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Ein Vierteljahrhundert Frauenkultur Leipzig: Kleine Schritte in Richtung Gerechtigkeit

Soziokulturzentrum Ein Vierteljahrhundert Frauenkultur Leipzig: Kleine Schritte in Richtung Gerechtigkeit

Soziokulturelle Vorreiterin seit Oktober 1990: Die Frauenkultur Leipzig wird 25 Jahre alt. Von der Stadtteilarbeit ist die Initiative längst ebenso wenig wegzudenken wie vom Leipziger Kulturleben. Und doch ist das Vereinsziel – die Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern – auch nach einem Vierteljahrhundert alles andere als erreicht.

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Der Chor Canta Animata gratuliert beim Frauenkultur-Geburtstagsfest 2015.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Wenn man genau ist, birgt das Jubiläum der Leipziger Frauenkultur auch ein Scheitern. „Wir sind im Tun, um uns selbst abzuschaffen!“, lautet einer der Grundsätze des Soziokulturzentrums, nachzulesen auf dessen Internetseite. Sollte die Vision der Macherinnen „vom gleichberechtigten Miteinander von Frau und Mann in allen Lebensbereichen“ irgendwann Wirklichkeit werden, steht die Vereinsauflösung an.

„Nein, überflüssig sind wir leider nach wie vor überhaupt nicht“, sagt Christine Rietzke. Sie ist seit 25 Jahren dabei – und hat somit auch ganz allgemein die Soziokultur in Leipzig von ihren Anfängen an miterlebt und mitgestaltet. Die Frauenkultur ist eines der fünf Zentren, die 1990 ihre Arbeit aufnahmen, neben Anker, Conne Island, Nato und Haus Steinstraße. Ihnen ist zu danken, dass Leipzig damals fast wie aus Versehen in eine Vorreiterrolle rutschte. Der Deutsche Städtetag hatte zuvor das soziokulturelle Modell der „Freien Trägerschaft“ unter anderem für die Kultur vorgestellt und bundesweit angeregt, ihm nachzueifern.

Als Grundsatz zeichnet die soziokulturelle Arbeit der Frauenkultur seither aus, dass sie, so Rietzke, „generationsübergreifend und beteiligungsorientiert“ sei. Was auch bedeutet: „Wir waren von Anfang an offen für Frauen und Männer.“ Dennoch eckte das Projekt mit der Forderung nach Geschlechtergerechtigkeit Anfang der 90er an. So sehr, dass Rechtsextreme das erste Domizil im Stadtteil Schönefeld noch vor der Eröffnung überfielen.

Girardet und der Kohleofen

Projekte wie die ersten Frauenkulturtage in den neuen Bundesländern – 1992 formlos auf einem karierten Zettel beim Kulturamt beantragt – machten aus der Initiative gleichwohl rasch einen wichtigen Akteur nicht nur der Stadtteilarbeit, sondern auch des Leipziger Kulturlebens. Auch wenn Georg Girardet, Kulturbürgermeister von 1991 bis 2009, nie seiner selbst formulierten Lust nachgab, einmal den alten Kohleofen der archaischen Heizungsanlage des ehemaligen Jugenklubhauses in Schönefeld zu beheizen. Immerhin eine halbe Stunde hätte er dafür in seinem Terminplan reservieren müssen.

Die Frauenkultur verließ das marode Gebäude 1993, kam vorübergehend im Budde-Haus in Gohlis und bald in der Braustraße in der Südvorstadt unter. Nahezu ideale Voraussetzungen für die vielfältige Arbeit haben die Mitarbeiterinnen, seit sie im Mai 2000 die einstige Werkskantine des VEB Werkstoff-Prüfmaschinen auf dem Areal der Kulturfabrik Werk 2 bezogen – samt Bühne für Konzerte, Lesungen und Vorträge, samt kleineren Zimmern für Kurse und Büro, samt einem Café, in dem sich regelmäßig Arbeitsgruppen oder Stammtische treffen und an dessen Wänden Platz für Ausstellungen ist.

Auch außerhalb der Räume in der Windscheidstraße ist die Frauenkultur mit Projekten aktiv: etwa seit 1999 beim jährlichen Mädchen-Erlebniscamp und seit 2010 mit Jugendlichen beim „Edu­caching“. Die Touren verknüpfen die moderne Schnitzeljagd namens Geo­caching mit der Frage: Was hat Demokratie mit mir zu tun? 2011 gab die Frauenkultur zudem eine Anti-Mobbing-Fibel für Sechs- bis Zwölfjährige heraus und seit 2012 geben Sozialpädagoginnen der Frauenkultur Fair-Play-Kurse in Horten. 2014 öffnete der interkulturelle Mädchentreff MiO im Leipziger Osten.

