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Engel auf Reisen: Camouflage vor 1000 Zuschauern im Clara-Zetkin-Park

Engel auf Reisen: Camouflage vor 1000 Zuschauern im Clara-Zetkin-Park

Über das Wetter zu reden, mag nicht der Gipfel der Originalität sein. Aber man darf entschuldigend in Rechnung stellen, dass es sich um die gerademal dritte laue Nacht des Jahres handelt, als Marcus Meyn seine 1000 Zuschauer darauf hinweist, dass derzeit Engel durchs Land reisen.

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Ohne Scheu vor der großen Pose: Marcus Meyn auf der Parkbühne, im Hintergrund Oliver Kreyssig.

Quelle: André Kempner

Und als er fragt: "Haben wir nicht echt Glück mit dem Wetter?"

Absolut. Die Konzertsaison der Bühne im Clara-Zetkin-Park hat am Freitagabend nicht zu früh und nicht zu spät im Jahr begonnen. Noch wagt niemand, unter Hitze zu stöhnen, und der Engel, der also für das milde Klima verantwortlich zeichnet, erfüllt die Stellenbeschreibung zumindest in zweierlei Hinsicht vollkommen: Nicht nur tänzelt der Sänger der schwäbischen Synthie-Pop-Band Camouflage über die Bretter, dass man den Bewegungsdrang fast für ein Fliegen hält; auch erscheint er ganz in Weiß.

Meyn wird in den kommenden gut anderthalb Stunden hinreißend das Posen-Repertoire der Pop-, aber auch Rock-Geschichte vorführen, ohne falsche Scheu vor Pathos und Peinlichkeit. Er wird ausschweifend mit den Armen rudern, wie ein Roboter tanzen, an der Luftgitarre brillieren, sich sehnsuchtsvoll ans Herz fassen und hüpfen, als läge der Sand der Sahara zu seinen Füßen. Und er wird mit dieser gestischen Vielfalt mindestens so sehr wie mit dem brummenden Gesang sein bedeutendes Scherflein beitragen zu der mitreißenden, abwechslungsreichen und kurzweiligen Show einer Gruppe, die man ja fast vergessen hätte.

Dass sich ihre Band vor mittlerweile gut 30 Jahren gegründet hat, feierten Meyn, Heiko Maile und Oliver Kreyssig, jetzt allesamt 48 Jahre alt, im Februar in Dresden, und schon da zeigten sie, dass sie mehr als ein Zwei-Hits-Wunder und mitnichten nur geschmeidige Depeche-Mode-Epigonen sind. Auch auf der Parkbühne deutet zwar bereits eine wunderbar pompöse Ouvertüre, in der die Synthies orchestral blasen und streichen, dass es eine Freude ist, die Erfolgsnummern "The Great Commandment" von 1987 und "Love Is A Shield" von 1989 an. Aber gleich das erste reguläre Stück, das rockige "We Are Lovers" von 2006, bei dem Gitarrist Volker Hinkel durchaus nicht nur die ihm zugedachte Nebenrolle spielt, demonstriert die Bandbreite.

So geht es weiter. Schlagzeuger Jochen Schmalbach versorgt "Perfect" mit gehörig Druck, bevor das Ensemble dem hymnischen "That Smiling Face" Raum und Zeit gibt, sich klanglich zu wandeln. Bei "You Turn" gelingt Kreyssig als Hauptsänger und seinen Kollegen mehrstimmiger Wohlklang, und das düstere "Misery" vom für nächstes Jahr angekündigten neuen Album "Greyscale" belegt, dass Camouflage auch beim Wave-Gotik-Treffen vor drei Jahren nicht völlig fehl am Platz waren. "Confusion" hingegen entfaltet einen Groove, der fürs Genre geradezu als Blues durchgeht.

Reduziert auf den synthetischen Kern der Band, scheuen sich Meyn, Maile und Kreyssig nicht einmal, das Frühwerk als Schülerband wiederzubeleben. "Fade In Memory" von einem Demo-Tape aus dem Jahr 1984 orientiert sich dann doch extrem an jener berühmten Gruppe, dessen Sänger auch ein vierjähriger Dave im Publikum seinen Namen verdanke, wie Meyn erzählt. Und nein, es handelt sich nicht um Uriah Heep, auch wenn Hinkel das von hinten ruft, bevor er zu "Love Is A Shield" wunderschön Akustikgitarre zupft. Der Hit ist an diesem Abend Dave (dem Kleinen) gewidmet.

Als erste Zugabe legt noch so ein Lied aus ganz alten Tagen namens "Kling Klang" nahe, dass Kraftwerk ebenso Einfluss auf Camouflage ausgeübt haben, bevor "The Great Commandment" ein überraschend bombastisches Ausrufezeichen setzt. Der Parkbühnen-Auftakt 2014 gelingt mithin überhaupt nicht allein aufs Wetter bezogen. Vielmehr übernehmen Camouflage die Hauptrolle, selbst wenn auch deren musikalischer Chef Heiko Maile lieber den Sommer als das eigenen Schaffen lobpreist.

"Wisst ihr, was echt fies ist?", fragt er zwischen zwei Liedern und antwortet sogleich: "Hier zu spielen und immer die Würstchenbude zu riechen" - ein gefährlicher Hinweis: Inmitten von "Suspicious Love" tippt ihm jemand auf die Schulter und reicht Grillgut. Muss er also einarmig musizieren, bis ihn sein Gitarrist erlöst: sich anschleicht und kräftig abbeißt.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 26.05.2014
Mathias Wöbking

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