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Engel und Zombies

„Tosca“ bei den Domstufen-Festspiele in Erfurt Engel und Zombies

Große Emotionen vor grandioser Kulisse: Jakob Peters-Messer inszeniert, Joana Mallwitz dirigiert Giacomo Puccinis „Tosca“ bei den Domstufen-Festspielen in Erfurt.

Kelly God als Floria Tosca und Andrea Shin als Mario Cavaradossi.

Quelle: dpa

Erfurt. Es klingt anders als in der Oper, natürlich. Schließlich spielt das Orchester in einiger Entfernung links neben der Bühne im Zelt statt im Graben unmittelbar davor oder darunter. Aber mittlerweile hat man die Akustik perfekt im Griff bei den Domstufen-Festspielen in Erfurt, die Generalintendant Guy Montavon am Donnerstagabend eröffnete vor allerlei Thüringer Polit-Prominenz vom Ministerpräsidenten Bodo Ramelow über den Wirtschafts- und Wissenschaftsminister Wolfgang Tiefensee bis zum Hauptstadt-Oberbürgermeister Andreas Bausewein.

Generalmusikdirektorin Joana Mallwitz wendet die Situation sogar ins Positive. In grandioser Selbstverständlichkeit lässt die 29-Jährige sich auf die Elektroakustik ein und balanciert das oft fabelhafte Philharmonische Orchester Erfurt so aus, dass bereits die ersten bedrohlichen Ganzton-Schläge von Giacomo Puccinis „Tosca“ den gewaltigen Bühnenraum zwischen Dom und Severikirche ausfüllen. Und den Tontechnikern gelingt das Kunststück, diesen cinemascopischen Breitwand-Sound nicht zu Lasten von Präzision und Transparenz gehen zu lassen. So entwickelt es eine sehr eigene, aber unwiderstehliche Faszination, wenn scheinbar metergroße Flöten hauchzart die Luft zwischen den Kirchturmspitzen bewegen; wenn Puccinis grandioses Instrumentations-Tableaus sich wie eine gigantische Holographie vor den rund 2000 Zuschauern ausbreiten.

Überhaupt macht Mallwitz einen ausgezeichneten Job. Denn aller Monumentalität zum Trotz macht sie die Partitur durchhörbar, trägt immer wieder mit zärtlicher Sorgfalt kostbare Details zum Publikum, hält den Klang feinnervig lebendig. Da verzeiht man ihr gern, dass die ganz großen Bilder nicht immer akkurat beisammen sind – was angesichts der Entfernungen nicht weiter verwundert. Zumal die Dirigentin ansonsten ihre Sänger mit liebevoller Hingabe begleitet.

Aus denen ragt der Tenor Andrea Shin als Mario Cavaradossi heraus. Höhensicher, geschmeidig geführt, durchlässig für die großen Emotionen, die Puccini ihm in die goldene Kehle komponierte. Allerdings auch allzu empfänglich für die Versuchungen dieses Repertoires. So navigiert er sein tenorales Pathos hart an der Grenze zur Unschicklichkeit entlang – ein ums andre Mal überschreitet er sie auch recht deutlich. Dennoch: Die Hits, „Recondita armonia“ im ersten und „E lucevan le stelle“ im dritten Akt rühren ans Gemüt. Und würde Mallwitz hier und bei allen einschlägigen Gelegenheiten nicht allzu bereitwillig im Dienste des Szenenapplauses den Fluss der Musik stoppen – das Publikum würde wohl in ergriffener Ruhe verharrt haben. Das ist der Tribut, den eine solche Kulisse einfordert.