Einiges hat sich in den 25 Jahren bewegt

Am jährlichen Leipziger Christopher Street Day ist die Frauenkultur seit Beginn 2005 beteiligt. 2008 produzierte das Soziokulturzentrum die Doku „Die schlimmste Form des Schleiers ist das Schweigen“, die noch heute ab und zu in Programmkinos läuft. Ebenso ist die Wanderausstellung „Mutter, sorg dich nicht. Hier ist alles in Ordnung“ über den Alltag von Frauen 1989, entstanden 2009, noch immer im Land unterwegs. Gleichfalls 2009 richtete man die erste bundesweite Frauenkulturkonferenz aus.

In einem Team aus zwei Vollzeitbeschäftigten, mehreren projektbezogenen Teilzeitkräften und viel ehrenamtlicher Unterstützung stemmt die Frauenkultur all ihre Vorhaben. Je nach Thema gehen Förderanträge an Kulturamt, Jugendamt, Sozialamt oder Amt für Migration. Von Geschlechtergerechtigkeit kann zwar auch heute in Leipzig noch nicht wirklich die Rede sein. Aber einiges hat sich in den vergangenen 25 Jahren bewegt, findet Rietzke: „Es gibt heute mehr Musikerinnen, vor allem Singer/Songwriterinnen, und mehr Regisseurinnen als 1990.“

Wie in Wirtschaft und Wissenschaft dünnt sich der weibliche Anteil jedoch aus, je höher es die Karriereleiter hinaufgeht. „An der HGB schließen gleich viele Frauen wie Männer ab“, so Rietzke, „aber die meisten Förderpreise gehen nach wie vor eher an Künstler als an Künstlerinnen. Das hat oft etwas mit der Besetzung der Jurys, den noch immer unterschiedlichen Berufsbiografien von Frauen und Männern, den geschlechtsspezifischen Zuschreibungen zu tun.“ Das Gleiche gelte für Intendanzen oder Chefdirigate. Und auch 80 Prozent der Jugendlichen, die an Bandwettbewerben teilnehmen, sind Jungs. Nicht zuletzt deshalb rief die Frauenkultur 2011 zu einem Instrumental-Wettbewerb für Musikerinnen zwischen 9 und 18 auf.

Vom Geschlechter- hin zum Genderbegriff

Feministische Debatten der vergangenen 25 Jahre haben freilich auch die Leipziger Frauenkultur beschäftigt. Etwa der Wandel vom Geschlechter- hin zum Gender-Begriff: „Auch wir lernen ständig dazu“, sagt Rietzke, „und geben dies in unterschiedlichen Veranstaltungsformaten weiter“. Beispielsweise in der Reihe „Gender-Quartett“, bei der vier Podiumsgäste über neue Bücher zum Thema diskutieren. „Nur zu wissen, reicht nicht“, heißt ein Theaterstück, das dieses Jahr in Projekt-Trägerschaft der Frauenkultur entstand. Die jungen Schauspielerinnen des „Queer-feministischen Kollektivs Manuel Bäumlisberger“ führten Auszüge aus der Inszenierung kürzlich auch bei der Frauenkultur-Geburtstagsfeier auf – samt der Forderung an die geladenen Gäste, gesellschaftlich aktiv zu werden.

Ganz nach dem Motto, das die Frauenkultur 2001 im Eindruck der Anschläge vom 11. September zur Überschrift „Chinesische Geige gegen den Terror“ inspirierte: Es sind oft nur kleine Schritte; auch die in Richtung Geschlechtergerechtigkeit. Aber über einen langen Zeitraum kann man selbst mit kleinen Schritten sehr weit kommen.

Die Ausstellung „25 Jahre Frauenkultur Leipzig“ ist noch bis 11. November, montags bis freitags, 10 bis 16 Uhr, geöffnet, Eintritt frei. Zudem rund um Veranstaltungen herum, zum Beispiel Samstag, 20.30 Uhr, beim Konzert der 19-jährigen Rapperin Jennifer Gegenläufer in der Frauenkultur (Wind­scheidstraße 51), Eintritt 12/9 Euro. Nächstes Gender-Quartett am 26. November; www.frauenkultur-leipzig.de

Von Mathias Wöbking

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