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Einigkeit und Mensch und Weitsicht

Jurek Becker 80 Einigkeit und Mensch und Weitsicht

Er schrieb Romane und Drehbücher und zeigte die Menschen mit ihrer Seele, ohne die Umstände zu verschweigen: Vor 80 Jahren wurde Jurek Becker geboren.

Es gibt sie noch, die DDR, nicht nur im Museum (wie auf dem Bild), im Buch und im Film. Jurek Becker hat hinter die Fassaden geschaut, um Heimat im Rahmen der Gesellschaft zu beschreiben.

Quelle: dpa

Leipzig. Vielleicht erinnert sich noch jemand an die Familie mit dem sprechenden Namen Grimm. Trude, Benno und Sohn Theo. Die Grimms waren so etwas wie Vorzeige-Ossis, aus denen ein westdeutscher Autor, der Herr Steinheim, eine Vorzeige-Fernsehfamilie machen sollte. Damit die Menschen „besser wissen, mit wem sie es zu tun haben“. Also Menschen, wie westdeutsche Fernsehmacher sie sich vorstellen.

„Wir sind auch nur ein Volk“ hieß die Serie, die 1994/1995 in der ARD zu sehen war. Mit Manfred Krug als Grimm und Dietrich Mattausch als Steinheim. Das Drehbuch stammte von Jurek Becker – dem Romancier, der mit „Jakob der Lügner“ bekannt geworden war.

Er war auch ein gewitzter Drehbuchautor, wie es sie heute selten gibt, die meisten kennen von ihm die Anwaltsserie „Liebling Kreuzberg“. Auch hier floss Menschenkenntnis in pointierte Dialoge.

Zum Geburtstag ein Geschenkbuch

Das ist lange her. Jurek Beckers Bücher sind inzwischen günstig zu haben. „Amanda herzlos“, „Irreführung der Behörden“ oder „Bronsteins Kinder“ gibt es bei Suhrkamp längst als Taschenbuch, „Jakob der Lügner“ jetzt zum 80. Geburtstag aber leinengebunden im handlichen Geschenkbuchformat mit Lesebändchen.

Jurek Becker, am 30. September 1937 im polnischen Lódz geboren, ist im Ghetto und in den Konzentrationslagern Ravensbrück und Sachsenhausen aufgewachsen, kam 1945 mit seinem Vater nach Berlin, hat Philosophie studiert und der SED angehört. Nachdem er 1960 aus politischen Gründen nicht weiterstudieren durfte, begann er, als freier Autor zu arbeiten, schrieb Drehbücher fürs DDR-Fernsehen, Kurzgeschichten und Kabarett-Texte für „Die Distel“.

1969 erschien „Jakob der Lügner“. Der Roman spielt im Ghetto einer polnischen Stadt: Als schon alle Hoffnungen schwinden, behauptet Jakob Heym, ein Radio zu besitzen. Die dort gehörten Nachrichten, die er im Ghetto verbreitet, sollen Mut machen, auszuhalten in einer Welt der Vernichtung der Juden durch die Deutschen. Darum ist Jakob ein Lügner; darum ist er ein Held.

Ein bisschen Remmidemmi

„Das erste Buch ist immer eines, das einer schreibt, der noch nicht Schriftsteller ist“, sagte Jurek Becker später über sein Debüt. Da war er bereits an Krebs erkrankt, Er starb 1997 in Sieseby in Schleswig-Holstein. Von Herlinde Koelbl nach dem Umgang mit seiner Erkrankung befragt, räumte Becker ein, dass er sich zwar noch nie übertrieben wichtig genommen habe, natürlich aber wissen wolle: „Wozu bin ich da? Und überhaupt: Was soll’s?“

Er sei da, um ein bisschen Remmidemmi zu machen, für ein bisschen Stimmung zu sorgen, für ein bisschen Wachheit. „Ich bin da, damit ein paar Leute vielleicht, mich eingeschlossen, weniger an der Schlafkrankheit leiden, als sie ohnehin schon leiden.“

Beckers Sicht auf die Welt war immer auch die durch das Schlüsselloch des Privaten, um die Menschen auf der Straße zu verstehen. Seine Begabung war es, es genau so zu zeigen. „Der unbedingte Wunsch, Meinungen und Überzeugungen an die Öffentlichkeit zu tragen, hat mich Schriftsteller werden lassen, und ich kann mich nicht entschließen, darauf zu verzichten“, sagte er 1976 in einer Stellungnahme vor der Parteiversammlung des Schriftstellerverbandes – nach seinem Engagement gegen der Ausbürgerung Wolf Biermanns.

Klarer Blick auf Rassisten

Seit 1977 lebte Becker im Westen. Und kam doch dort nicht an. „Die Übergangszeit will und will nicht aufhören“, sagte er 1994 dem „Spiegel“. „Es ist mir ja auch bis heute nicht gelungen, Prosa zu schreiben, die im Westen spielt. Ich werde die Empfindung nicht los, ich mische mich hier in die Angelegenheiten fremder Leute ein.“ Die Serie „Wir sind auch nur ein Volk“ habe sich so ergeben, weil er Lust hatte, mal wieder etwas für seinen Freund Manfred Krug zu schreiben.

Jurek Becker sah nicht nur, dass in Deutschland „ein Stück Nazi-Gesinnung überlebt“ hat, er sprach es auch aus. „Unsere jungen Rassisten folgen Beweggründen, die nichts mit ihrer Armut zu tun haben. Jedenfalls nichts mit materieller Armut“, sagte er 1994 in jenem „Spiegel“-Interview und nannte als eine der Ursachen die Atmosphäre im Land. „Seit Kriegsende ist der Einfluss derer nicht abgerissen, die versuchen, die jüngere deutsche Vergangenheit in einem möglichst milden Licht erscheinen zu lassen – Lehrer, Richter, Politiker, Journalisten, Historiker.“ Die Ur-Erfahrung vieler junger Leute sei, dass sie überflüssig sind, dass kein Mensch sie braucht. „Warum sollten sie auf andere Rücksicht nehmen, wenn es eh keine Zukunft gibt?“

Durch die Risse der Fassaden

Das war nicht auf den Osten gemünzt, sondern auf die vereinigte Bundesrepublik. Mit Blick auf die DDR sprach Becker von einer „Existenzlüge“, von Verhaltensweisen, „die an Faschismus erinnerten: die Allmacht der Partei, die Allgegenwart von Spitzeln, die Eroberung des Privaten durch den Staat, der ständige Zwang zur Heuchelei. Es ist kein Wunder, dass gerade die Vereinigung der ostdeutschen Rechtsradikalen mit den westdeutschen so gut geklappt hat.“ Von einer „ehemaligen DDR“ zu sprechen ist ja nicht nur sprachlich falsch, er fand es auch historisch ungenau und war überzeugt: „Das, was man mit diesen drei Buchstaben assoziiert, wird es noch lange geben.“

Das klingt heute nach Weitsicht. Das Geheimnis offenbart sich in der Annäherung. „Diese Gesellschaft will nichts über sich erfahren“, hat Jurek Becker gesagt. Ihm ging es anders. Er sah durch die Risse der Fassaden. Auf den Punkt gebracht steht es in seinen Büchern. Becker hat nicht auf die Menschen gezeigt – denn er konnte die Menschen zeigen.

Von Janina Fleischer

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