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Eisenwarenladen, Nachbarschaftsgärten, Westbesuch – Leipziger Westen im Wandel

Fedor & Co. Eisenwarenladen, Nachbarschaftsgärten, Westbesuch – Leipziger Westen im Wandel

Einige Idealisten retten einen Eisenwarenladen vor der Schließung, die Initiative Westbesuch sucht sich nach zehn Jahren einen neuen Standort für ihren Kunst-Kultur-Trödelmarkt, die Zukunft der Nachbarschaftsgärten ist ungewiss. Wohin bewegt sich die Szene im Leipziger Westen?

Generationenwechsel auf Umwegen: hinten die Alteigentümer Dorothea und Jürgen Frank, vorne zwei neue ehrenamtliche Eisenwarenhändler, Susann Reuter und Vincent Schmiedt.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Sie haben viel vor: Eine Handvoll Aktivisten hat zum Jahresbeginn die alteingesessene Eisenwarenhandlung „Fedor Gross“ in Lindenau übernommen (LVZ berichtete). Dafür initiierten sie eine erfolgreiche Crowdfundingkampagne, die vor wenigen Tagen endete. Durch mehr als 200 Unterstützer kamen knapp 10 000 Euro zusammen. Das ist sogar etwas mehr als ursprünglich avisiert.

Grund für die Übernahme war, dass die Alteigentümer Jürgen und Dorothea Frank in Rente gehen. „Wir hätten sonst alles verkauft, damit wären auch 111 Jahre Firmengeschichte zu Ende gegangen“, erzählt Dorothea Frank. Nun gibt es die Chance auf einen Neubeginn. Damit er gelingt, unterstützt sie die neuen Eigentümer noch ein halbes Jahr lang bei allen praktischen Belangen.

Der Teufel steckt im Detail. Zwar sind die Lagerbestände umfangreich, doch bestimmte Dinge müssen trotzdem nachbestellt werden. Schließlich bestand der Laden gegen die Konkurrenz der Baumärkte, weil hier Spezialwerkzeuge und -material in hochwertiger Qualität zu günstigen Preisen angeboten wurden. Die Beratung gab es gratis dazu. Dieses Wissen müssen sich die Leute vom neugegründeten Verein „Fedor bleibt“ jetzt aneignen. – „Wir wühlen uns gerade durch 100 Jahre Schraubengeschichte“, beschreibt der Philosoph Vincent Schmiedt die Situation.

Gelernter Eisenwarenhändler ist niemand von ihnen, dafür haben sie alle viel Erfahrung in der alternativen Projektszene. „Wir wollen hier eine neue Form kollektiver Ökonomie erproben und zeigen, dass man auf diesem Weg wirtschaftlich erfolgreich sein kann“, ergänzt Christian Weinrich. Der studierte Betriebswirt hat in einigen Hausprojekten im Leipziger Westen gearbeitet. Derzeit arbeiten alle Fedor-Leute ehrenamtlich, doch zukünftig soll der Laden soviel einbringen, um neben Miete, Energie- und Materialkosten auch den Lohn für ein bis zwei Mitarbeiter zu zahlen.

Die Grundstückspreise steigen

Neuanfänge und das Ende von Projekten liegen im Leipziger Westen nah beieinander. So befinden sich unweit von „Fedor Gross“ die Nachbarschaftsgärten. Das 2004 entstandene Zwischennutzungsprojekt, das lange zu den Leuchttürmen im Viertel gehörte, wird zukünftig einen Großteil seiner ursprünglichen Fläche einbüßen, die ein privater Investor bebauen wird. Die gestiegenen Grundstückspreise machen brachliegende Flächen wieder attraktiv für Immobilienprojekte.

Andreas Kundt vom Vereinsvorstand zur aktuellen Situation: „Derzeit verhandeln wir mit den Eigentümern der verbliebenen Flächen über Pachtverträge. Der Verein muss neue Arbeitsschwerpunkte entwickeln, wenn das Gärtnern nicht mehr in der bisherigen Form möglich ist.“ So haben die Fahrrad- und die Holzwerkstatt, die schon seit langem zum Projekt gehören, stark an Bedeutung gewonnen. In den vergangenen Wochen wurden dort zum Beispiel mehrere Fahrradmontierkurse für Flüchtlinge verwirklicht. „Auch auf verkleinerter Fläche bieten die Nachbarschaftsgärten noch immer viel kreatives Potenzial“, ist Andreas Kundt überzeugt.

Wenn man so will, haben die Nachbarschaftsgärten ihr Ziel erreicht: Das Viertel wurde auch durch sie wieder attraktiv. Ähnlich ergeht es den vom Verein Westbesuch organisierten Stadtteilfesten. Sie wurden vor zehn Jahren ins Leben gerufen, um die damals zum großen Teil leerstehenden Geschäfte der Karl-Heine-Straße zu beleben. Heute reiht sich wieder Laden an Laden: Biosupermärkte, Gastronomie, Läden mit Designerkleidung und Handwerksprodukten … Auch hier wurde das Ziel quasi erreicht, der Verein sucht sich jetzt neue Perspektiven abseits der Karl-Heine-Straße. Im Dezember beherbergte erstmals das Gelände des alten Plagwitzer Bahnhofs den Kunst-Kultur-Trödelmarkt „Westbesuch“.

Bis wohin ist etwas alt, ab wann ist es neu?

Auf ihrer Facebook-Seite schreibt die Initiative: „Die Straße hat sich von einer Industriebrache zu einem beliebten Standort für Gastronomen, Händler und Hausbesitzer entwickelt. Am neuen Veranstaltungsort soll es nun wieder mehr Freiraum für Kunst und Kreativität geben. Der Bürgerbahnhof Plagwitz stellt eine tolle Alternative und neue Herausforderung dar, um die Kultur im Leipziger Westen wieder in den Mittelpunkt zu rücken.“

Ein Viertel im Wandel. Volly Tanner vom Stadtteilmanagement Leipziger Westen kommentiert die neuen Entwicklungen: „Im urbanen Leben braucht es Veränderung.“ Er plädiert für eine differenzierte Sichtweise, die sich nicht im Gegensatz Gentrifizierung versus Verdrängung der Alteingesessenen erschöpfen solle. Denn wer wolle schon festlegen, bis wohin etwas alt und ab wann es neu sei? Gehört jemand, der dort fünf, zehn oder fünfzehn Jahre lebt noch zu den Neuzugängen oder schon zu den Alteingesessenen? – „Entwicklung geht immer mit Reibung und Krisen einher. Trotzdem ist der Westen noch immer ein buntes Mosaik unterschiedlicher Menschen, Initiativen und Möglichkeiten“, so der Stadtteilmanager.

Die Fedor-Leute wollen mit ihrer Initiative eine Marke setzen gegen die Tendenz zur „Bionadisierung“ des Viertels, die überall die Oberflächen aufpoliert. „Natürlich ist uns bewusst, dass wir selbst auch Teil dieses Prozesses sind“, meint Vincent Schmiedt. Ihr Beispiel zeigt erneut, dass Kreativität und gute Ideen mangelnde Finanzkraft ausgleichen können. „Darin liegt doch auch eine Ermutigung“, so Fedor-Mann Schmiedt.

www.fedorbleibt.de; www.westbesuch.com; www.nachbarschaftsgaerten.de; www.leipziger-westen.de

Von Dörthe Gromes

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