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"Ein Vollendeter und Vollender": Mendelssohn-Preisträger Thomas Hampson im Interview

"Ein Vollendeter und Vollender": Mendelssohn-Preisträger Thomas Hampson im Interview

Ein Weltstar in Leipzig: Thomas Hampson ist der derzeit wohl maßgebliche Bariton - nicht nur im Liedfach. Heute singt er im Gewandhaus Mendelssohn und Schubert, am nächsten Samstag wird er mit dem Leipziger Mendelssohn-Preis ausgezeichnet.

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"Ein Sänger ist ein Sänger. Punkt!" Thomas Hampson vor der Alten Handelsbörse.

Quelle: André Kempner

Peter Korfmacher sprach mit ihm.

Frage: Wie kommt man als US-Sänger zum deutschen Kunstlied?

Thomas Hampson: Es war meine erste Gesangslehrerin. Eine Nonne, eine fantastische Stimmerzieherin. Sie fragte mich, wohin ich mich beruflich orientieren wollte. Ich studierte damals Literatur, konnte mir eine Karriere als Anwalt vorstellen oder als Diplomat. Und sie sagte zu mir: "Das klingt alles gut und richtig, aber ich spüre eine künstlerische Seele in dir. Wenn sie sich meldet, kannst du mich anrufen." Die Seele hat sich gemeldet, ich habe sie angerufen. Und schon in der ersten Gesangsstunde sagte sie zu mir: "Du bist ein sehr natürlicher Sänger, das müssen wir erhalten. Dazu hast du schon ein wenig Deutsch studiert." Da lag für sie und für mich das deutsche Lied nahe.

Welchen Stellenwert hatte denn damals das Genre in den Staaten?

Ich war auf einer Privatschule, sehr kultiviert, fest in der protestantischen Tradition stehend. Da wurde viel gesungen - vor allem zum Lobe Gottes. In den Musik-Colleges war das Kunstlied natürlich wichtig. Aber auf einem solchen war ich nicht. Im allgemeinen Kulturleben spielte das auch keine so große Rolle. Mein Bedürfnis, möglichst tief einzutauchen in diese Welten der Seele aus Klängen und Worten, kam mit der Beschäftigung. Die Nonne hat mir die Zusammenhänge gezeigt, und es hat mich nie wieder losgelassen.

Und wie ist es heute? Hierzulande steht es nicht gut ums Kunstlied...

...das muss man weiter fassen. Die Frage rührt an die Grundfesten der musischen und kulturellen Bildung. In den USA ist derzeit nicht abzusehen, wohin die Reise führt. Ob die Kultur nicht hinten runterfällt in einem Ausbildungssystem, das allzu eng den unmittelbaren Profit in den Fokus nimmt.

Wie bei uns...

...ja! Und wenn ihr schon den Begriff von einer umfassenden Bildung aus dem Auge verloren habt...

...zurück zum Kunstlied!

Das hatte eine Blüte in den 60ern und 70ern. Große Interpreten wie Fischer-Dieskau, Prey, Schreier, Schwarzkopf, Ludwig haben ihm mit höchster Qualität ein großes Publikum erschlossen. Auf der anderen Seite ist es dabei aber auch akademisiert, zur Wissenschaft gemacht worden, es wurde zum Fach. Und das hat der Musik noch nie gut getan.

Wie meinen Sie das?

Mich macht das immer sehr misstrauisch, wenn ich höre, jemand sei Liedsänger oder Opernsänger oder Oratoriensänger. Ich finde, ein Sänger ist ein Sänger. Punkt! Was Schwerpunktsetzungen natürlich nicht ausschließt. Ich singe gern und viel Lied. Aber darum bin ich doch nicht nur Liedsänger! Diese Fach-Mentalität ist ungesund, dagegen müssen wir ankämpfen.

Sie bekommen in der nächsten Woche den Leipziger Mendelssohn-Preis...

...worüber ich mich sehr freue. Aber ein wirklicher Mendelssohn-Experte bin ich nicht. Ich habe viele seiner Lieder gesungen, aber immer eingebettet in thematische Programme mit anderen Komponisten. Einen reinen Mendelssohn-Liederabend habe ich noch nicht gemacht.

Dann wird es aber Zeit!

Da haben Sie Recht. Ich werde sehen, was ich tun kann - und dann natürlich in Leipzig.

Das Lied hat es nicht leicht, das von Mendelssohn tut sich noch ein wenig schwerer. Schwerer als das Schumanns beispielsweise. Haben Sie eine Ahnung, warum das so ist?

Ich glaube, es liegt daran, dass Mendelssohn nicht zu den großen Erneuerern und Revolutionären der Musikgeschichte zählte, sondern ein Vollendeter und Vollender war. Schumanns Lied-Muse war vor allem Schubert, Mendelssohn blickte eher auf Mozart. Aus Schumanns Liedern brechen Welt und Seele heraus. In Mendelssohns Lieder müssen wir sehr sensibel hineinhorchen, um sie zu finden. Seine Liedmelodien sind wunderbar in ihrer ästhetischen und formalen Vollkommenheit, aber manchmal könnten sie auch von einem Instrument gespielt werden.

 

 

Heute, 20 Uhr: Thomas Hampson singt im Gewandhaus Lieder von Mendelssohn, Schubert und anderen. Am Klavier begleitet Wolfram Rieger. Restkarten (25 Euro) gibt's noch an der Abendkasse. Am 28. September, ab 19 Uhr, erhält Hampson im Rahmen einer Gala im Gewandhaus gemeinsam mit Richard von Weizsäcker und Markus Lüpertz den Internationalen Mendelssohn-Preis der Stadt Leipzig. Karten (20-70) Euro unter Telefon 03411270280.

Zur Person: Thomas Walter Hampson wird am 28. Juni 1955 in Elkhart im US-Bundesstaat Indiana geboren. Er wächst in Spokane (Washington) auf, wird Schüler von Marietta Coyle, Elisabeth Schwarzkopf, Martial Singher und Horst Günter. Er singt Opern, Operetten, Musicals, Oratorien und Lieder. Sein Repertoire umfasst Titel- und Hauptpartien aus Opern Mozarts, Verdis und Tschaikowskys ebenso wie aus Werken von Gluck, Wagner, Massenet, Strauss, Busoni und Szymanowski.

Positive Kritik erhielt und erhält Thomas Hampson besonders als Interpret der großen Tradition des Kunstliedes (Schubert, Schumann, Wolf) wie auch unbekannterer Werke der Lied-Geschichte (Barber, Berlioz, Copland, Ives, Meyerbeer) und der Orchester- und Klavierlieder Gustav Mahlers.

Im Herbst 2003 ruft er die Hampsong Foundation ins Leben, die Forschungsprojekte, Symposien, Meisterkurse und Gesprächskonzerte unterstützt und veranstaltet.

Bei den Salzburger Festspielen tritt er seit 1988 auf. Neben Konzerten und Liederabenden singt er Hauptrollen in zahlreichen Opern.

Hampson ist Vater einer Tochter aus erster Ehe, er lebt mit der Österreicherin Andrea Herberstein in der Schweiz und in den Vereinigten Staaten. Sein Schwiegersohn ist der italienische Bass-Bariton Luca Pisaroni.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 17.09.2013

Peter Korfmacher

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