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Ein heikler Dreier: Mel Ramos, Wolfgang Joop und Richard Müller im Bildermuseum

Ein heikler Dreier: Mel Ramos, Wolfgang Joop und Richard Müller im Bildermuseum

Ein Pop-Art-Künstler, ein Modedesigner und ein Maler mit höchst fragwürdiger Vergangenheit. Nach Max Klinger, Richard Wagner und Karl May wagt das Museum der bildenden Künste einen noch gewagteren Dreier.

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Richard Müller: Im Atelier, 1907, Öl auf Leinwand, 111,5 × 150 cm.

Quelle: Museum der bildenden Künste Leipzig

Die Ausstellung "Die Schöne und das Biest" mit insgesamt rund 160 Arbeiten von Mel Ramos, Wolfgang Joop und Richard Müller wird am Samstag um 18 Uhr eröffnet. Im Vorfeld gibt es auch Kritik an diesem Zusammenspiel.

 Eigentlich scheint alles angerichtet für ein leichtes wie frivoles Bildermenü mit Blockbuster-Potenzial. Ab diesem Samstag zeigt das  Museum der bildenden Künste in Leipzig "Die Schöne und das Biest". Um Frauen - vorzugsweise unbekleidet - und Tiere geht es. Präsentiert werden vor allem der kalifornische Pop-Art-Künstler Mel Ramos und der sächsische Künstler Richard Müller (1874-1954). Dazu gibt es eine Prise Glamour: Zur Eröffnung kommt der Dritte im Bunde, Modedesigner Wolfgang Joop. Auch von ihm sind eigene Arbeiten zu sehen. Er ist außerdem Leihgeber zahlreicher Werke Richard Müllers und Katalogautor.

 Und hier beginnt das Problem einer Ausstellung, die dem Aufbaupersonal angesichts der überbordenden Weiblichkeit dem Vernehmen nach erheblichen Spaß bereitet haben soll, Kunsthistoriker aber irritiert. Denn das "Biest" dieser Schau ist dieser Richard Müller, der nach 1933 eine unrühmliche Rolle in der nationalsozialistischen Kulturpolitik spielte. Er wirkte an der Ausstellung "Entartete Kunst" in Dresden mit, die als Blaupause der berüchtigten Schau in München von 1937 gilt. Darüber schrieb Müller einen Hetzartikel, der im "Dresdner Anzeiger" erschien und sich vor allem gegen Otto Dix richtete. Zwar traf Müller der Vorwurf des Verfalls später selbst, er wurde 1935 vom Amt des Rektors suspendiert, blieb als Maler bei den Nazis aber durchaus geschätzt. Als ein Weihnachtsgeschenk für den Führer war eine Folge von 56 Zeichnungen "Aus der Heimat Adolf Hitlers und denkwürdige Stätten des nationalsozialistischen Deutschlands" gedacht.

 "Reichlich erstaunt über die offensichtlich ahistorische Ausstellung" zeigte sich gestern Christoph Zuschlag, Autor des Standardwerks "Entartete Kunst. Ausstellungsstrategien im Nazi-Deutschland" gegenüber der LVZ. "Müller war ein technisch virtuoser Handwerker, der herumklingerte, aber nicht an sein großes Vorbild heranreichte". Zuschlag, Professor für Kunstgeschichte und Kunstvermittlung an der Universität Koblenz, diagnostiziert bei dem Dresdner einen "verquasten Symbolismus. Ich finde die Arbeiten ganz grauenhaft." Müller sei ein übler Karrierist in der Nazizeit gewesen, der die Machtergreifung geschickt für eigene Zwecke genutzt habe. "Er hat kräftig profitiert und andere ans Messer geliefert." Zuschlag interessiere das kuratorische Konzept: Mel Ramos sei eine anerkannte Größe der Pop-Art. Ihn mit Müller zu kombinieren, bedeute für Letzteren eine Aufwertung, "die er in meinen Augen nicht verdient". Zuschlag hält die Konzeption "von außen betrachtet für sehr problematisch".

 Verschwiegen wird die Schlagseite Müllers keineswegs in der Ausstellung, die erstmals nach dessen Tod seine Arbeit als Zeichner, Grafiker und Maler mit einer umfangreichen Anzahl von Werken zeigt. Im Katalog befasst sich ein eigener Beitrag ausführlich mit seiner Rolle in der NS-Zeit. In der Schau selbst soll dazu ein Film gezeigt werden, außerdem gibt ein Biografie-Text gleich am Eingang Auskunft über die Verstrickungen Müllers. Fast alle der gezeigten Arbeiten entstanden vor 1933.

 Museumsdirektor Hans-Werner Schmidt sagt dazu: "Wir wissen um die Brisanz der Müller-Figur. Aber man kann ihm nicht das Etikett ,Nazi-Künstler' verpassen. Keines der in der Ausstellung gezeigten Bilder neigt irgendwie zu einer Nazi-Ideologie. Das ist zum Teil so schlüpfrig und romantisch im XXL-Format - das passt in keine Blut-und-Boden-Ideologie, die es ja auch vorbereitend gegeben hat."

 Er kenne Ramos seit Jahrzehnten, so Schmidt weiter. "Bei ihm gibt es zwei Stränge: die weibliche Figur und der Konsumartikel sowie das Weib und das Tier." Erst in Leipzig habe er das Werk von Richard Müller kennengelernt. "Ich sehe in ihm diesbezüglich einen Geistesverwandten von Ramos. Und als wir hier beschlossen, diesen Dialog zu machen, haben wir uns gefragt, wo wir die Werke hernehmen sollen." Schmidt wusste, dass Manfred Krug oder Richard von Weizsäcker Müller gekauft haben. "Dann aber bin ich auf einen der ersten privaten Sammler von Richard Müller im Westen gestoßen, nämlich Wolfgang Joop. Wir haben sein Atelier besucht, und dort habe ich gesehen, dass er sich selbst künstlerisch vor allem dem Schimpansen widmet." Das passte. "Nun ist er hier als Leihgeber, als Künstler und als Katalogautor vertreten."

 Noch etwas passt: An einem bundesweiten Projekt zur Erinnerung an den legendären jüdischen Galeristen Alfred Flechtheim beteiligt sich auch das Bildermuseum, zeigt mehrere Arbeiten, die von ihm angekauft worden waren. Nach 1933 setzte diesem auch Richard Müller zu. Er bezeichnete ihn als "jüdischen ehemaligen Getreidehändler", von dem "gute bodenständige Kunst so gut wie verdrängt" worden sei.

 iEröffnung: Samstag, 18 Uhr; bis 12. Januar 2014, Di und Do-So 10-18 Uhr, Mi 12-20 Uhr; Museum der bildenden Künste, Katharinenstr. 10 in Leipzig

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 10.10.2013

Jürgen Kleindienst

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