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Enrico Lübbe: Theater kann Fragen stellen, ohne Antworten wissen zu müssen

Chef des Leipziger Schauspiels Enrico Lübbe: Theater kann Fragen stellen, ohne Antworten wissen zu müssen

Das Schauspiel Leipzig geht unter Intendant Enrico Lübbe einen «Leipziger Weg» mit vielfältigen Angeboten. Es gewinnt damit Zuschauer aller Altersklassen und überregionale Beachtung. In Zeiten von Legida und Fremdenfeindlichkeit versucht das Haus, sich in der gesellschaftlichen Debatte zu positionieren.

Enrico Lübbe im Leipziger Schauspiel

Quelle: dpa

Leipzig. Das Schauspiel Leipzig geht unter Intendant Enrico Lübbe einen «Leipziger Weg» mit vielfältigen Angeboten. Es gewinnt damit Zuschauer aller Altersklassen und überregionale Beachtung. Im dpa-Interview erzählt Lübbe, ob es ein Geheimrezept für erfolgreiches Stadttheater gibt und warum es wichtig ist, sich als Theater in aktuelle Debatten einzumischen.

Frage: Sie sind seit der Spielzeit 2013/14 Intendant. Wie fällt die bisherige Bilanz ihrer Leipziger Zeit aus?

Enrico Lübbe: Ich bin aus mehreren Gründen sehr zufrieden. Unsere Arbeit findet immer mehr Zuschauer in allen Spielstätten des Schauspiels. Wir haben uns von Anfang an vielfältig aufgestellt. Und man muss auch sagen: Wir haben die Zeit bekommen, die man für einen Wechsel an der Spitze so eines Hauses auch braucht. Die Zuschauer kamen relativ schnell wieder. Auch der überregionale Erfolg kam recht schnell durch die Uraufführungsschiene. Zahlreiche Festivaleinladungen nach Mülheim, Berlin oder Recklinghausen belegen den künstlerischen Erfolg.

Ihr Vorgänger hat gesagt, Leipzig sei keine theaterbegeisterte Stadt. Was Sie sagen, klingt eher nach dem Gegenteil.

Ja, weil wir diese Erfahrung tatsächlich so nicht gemacht haben. Was mich sehr freut, denn es hieß gern, Leipzig sei einfach keine Theater- sondern eine Musikstadt. Und das wollte ich nie recht glauben.

Was macht Ihren «Leipziger Weg» am Schauspiel aus?

Grundsätzlich gibt es kein Geheimrezept für eine erfolgreiche Stadttheaterarbeit. Hier in Leipzig ist es ein sehr vielfältiges Herangehen - die Kombination aus Uraufführungen und Autorenförderung, spezifischen Blicken auf Klassiker, sehr unterschiedliche Regiehandschriften und einer eigenständigen Performance-Schiene. Die Stadt Leipzig ist etwas Besonderes, sie ist sehr breit aufgestellt im Kulturbereich, es gibt viele unterschiedliche Angebote. Da ist es unsere Aufgabe, uns auf Schauspiel in großer ästhetischer Vielfalt zu fokussieren.

Man kann in Leipzig also auch experimentieren?

Absolut! Wir erleben unser Publikum als sehr offen und auch sehr gegenwartsinteressiert. Unser Publikum hat einen Altersdurchschnitt von 38,5 Jahren und ist dabei in allen Altersgruppen gut vertreten. Die Vielfalt unseres Spielplans geht da also einher mit der Vielfalt an Publikum. Die wachsende, junge Stadt spiegelt sich in unserem Haus wider. Ich denke aber auch, dass die Stadt aktuell weiß, was sie an ihrem Schauspielhaus hat. Die großen und inhaltlich starken Kulturbetriebe sind ein Magnet der Stadt.

Die Theater in Sachsen sind mit Fremdenfeindlichkeit und Bewegungen wie Pegida und Legida konfrontiert. Fällt es Ihnen schwer sich zu positionieren?

Schwer fällt es uns sicher nicht, sowohl auf als auch abseits der Bühnen. Aber wir sind immer noch Theater, wir können uns vor allem inhaltlich auf der Bühne positionieren. Wir haben nicht ohne Grund in dieser Spielzeit das Motto «Woher, Wohin». Wir haben uns gefragt, woher kommt denn diese Situation und wohin könnte sie uns führen. Es gibt ja nicht wenige, die die Situation heute in Ostdeutschland auf die Situation vor 25 Jahren zurückführen. «89/90» ist ein ganz klarer Wink zur Gegenwart 2016. Das war der Grund, den Text anzusetzen - und nicht, um einen Wende-Roman zu machen.

Das Schauspiel reagiert also programmatisch auf die aktuellen Themen?

Genau. Wobei Theater natürlich immer einen großen Vorlauf hat. Realer zu sein als die Realität - das muss man als Theater gar nicht versuchen. Aber wir können Fragen stellen. Sich einzumischen, heißt ja nicht, in jedem Fall gleich eine Antwort zu wissen. Aber wir können Möglichkeiten erörtern, Diskussionen anregen, einen Resonanzraum öffnen.

Aber erreichen Sie damit auch die Zuschauer, die Sie erreichen wollen?

Ja, sehr häufig. Es gelingt uns inzwischen, alle Altersgruppen im Theater zu haben. Das entspricht unserer Auffassung eines Theaters für die Stadt. Deshalb fände ich es toll, wenn sich genau die Entwicklung, die uns in den letzten Jahren getragen hat, noch weiter fortsetzt. Aber dennoch: Wie man Leute erreicht, die bisher noch nicht da sind, das ist ein Thema, das mich persönlich sehr beschäftigt. Das ist eine sehr langfristige Arbeit.

Zur Person

Enrico Lübbe (41) ist seit der Spielzeit 2013/14 Intendant des Schauspiels Leipzig. Er stammt aus Schwerin und hat in Leipzig Kommunikations- und Theaterwissenschaften studiert. Sein Vertrag in Leipzig wurde dieses Jahr vorzeitig bis 2023 verlängert.

Interview: Birgit Zimmermann

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