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Eine von 23: Kann die Leipziger HGB ihre Besonderheiten bewahren

Eine von 23: Kann die Leipziger HGB ihre Besonderheiten bewahren

Mit einem Festakt am 6. Februar und einem dichten Programm von Ausstellungen und Veranstaltungen feiert die Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) ihr 250-jähriges Bestehen.

Leipzig. Ein guter Anlass, Fragen nach dem heutigen und künftigen Profil zu stellen.

Der Festsaal ist gut gefüllt, einige Jugendliche stehen sogar hinter den Stuhlreihen. Über mangelndes Interesse kann die Leitung der Hochschule nicht klagen. Zu Beginn jeden Jahres lädt sie zum Tag der offenen Tür ein. Junge Leute, die an einem Kunststudium interessiert sind, können sich nach den einführenden Informationen die Werkstätten und Klassenräume ansehen und auch ihre Mappen zu einer fachkundigen Beurteilung vorlegen. Zwischen 200 und 300 Bewerbungen gehen in jedem der vier Studiengänge Grafikdesign/Buchkunst, Malerei/Grafik, Fotografie und Medienkunst ein. Weniger als 10 Prozent, zwischen 15 und 20 Studierende werden dann aufgenommen.

Die Nachfrage ist also viel größer als die Kapazität. Dennoch befindet sich die HGB in einer Konkurrenzsituation, nicht nur zur Dresdner Akademie, sondern auch zu weiteren 21 Kunsthochschulen in ganz Deutschland. Die Ausprägung eines starken und unverwechselbaren Profils ist da unerlässlich, um nicht bei einer ministeriellen Evaluierungsrunde als verzichtbar zu gelten.

Dass die heutige HGB mit knapp 600 Studierenden zu den kleineren deutschen Kunsthochschulen gehört, muss kein Nachteil sein. "Ich sehe dabei die Möglichkeit der Konzentration, auch insofern, dass die Studierenden schneller untereinander Kontakt kriegen, schneller miteinander zu arbeiten lernen, so dass das Studium hier eine große Intensität hat", sagt Joachim Brohm, Professor für Fotografie, von 2003 bis 2011 auch Rektor.

Als eine herausragende Besonderheit benennt die jetzige Rektorin Ana Dimke das Werkstättenprinzip. Derart gut ausgestattete Werkstätten für traditionelle Drucktechniken, aber auch audiovisuelle Medien und 3D-Modellierungen gäbe es nur an wenigen Akademien. "Unseren Studierenden wird so ermöglicht, ihre besonderen Interessen zu vertiefen, ihre Talente weiterzuentwickeln und neue künstlerische Wege zu erproben." Allerdings zeichnet sich perspektivisch ein Problem ab: "Der auch hier anstehende Generationswechsel stellt die HGB vor die Herausforderung, erneut solche versierten Spezialisten zu gewinnen, damit das breite Werkstatt-Spektrum, um das die Hochschule zu Recht beneidet wird, bewahrt und weiter entwickelt werden kann."

Ein echtes Alleinstellungsmerkmal ist das für alle Studiengänge verbindliche Grundstudium über zwei Jahre. Im Gegensatz zum "anything goes" mancher Akademien soll es Garant für solides handwerkliches Können sein. Wozu aber muss ein künftiger Videokünstler wissen, wie man eine Leinwand grundiert oder einen Baum zeichnet? Titus Schade, der 2009 sein Diplom als Maler gemacht hat, sieht darin Vorteile. "Ich halte das für interessant, wenn an einer Kunsthochschule sich nicht jeder nur mit dem eigenen Kram beschäftigt. Es ist sichtbar, dass zum Beispiel die Auseinandersetzung von Fotografen mit Zeichnung und Malerei sich auf ihre eigene Bildherstellung auswirkt, sie inspiriert." Ganz identisch ist das Grundstudium aber für die Studiengänge nicht. Und das "handwerkliche Können" muss wohl zumindest partiell als relativ angesehen werden. So spielt in der das Konzeptuelle betonenden Fotografie die Arbeit mit Kunstlicht, für einen gewerblichen Fotografenmeister unverzichtbar, nur eine untergeordnete Rolle. "Unser Augenmerk liegt nicht auf dem Handwerk per se", so Joachim Brohm. "Es geht darum, den einzelnen Studierenden individuell auf ihren Fall bezogen das zu vermitteln, was gebraucht wird."

Im Festhalten am Klassensystem sieht Annette Schröter, Professorin für Malerei, einen Vorteil. "Über die Verständigung und Vermittlung künstlerischer Fragestellungen hinaus, ist eine Klasse immer auch ein soziales Gefüge. Nicht zuletzt werden während des Studiums Freundschaften geschlossen, die mitunter ein Leben lang halten und nicht nur privat, sondern auch in Form von künstlerischer Zusammenarbeit über das Studium hinaus wirken." Joachim Brohm sieht das etwas anders: "Ich fand das Klassensystem schon vor zwanzig Jahren anachronistisch. Ich hätte mir immer vorstellen können, dass einzelne Lehrende Angebote machen, in die sich Studierende in freier Wahl einschreiben können."

Die letzte größere Umstrukturierung, jenes in dem Vierteljahrtausend Geschichte mehrfach zu findende "sich neu erfinden", fand Anfang der 90er statt, der Studiengang Medienkunst kam hinzu. Dass aber auch in anscheinend ruhigen Zeiten Turbulenzen auftreten können, zeigten die Querelen um die Nachfolge der von Neo Rauch 2009 aufgegebenen Professur. Seitdem steht die Frage im Raum, ob die "Leipziger Schule" einer bestimmten Richtung der Malerei eine Fortsetzung erfährt. Die gegenwärtige Personalstruktur sieht nicht danach aus. "Meine Klasse ist im Moment die einzige, die auf eine auf der Handzeichnung basierende Gegenständlichkeit orientiert", meint Annette Schröter. "Das hat aber nichts mit einem wie auch immer gearteten Diktat zu tun, sondern mit der künstlerischen Haltung der Lehrenden." Also mit der Besetzung der Professuren durch die Hochschulleitung.

Dass dabei keine Rückbesinnung angestrebt wird, betont die Rektorin: "Mittlerweile spielen mediale Entwicklungen wie das Internet eine immer größere Rolle, eine neue Professur wird den Schwerpunkt Film etablieren, und partizipative künstlerische Strategien wie auch andere Entwicklungen - zum Beispiel das Kuratorische - werden immer deutlicher von den Studierenden abgefragt." Aber sicherlich nicht von allen. Für Titus Schade war es trotz aller Akzentverschiebungen gerade diese "eigentümliche" Tradition des Malens, die ihn veranlasste, nicht woanders hinzugehen. "Als wir die Klasse von Peter Doig in Düsseldorf besuchten, sind uns Bilder begegnet, die denen aus Leipzig nicht unähnlich waren. Aber es war festzustellen, dass viele Studenten diese grundlegenden Dinge gar nicht beherrschten, wie man eine Hand malt oder ein Knie."

Seine Generation, zu der auch andere unterdessen erfolgreiche Maler wie Sebastian Nebe oder Julius Hofmann gehören, könnte die letzte in dieser Linie gewesen sein. Offenbar wird ein lokal gewachsenes, aber international bekanntes Markenzeichen einer Angleichung an andere Akademien geopfert. Statt einer Schärfung des Profils wäre Angleichung mit der Gefahr der Verwechselbarkeit das Ergebnis.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 30.01.2014

Jens Kassner

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