Der gehen auch Juri Batukov als sinistrer Polizeichef Scarpia und Kelly God in der Titelpartie auf den Leim. Doch während die Sopranistin zunehmend Zwischentöne findet für die Entäußerung ihrer Künstlerinnen-Seele, lässt ihr Widersacher sich vom gewaltigen Umfeld zu anhaltender Kraftmeierei verleiten. So hört man zwar immer wieder ein eindrucksvoll metallisch-kraftvolles Organ. Aber dass Puccini die abgründige Bosheit und Getriebenheit dieses Charakters eher subtil angelegt hat, ist nicht einmal zu ahnen.

God hingegen läuft nach intonatorisch fragwürdiger Hysterie im ersten im zweiten und dritten Akt zu Höchstform auf. Wunderbar weich und verletzt greift ihr „Vissi d’arte“ ans Herz (natürlich wieder mit gebührender Pause für den Szenen-Applaus, gegen den Puccini so leidenschaftlich wie nachhaltig erfolglos ankomponierte). Und die Kolportage-Extreme im letzten Bild lassen kein Auge trocken auf der Tribüne, über der sich nun endlich auch die Niesel-Wolken verzogen haben.

Viel ist gewitzelt worden über den Schluss dieser Oper: Da soll Tosca sich, nachdem sie erst Scarpia erstach und dann der geliebte Mario vor ihren Augen füsiliert wurde, von den Zinnen der Engelsburg in den Tiber stürzen. Wozu man, ein Blick auf den Stadtplan Roms zeigt es, doch sehr viel Anlauf bräuchte. Folgerichtig erspart uns Regisseur Jakob Peters-Messer diese potenzielle Lachnummer und lässt stattdessen die Sängerin Floria Tosca den Platz des Erzengels Michael auf dem Dach der Engelsburg einnehmen, das Schwert kühn in Erfurts Nachthimmel gereckt. So nimmt sie nun den Platz von Peter Anton Verschaffelts historistischer Statue ein, die ihrerseits 1748 Montelupos Erzengel ersetzte.

Der liegt nun in beachtlicher Größe zerborsten auf den Domstufen. Ein gewaltiges Bild – doch was wollen sie uns damit sagen, der Regisseur und sein Bühnenbildner Hank-Irwin Kittel? Die Rettung der Kirche durch die Frau oder die Kunst? Oder die Künstlerin? Überhaupt krankt die Inszenierung daran, dass die beiden uns offenbar immer wieder etwas sagen wollen: Am Ende des ersten Aktes steigt der erstklassige Chor in Gestalt so vieler blutüberströmter Weihnachtsmann-Zombies die Stufen herab, dass Erfurt in diesem Jahr wohl ohne auskommen muss – eine Anspielung auf den Verwesungsgeruch kirchlicher Riten? Im zweiten schwingt Gevatter Tod aus dem Becken des gefallenen Erzengels heraus bedrohlich seine Sense. Genau an der Stelle, wo Scarpia zuvor seinen Auftritt hatte – die Unterdrückung fleischlicher Begierde als Urgrund aller moralischen Unbilden?

Wahrscheinlich nichts von alledem, sondern eher der Versuch, Bilder zu finden, die der optischen Gewalt der Domstufen standhalten. Deko also, die davon ablenkt, dass Peters-Messer ansonsten ziemlich sauber die Geschichte erzählt, die Giuseppe Giacosa und Luigi Illica nach Victorien Sardous Dramolett-Schocker für Puccini zu einem sehr viel besseren Opernlibretto machten. Wenngleich der Regisseur sich in den intimen Momenten der Außenakte schwer mit dem Versuch tut, Kammertheater-Strukturen ins Monumentale zu übersetzen.

Dem Publikum ist derlei schnuppe. In dieser übers Ganz gesehen hörens- und sehenswerten Domstufen-Produktion regieren der optische Aha-Effekt und die Überrumpelungskraft von Puccinis herrlicher Musik. Da kann der Jubel gar nicht anders als erheblich ausfallen.

„Tosca“ auf den Domstufen in Erfurt: bis 28. August, Infos und Karten Tel. 0361 2233155; www.theater-erfurt.de

Von Peter Korfmacher

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