Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Einmaliges Angebot an der Leipziger HGB: Hafen für Kunststudenten auf der Flucht

„Akademie für transkulturellen Austausch“ Einmaliges Angebot an der Leipziger HGB: Hafen für Kunststudenten auf der Flucht

Das Projekt ist einmalig in Deutschland: An der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst wurde jetzt eine „Akademie für transkulturellen Austausch“ gegründet. Angesprochen werden Menschen, die ihr Studium aufgrund von Krieg und Flucht abbrechen mussten. Sie sollen in Leipzig ihre Ausbildung fortsetzen. 10 bis 15 Geflüchtete beginnen ab dem 4. Oktober in Leipzig.

Die Irakerin Dlbrin Khalaf sieht sich im Anatomiesaal der HGB um. Die Professoren Oliver Kossack und Markus Dreßen führten die Bewerber durch die Hochschule, ihre Werkstätten, Klassenräume und Einrichtungen.

Quelle: Johanna Terhechte

Leipzig. Rayan Abdullah ist einer von den Menschen, denen man zutraut, an mehreren Orten gleichzeitig zu sei. Der Professor für Typografie an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) ist ein Kosmopolit, ein leidenschaftlicher Brückenbauer zwischen der europäischen und der arabischen Kultur. Jetzt sitzt der 1957 im Irak geborene Gründungsdekan der Design-Fakultät an der Deutschen Universität in Kairo im Innenhof der Hochschule – und lächelt unter seinem weißen Hut, während um ihn herum leise Arabisch, Deutsch und Englisch gesprochen wird: „Eigentlich bin ich Preuße“, sagt er. Schon beim Studium an der Universität der Künste in Berlin habe man sich gewundert, warum er viel mehr als nötig machte. „Du bist deutscher als manche Deutschen“, hörte er dann. Deutschland ist heute seine Heimat, die er liebt. „Das Land hat mir so viel gegeben, ich möchte etwas zurückgeben.“ Gerade gibt er wieder etwas zurück.

Bundesweit einmalig

Irgendwas mit Flüchtlingen – zahlreiche Institutionen haben in den vergangenen Monaten Projekte aus dem Boden gestampft, in denen viel guter Wille, aber manchmal auch viel heiße Luft zusammengekommen sind. In der HGB gehen Professoren und Studierende jetzt einen entscheidenden Schritt weiter. Im Juni wurde dort eine „Akademie für transkulturellen Austausch“ gegründet. Rayan Abdullah leitet die dafür gegründete Arbeitsgruppe.

„Es ist ein bundesweit einmaliges Projekt, bei dem geflüchtete Design- und Kunst-Studenten ein akademisches Angebot erhalten“, sagt er. Leute, die ihr Studium aufgrund von Krieg und Flucht abbrechen mussten, sollen damit ihre Ausbildung fortsetzen. „Wir wollen ihnen einen Schub geben, die Chance, ihre Fähigkeiten auszubauen.“

Die Akademie besteht aus einem viersemestrigen Programmstudium mit der Möglichkeit, jederzeit in das reguläre Diplomstudium wechseln zu können. Studiengebühren fallen nicht an. In Zusammenarbeit mit dem Leipziger Herder-Institut sollen Deutschkurse angeboten werden. Die Finanzierung steht, auch dank Unterstützung der Sparkasse Leipzig, der Messe, des Klett-Verlags sowie des Freundeskreises der HGB.

„Wir selbst können etwas lernen“

Integration – für Abdullah, der dem vielleicht deutschesten aller Symbole, dem Bundesadler, 1997 ein Lifting verpasste, ist das nicht nur ein Wort oder ein Trumpf im Poker um Fördermittel, sondern Leben, eigenes Leben. Darum weiß er, dass dies nur mit nachhaltigen Angeboten gelingen kann. Und dass Integration auf beiden Seiten stattfinden muss. Sichtbarstes Zeichen dafür: Die HGB änderte für das Pilotprojekt ihre Immatrikulationsordnung. Das, so Abdullah, sei die eine Seite, die Verwaltung mit räumlichen, rechtlichen und logistischen Aspekten. Die andere: „Wir selbst können etwas lernen. Es ist doch fantastisch, aus mehreren Perspektiven auf eine Sache zu blicken.“ Es gehe aber nicht nur um den Dialog, den Austausch, sondern auch um die eigene Haltung. Während woanders längst Abgesänge auf die Willkommenskultur angestimmt werden, findet sie hier statt.

