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Eine Wonne: Peter Gabriel mit Orchester vor 5000 Zuschauern in der Arena Leipzig

Eine Wonne: Peter Gabriel mit Orchester vor 5000 Zuschauern in der Arena Leipzig

Sich neu zu erfinden ist nicht einfach – mit 60 nach mehr als 40 Jahren als Pop-Musiker. Peter Gabriel ist es am Dienstagabend in der Arena Leipzig mit Hilfe eines Orchesters geglückt.

5000 Zuschauer lauschten gebannt.

Man darf Peter Gabriel zunächst zu der Übersetzerin gratulieren, die ihm seine charmanten Ansagen schreibt. Da tapert er mit einer Weste überm Hemd, das er sich wohlweislich nicht in die Hose überm Bäuchlein stopft, ins rote Licht. Und das Erste, was er vom Blatt abliest, nachdem er in freier Rede „Guten Abend“ und „Danke“ geradebrecht hat, lautet: „Es ist eine Wonne.“ Welch seltenes Wort, und wie gut passt es doch!

Eine Wonne. In Leipzig zu sein sowieso, und dass wir 5000 ebenfalls da sind, wie schön. Eine Wonne, wie eindringlich die zwei Lieder der Norwegerin Ane Brun klingen werden, liest er, umarmt sie und wird ihr die Bühne gleich überlassen. Zuvor erklärt Gabriel aber noch von der Wonne, sich gegenseitig den Rücken zu kratzen, um die es auf seiner „New Blood“-Welttour zurzeit geht.

Nach der Großeltern-Generation erreichen seit ein paar Jahren die Eltern des Pop das Vorruhestandsalter. Sie gehen unterschiedlich damit um, dass sie sich selbst und anderen nichts mehr beweisen müssen, zumal die Altersvorsorge sicher ist. Manche pflegen ihr Denkmal in Musicals (Abba, Queen), andere nudeln das alte Zeug lieber selbst ab (Yes, Foreigner, Meat Loaf, Jethro Tull) oder entdecken ganz frühe Zeiten (Robert Plant, Phil Collins). Viele Altstars nehmen alle fünf bis acht Jahre weitere Platten auf (Mark Knopfler, The Cure, Bruce Springsteen), die außerhalb der Fanschar kaum wer bemerkt. Aber das macht nichts, die Masse der Anhänger ist ja gewaltig. Peter Gabriel macht alles auf einmal.

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Leipzig. Peter Gabriel machte am Dienstagabend auf seiner „New Blood“-Welttournee Station in der Arena Leipzig. Knapp drei Stunden lang unterhielt der mittlerweile 60-jährige Ausnahmemusiker die 5.000 Fans. Gabriel stand jedoch nicht allein auf der Bühne. Mit großem Orchester präsentierte er die Stücke seines aktuellen Albums „Scratch My Back“. Den zweiten Teil des Konzerts dominierten Klassiker.

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„Du mackst meine Lieder“, liest er dem Publikum vor, „und ich mack eins von deinen“. Spätestens seit Johnny Cashs „American Recordings“ gilt es als ehrenvoll, Kompositionen anderer zu interpretieren. Das hat Gabriel mit dem Album „Scratch My Back“ Anfang des Jahres unter der Voraussetzung erledigt, dass sich die Kollegen bitteschön aus seinem Schaffen bedienen. Eine Sammlung namens „And I’ll Scratch Yours“ wollte er sich im Februar zum 60. Geburtstag schenken. Leider haben noch immer nicht alle geliefert, die sich am Präsent beteiligen sollten. Radiohead und Arcade Fire stellen sich wohl auf Dauer quer.

Die Zögerlichkeit hängt damit zusammen, dass Gabriel es mit seinen Cover-Versionen weder sich noch den anderen leicht macht. Statt eines Schlagzeugers und eines Gitarristen sitzen ihm auch in Leipzig gut 40 Orchester-Musiker im Nacken. Zunächst unsichtbar hinter einer rot leuchtenden Videowand verleihen Streicher und Bläser David Bowies „Heroes“ eine Schwere, die das Original überhaupt nicht aufweist. Mit dem ersten Fortissimo hebt sich der virtuelle Vorhang, und mag die Musik auf der Platte auch zu bombastisch drücken – das Live-Erlebnis gerät aus demselben Grund überwältigend.

