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Einsamer Dialog nach Heidegger - eine Uraufführung Wolfgang Krause Zwiebacks

Einsamer Dialog nach Heidegger - eine Uraufführung Wolfgang Krause Zwiebacks

In der Schaubühne Lindenfels feierte am Donnerstag Wolfgang Krause Zwiebacks Stück "Woher ist Wohin. Der Lehrer der Türmer und die Tänzerin. Ein Sinnspiel frei nach einem Gedankenausflug von Martin Heidegger" Premiere.

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Wolfgang Krause-Zwieback „Woher ist Wohin“ in der Schaubuehne Lindenfels, mit Steffi Sembner (Tanz) und Kerstin Friese (Violine).

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Der Regie führende Schauspieler-Autor wurde dabei unterstützt von der Tänzerin Steffi Sembdner und Kerstin Friese an der Geige.

Die gute Nachricht zuerst: Wolfgang Krause Zwiebacks "Woher ist Wohin. Der Lehrer der Türmer und die Tänzerin. Ein Sinnspiel frei nach einem Gedankenausflug von Martin Heidegger" ist kein ins Theatralische geweitete Oberseminar über die gedankliche Welt des so brillanten wie sperrigen und umstrittenen Philosophen Heidegger (1889-1976). Dafür verbirgt sich hinter dem in barocker Wucht sich ins Hirn mäandernden Titel zu viel Spielerisches, zu viel Wolfgang Krause Zwieback.

Und nun die schlechte: Wolfgang Krause Zwiebacks "Woher ist Wohin undsoweiter" ist kein ins Theatralische gekipptes Oberseminar. Denn wer vorher nicht allzu viel weiß über die gedanklichen, weltanschaulichen, das Sein von einer sehr hohen Warte aus hinterfragenden Volten im Schaffen eines der letzten universellen Star-Denker deutscher Zunge, der wird auch aus diesen anderthalb Stunden nicht viel wissen.

Aber wie wäre das auch möglich im Verlauf von knapp anderthalb Stunden? Und immerhin muss man Krause Zwieback zu Gute halten, dass er in seinem Text-Destillat vom Türmer und dem Lehrer (und dem Feldweg) Heideggers tastende Rückkehr zum philosophierenden Dialog eines Platon vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs nach dem Zweiten Weltkriegs, nach der Nazi-Herrschaft, zu der Heidegger selbst sich zunächst wenig erbaulich verhielt, sinnlich zum Schwingen bringt.

Da unterhalten sich der Türmer, der unbedarft Weise mit dem großen Überblick, und der Lehrer, der abstrakt tastend Wege zur Erkenntnis sucht, über einen "Fund", ein Bild in der Stube des Türmers, ein Bild, das das Sein abbildet, weil es Fragen aufwirft. Und über diese Fragen im Angesicht eines Bildes, derweil wir "fortwährend dahin zurückkehren, wo wir eigentlich schon sind", gewinnt in den Köpfen des Zuschauers ein Bild von der Suche nach den richtigen Worten für das Sein allmählich Kontur.

Schärfer allerdings wird diese Kontur für den Leser von Krause Zwiebacks Heidegger-Reflex, der die Worte wendet und die Silben sortiert, bisweilen in einen charmant voraussetzungslosen Plauderton verfällt und dann wieder bleierne Sentenzen ausstanzt, der manchmal in hintergründigem Witz vibriert und manchmal vielsagend hilflos auf der Stelle tritt.

Aber Wolfgang Krause Zwieback hat ein Theaterstück daraus gemacht. Und das leidet nicht unerheblich darunter, dass Wolfgang Krause Zwieback ausgerechnet diesmal seinem Text nicht über den Weg traut, nicht der Sprache, die doch gerade für Heidegger Zeit seines langen Gelehrtenlebens zum Zentrum der, zur Welt selbst wurde: Wahrheit ist Sprache, Geschichte, Wissenschaft und Kunst auch, wenn nicht vor allem sprachliche Ereignisse.

Theater könnte sie gewiss auch abbilden. Aber Theater muss nicht zwingend zu ihrer Erhellung beitragen. Und diesmal scheitert WKZ, der begnadete Stückentwickler, der surreale Philosoph, ziemlich umfassend bei der Suche nach der adäquaten szenischen Form. Wahrscheinlich gibt es sie gar nicht. In jedem Falle ist dieses sie nicht.

Da fährt der Performer Krause Zwieback, nachdem er erste bedeutsame Sätze in den Raum gestemmt hat, mit seinem Turm (Technische Leitung: Bernd E. Gengelbach) von der Decke der gut besuchten Schaubühne herab, derweil hinten in der Apsis Steffi Sembdner auf dem Boden sich windet und Kerstin Friese auf der Geige von tastenden Oberton-Erkundungen zu recht robust gestrichenem Bach findet.

Schon nach wenigen Minten ist klar: Musik und Tanz lassen keine zusätzlichen Dimensionen aufklappen, sondern arbeiten sich in ästhetischer Beliebigkeit an deren bloßer Behauptung ab. Die Sorglosigkeit, mit der Friese zwischen Schein-Avantgarde, Summertime, Bach und Zigeunerweisen wechselt, die, mit der Sembdner in androgynem Bedeutungs-Gehubere das weite Feld zwischen Pantomime und Ausdruckstanz, zwischen Bodenturnen und Tai Chi absteckt, sie finden weder einen doppelnden noch gar einen erhellenden Bezug zu Krause Zwiebacks einsamem Dialog. Und dass der auch im Vortrag bisweilen noch holpert bei der Premiere am Donnerstagabend, macht die Sache nicht überzeugender.

Sehr freundlicher, lang anhaltender und hörbar ein wenig erleichterter Applaus.

Vorstellungen: heute (Samstag), 20., 21. September, 20 Uhr, Schaubühne Lindenfels (Karl-Heine-Straße 50); Karten für 14/10 Euro: 0341 4846210; www.schaubuehne.com

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 14.09.2013

Peter Korfmacher

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