Seit dem Herbst 2015 arbeiten Studenten und Professoren an der Akademie, eine Facebookseite entstand, die auf große Resonanz stieß. Eine Ausschreibung erschien in deutscher, arabischer, englischer und französischer Sprache. In dieser Woche kamen 27 Geflüchtete im Alter von 20 bis Anfang 40, unter anderem aus Syrien, dem Irak oder dem Iran zum Kennenlernen und zur Aufnahmeprüfung – für Unterkunft und Verpflegung sorgte die HGB. 10 bis 15 von ihnen werden am 4. Oktober, dem Beginn des Wintersemesters, in Leipzig anfangen.

Neugier, Motivation und Freude

Bis Freitag konnten sie schon einmal vorfühlen, wie eine Zukunft in der HGB aussehen könnte. Angeboten wurde zum Beispiel ein Videoworkshop mit Clemens von Wedemeyer. Weitere Workshops von Studenten, Alumni oder Mitarbeitern der HGB befassten sich unter anderem mit Illustration, Bucheinband, Grafik-Design, Malerei oder Zeichnen. Schnell sei das „Wir“ und „Ihr“ überwunden worden, berichten die Studenten Johanna Terhechte und Tobias Klett, die im Organisationsteam mitmachen. Jeden Abend wurde im HGB-Innenhof gemeinsam gegessen. „Überhaupt war es Rayan Abdullah und der AG wichtig, dass das Programm in der Kennenlernwoche nicht vom Hochschulalltag isoliert stattfindet, sondern möglichst viele Kontaktpunkte ermöglicht“, betonen die beiden. So waren alle Bewerber eingeladen zur Klassenausstellung von Helmut Mark und dem anschließenden Semesterabschluss-Grillen des Fachgebiets Medienkunst. Spürbar gewesen seien die „Neugier, Motivation und Freude daran, dass die entwickelten Ideen gleich umgesetzt werden konnten“.

Flucht über die Balkanroute

Einer der Bewerber ist Raisan Hameed. Vor neun Monaten ist der 25-Jährige aus Mossul im Irak, das bis heute die Terroristen des IS besetzt halten, geflohen. Malerei hatte er studiert. Mit der Machtübernahme durch den IS sei das vorbei gewesen, erzählt der junge Mann in erstaunlich gutem Deutsch. Es folgte das Drama der Flucht über eine Route, die inzwischen geschlossen ist, so dass Menschen wie Hameed nun in irgendwelchen Lagern festgehalten werden. Über Erbil im kurdischen Norden des Irak ging es in die Türkei, von da mit dem Kleinboot nach Griechenland, weiter über Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich bis nach Deutschland.

Zur Zeit lebt er mitten in der schleswig-holsteinischen Provinz, einem Städtchen namens Owschlag. „Ich bin sehr glücklich, in Deutschland zu sein, und traurig, dass viele Künstler nicht mehr herkommen können“, sagt er. Raisan Hameed möchte Fotografie studieren. In Leipzig.

Von Jürgen Kleindienst

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Dreamhack Leipzig

    Auf der Dremhack 2017 treten die besten Computerspieler gegeneinander an. mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Leipzig gilt als der Geburtsort der modernen Psychologie. Wie früher und heute im Geist geforscht wurde ist vom 14. September bis zum 16. Dezember 2016 in der Ausstellung "Psychologie in Leipzig - Geburt einer Wissenschaft" zu sehen. Besucher können sowohl Beobachter als auch Versuchsperson sein. Unsere Schau des Monats November! mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Onlineabo

    "LVZ-Online Extra" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kö... mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • So war das damals...
    So war das damals...

    Dies ist ein Geschichtenbuch der besonderen Art: Leserinnen und Leser der Leipziger Volkszeitung erzählen Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend,... mehr