Laut jubelt die Menge in den orchestrierten Vielklang hinein: So verhält sich nunmal ein Rock-Publikum – zu Recht. Es ist kein klassisches Konzert, dafür klirren die Geigen in den Höhen zu sehr. Ein Orchester in der Arena abzumischen, ist keine beneidenswerte Aufgabe. Nein, es handelt sich um eine symphonische Kompilation schöner Pop-Geschichten mit einer betörenden, ab und zu liebenswerten Lichtshow. Niedliche Strichfiguren schleppen das „Book Of Love“ der Magnetic Fields, ein tolles Lied in einer wunderschönen Fassung. In ruhigen Nummern wie Paul Simons „The Boy In The Bubble“ oder Randy Newmans „I Think It’s Going To Rain Today“, in denen Gabriel weitgehend nur zu Tom Cawleys Klavier singt, offenbart sich das ungeheure Volumen seiner berührenden Stimme. Hemmungslos jault er ins Geigen-Staccato von Regina Spektors „Après Moi“.

Mit Spannung haben die Fans vor allem den zweiten Teil des dreistündigen Auftritts erwartet. Jetzt nimmt sich Gabriel mit Hilfe seines Arrangeurs John Metcalfe und des Dirigenten Ben Foster das eigene Werk vor, ungefähr so wie zuletzt Sting. Geschickt hebt er sich Hits wie „Solsbury Hill“ und „In Your Eyes“ für den Schluss auf, damit die Zuschauer noch einen Grund finden, stehend zu applaudieren und sogar – wie der Sänger selbst – zu tanzen. Richtig so auf einem Pop-Konzert. Geschenkt, dass dafür ein Orchester nicht nötig wäre, Klavier und untermalende Streicher täten es auch.

Dafür sucht sich Gabriel ansonsten unbekanntere Kompositionen aus, deren wuchtiges Potenzial sich erst in der symphonischen Aufbereitung zeigt. Die Holzbläser liefern sich im verqueren „San Jacinto“ mit den Blechbläsern ein Rennen, wie es die Synthie-Sounds 1982 nicht halb so wild schafften. Bei „Rhythm Of the Heat“ pusten zunächst die Flötisten melodielos den treibenden Beat, dann klopfen Cellisten und Kontrabassisten auf ihre Instrumente. Heftiger Jubel folgt dem disharmonischen Wohlklang.

Mit „Mercy Street“ brechen zehn berühmte Minuten der Triangel an. Enorm leise und intensiv gelingt „Intruder“. Einem Einbrecher gleich schreitet die Hauptfigur über die Bühne, wie in einem Musical. Das dramatische Epos „Signal To Noise“ steigert sich in voluminösen Lärm hinein. Gabriel bricht die Spannung, wie es nur ein Engländer kann: Gemütlich schlappt er zur Thermoskanne, gießt sich Tee ein und schlürft genüsslich aus der Tasse. Stimmgewaltig vertritt Ane Brun, die Norwegerin aus dem Vorprogramm, Sinéad O’Connor in „Blood Of Eden“, Youssou N’Dour in „In Your Eyes“ und Kate Bush in „Don’t Give Up“. Der Versuchung, die Balladen mit einem orchestralen Teppich zu überdecken, hat Gabriel zum Glück widerstanden.

Das würdige Alterswerk beendet der freundliche Frührentner, wie er es begann: mit Worten der eloquenten Übersetzerin. „Wir wollen euch mit einem guten Gefühl nach Hause schicken“, sagt er, setzt sich an den Flügel. Und er spielt „The Nest That Sailed the Sky“ vom Album „Ovo“ so, dass es eine Wonne ist.

Mathias Wöbking

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