauft.

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Handfest: Jörg Metzner, Didi Voigt und Jo Gabriel (von links).

Quelle: Wolfgang Zeyen

Das ist der Preis. Der sich "aus Snobismus einseifen" lasse. Zwischen ihnen steckt Didi, er tut sich generell schwer, eine eigene Meinung zu vertreten. "Weil ihm alles wurscht ist", wirft ihm Jörg vor.

Die Leipziger Regisseurin Simone Danaylowa verändert ihre Fassung von Yasmina Rezas Erfolgsstück "Kunst", die am Mittwoch im Revue-Theater am Palmengarten umjubelte Premiere hatte, zwar im Titel und gibt ihrer Version seltsamerweise die Überschrift "Ist das Kunst oder kann das weg?" (so ähnlich heißt das aktuelle Bühnenprogramm Mike Krügers). Danaylowa vertraut dann aber weitgehend aufs Original der weltweit zurzeit meistgespielten lebenden Theaterautorin.

Und das ist nur allzu logisch: Zu Rezas Markenzeichen gehören glaubwürdige Charaktere und beeindruckende Dialoge, die spontan und schlagfertig scheinen, aber wahnsinnig durchdacht sind. Schon die Leipziger Inselbühne verließ sich vor 13 Jahren in ihrer "Kunst"-Adaption ganz auf den Sprachwitz der Französin. Ein Regisseur braucht nicht viel mehr als drei spielstarke Darsteller - und die hat Danaylowa nun in Johannes Gabriel, Dietmar Voigt und Jörg Metzner gefunden.

Das Bühnenbild besteht folglich aus nicht mehr als zwei leuchtend grünen Sitzwürfeln - plus einer weißen Leinwand natürlich. Die wuchtet Jo zu Beginn vom Rang des Theaters nach unten ins Parkett in die Arme seiner Freunde. Das Publikum ist gleich mittendrin im Drama. Wenn das Ensemble dann doch gelegentlich ins Manuskript eingreift, teilweise sogar improvisiert, geschieht das mit feinen Ideen. Heißen schon die Figuren nicht Serge, Yvan und Marc, sondern wie ihre Schauspieler Jo, Didi und Jörg, so erhält auch der Urheber des umstrittenen Gemäldes ein wenig Lokalkolorit. Nicht auf den Namen Antrios hört er, vielmehr auf Theo Lauch. Der hat, wie man in Leipzig ahnt, durchaus seinen Preis.

Die drei verabreden sich nicht zum feinen Dinieren, zum Abendessen in einem Restaurant "mit original sächsischer Küche" wollen sie, wo zum Beispiel Rostbrätel mit Lauch auf dem Speiseplan steht. Ebenso hinreißend kommen sie vom Weg an jener Stelle im Skript ab, an der Didi seine Freunde fragt, ob ihnen klar sei, "dass ich weinen kann". Eine Diskussion unter Schauspielern entspinnt sich daraus. Vor allem Metzner möchte ehrlich wissen, wie das geht: auf der Bühne zu flennen. "Denkt man an etwas Trauriges?"

Als er aber, ganz Rationalist, bald mutmaßt, dass es heulende Schauspieler auch für Kunst hielten, sich splitternackt auszuziehen, ist er wieder in seiner Rolle. Nur einmal verlässt er sie noch - höchst subtil: Jörg beschließt, unangenehme Wahrheiten (über weiße Kunst) künftig möglichst freundlich auszudrücken. Und seine Hände bilden eine Merkel-Raute.

Dass Jo zu weißen Handschuhen ein T-Shirt der Moritzbastei mit dem Aufdruck "Im Niveau flexibel" trägt, ist ein netter Gruß an die Kollegen. Übertourt geraten aber Didis allzu karierter Anzug und das Ringer-Dress, zu dem sich Jörg entkleidet. Wieso? Eigentlich offenbart die Ironie in "Kunst" zunehmend ihren traurigen Charakter: Die Tragik liegt weniger in den unterschiedlichen Kunstauffassungen der Freunde als in ihrer Unfähigkeit, miteinander zu lachen. Den ernsten Kern übertüncht Danaylowa auch zwischen den Szenen: Zu Fifties-Rock'n'Roll mutieren Jo, Didi und Jörg, deren Klugheit sich zeigt, sobald sie den Mund öffnen, zu tänzelnden Witzfiguren.

Macht aber nichts. Mag Yasmina Reza ihr Stück auch für ein Drama halten, so demonstriert Simone Danaylowa aufs Neue, dass es ebenso glänzend zur Boulevardkomödie taugt.

"Ist das Kunst oder kann das weg?", wieder heute, 20 Uhr, sowie 13. Oktober, 10. November und 8. Dezember, jeweils 18 Uhr, Revue-Theater am Palmengarten (Jahnallee 52), Karten für 18/17 Euro: 03412255172

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 27.09.2013

Mathias Wöbking

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