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Ensemble Amarcord in „Leipzig und Europa“

A-cappella-Festival eröffnet Ensemble Amarcord in „Leipzig und Europa“

Mit einem fabelhaften Konzert in der voll besetzten Michaeliskirche begann am Wochenende das 17. Leipziger A-cappella-Festival. Das gastgebende Ensemble Amarcord präsentierte Männerchor-Sätze von Max Reger, Carl Reinecke und dessen Schülern.

Das Ensemble Amarcord: Wolfram Lattke, Robert Pohlers, Frank Ozimek, Daniel Knauft und Holger Krause.

Quelle: Kempner

Leipzig. Es ist Reger-Jahr, daran kommt in Leipzig, wo der Komponist vor 100 Jahren starb, derzeit keiner vorbei. Auch nicht das Ensemble Amarcord, das ihm das Auftakt-Konzert zu seinem 17. Internationalen A-cappella-Festival am Freitagabend in der proppenvollen Michaeliskirche widmete. Und das ist am Ende der Festwoche für eine neue Erkenntnis gut: Max Reger hat nicht nur grandiose Kammermusik am Ende der Tonalität geschrieben und bisweilen problematische Sinfonik an den Grenzen des Kontrapunkts. Er hat auch die Männerchormusik zu einem bemerkenswerten Gipfel geführt, indem er Bachs Choral und die Musiksprache der Romantik kurzschloss.

Dabei kamen wunderbar innige Sätze heraus, oft am Volkston entlang modelliert, ihn immer wieder auch direkt bemühend. Die Chromatik genügt sich hier nicht selbst, sondern geht auf in einer poetischen Aussage. Und so gehören die sechs bei aller Knappheit so reichen Sätze aus der Zeit um die Jahrhundertwende zum Besten, was in diesen Tagen aus Regers Feder in Leipzig zu hören war.

Was natürlich auch und vor allem an dem liegt, was Wolfram Lattke, Robert Pohlers, Frank Ozimek, Daniel Knauft und Holger Krause damit anfangen: Mit makelloser Intonation und Homogenität folgen sie Reger durch Natur- und Liebeswelten, wobei der Klang bemerkenswert nah an den idealen Männerchor heranreicht. Warm und weich mischen sich die fünf Stimmen, in der schönen Akustik der Michaeliskirche überdies bemerkenswert kraftvoll – und wenn die Amarcordler die Grenze zur Stille berühren, zärtlich, andächtig, melancholisch oder verzweifelt, dann ist der vokale Himmel schon sehr, sehr nah. Der nächste Hustenanfall allerdings auch – vielleicht hängt auch das, die Erfahrungen im Großen Concert vom Vorabend legen es nahe, mit Reger zusammen.

So tief, natürlich, erhaben diese Reger-Sätze in ihrer noblen Zurückhaltung allerdings auch sein mögen – die „Leipzig und Europa“ überschriebene Festival-Eröffnung trägt auch hier wesentlich zur Einordnung bei. Denn der sich gern als Moderner feiernde Komponist hinkte, bei aller Kühnheit der Harmonik und des Kontrapunktes als Vollender einer Tradition vielen Kollegen hinterher.

Dem 20 Jahre älteren Leoš Janácek etwa, der in seinem 1886 entstandenen Vier Männerchören auf dem Weg zur intensiven Annäherung an die Sprache und ihren Inhalt zu einem sehr persönlichen, herben, sehr modernen Impressionismus vordrang. Hier verfolgen die Amarcordler ein anderes Klangideal, behandeln die Stimmen eigenständiger – ohne sich von ihrer Transparenz und Ausgewogenheit zu verabschieden. Daraus folgt eine sinnliche Koloristik, die den Sinn der Worte auch zu den Hörern trägt, die keine Silbe verstehen.

Überhaupt die Worte: Die Akribie mit der das Ensemble auch phonetisch den Dingen auf den Grund geht, ist beachtlich. Sei es das Tschechisch, aus dem Janácek seine neue Musik generierte; sei das Norwegische, das der um eine Generation ältere Edward Grieg in seinem Album für Männerchor nutze, um vor dem Hintergrund der Folklore seiner Heimat in eine andere Zukunft aufzubrechen. Auch dieses Opus 30 zeigt einen grundsätzlichen Unterschied zu Reger auf: Während der die Formen der Alten immer weiter dehnte, aber niemals sprengte, brechen diese „Volksweisen“ auf zu in jeder Hinsicht neuen Ufern. Darin sind sie den Lyrischen Stücken für Klavier nicht unähnlich, die ebenfalls Volksmusikalisches nutzen, um an unverbrauchte Klänge zu gelangen.

Hinter diese A-cappella-Juwelen fallen die schlicht schönen Sätze aus der Feder von Sveinbjörn Sveinbjörnson (1847–1927), dem Schöpfer der isländischen Nationalhymne, der des lettischen National-Universalkünstlers Mikalojus Konstantinas Ciurlionis (1875– 1911), deutlich ab. Aber Amarcord singt auch sie so innig und zu Herzen gehend, dass man sie nicht missen möchte.

All diese Komponisten studierten in Leipzig bei Carl Reinecke, die einen länger die anderen kürzer. Und dessen Männerchorwerke sind die eigentliche Entdeckung des rund zweieinhalbstündigen Abends. Reinecke (1824–1910) war 35 Jahre lang Gewandhauskapellmeister und noch länger Professor am Leipziger Konservatorium. Ihm eilte der Ruf voraus, ein ziemlich konservativer Knochen zu sein. Was seine Schüler immerhin insofern bestätigen, als sie allesamt mit wasserdichtem Handwerk der Pleiße wieder den Rücken kehrten (eine Parallele zu Reger), aber ihren Stil unbeschadet wieder mit nach Hause nehmen konnten. Und so ist Reinecke als Kompositionslehrer der nördlichen Hemisphäre in die Musikgeschichte eingegangen.

Als Komponist ist er es nicht, Allengfalls einige wenige Orchesterwerke und eine Handvoll Kammermusik, mehr hat sich nicht im Bewusstsein gehalten. Die Männerchorsätze jedenfalls hatte bis Freitagabend niemand auf dem Zettel. Dabei markieren sie einen Gipfel einer jahrhundertealten Tradition, in der Chormusik, zumal weltliche, zuallererst zum Singen komponiert wurde – und nicht zum Hören. Insofern ist der Zusatz „Im Wirtshaus zu singen“ unter dem Titel von „Feuer her!“ durchaus symptomatisch. Denn der bürgerliche Männergesangsverein der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts probte selbstredend im Kneipen-Hinterzimmer.

Das Niveau muss dennoch erheblich gewesen sein. Denn Reinecke schreckte auch in seinen kleinformatigen Sätzen nicht vor erheblichen Anforderungen zurück. Seine Chromatik ist kaum weniger avanciert als die des ein halbes Jahrhundert später geborenen Reger. Aber sie wirkt natürlicher, weniger gesucht. Zumindest wenn sie so selbstverständlich in Schönheit übersetzt wird wie durch Ensemble Amarcord.

Ob die auf seinen Spuren den Frühling besingen oder die Liebe, den Tod oder den Suff – so schön wird das damals nicht geklungen haben. Und doch bewahren die so virtuosen wie stilsicheren Begründer des Leipziger A-cappella-Wunders den Sätze ihr bisweilen fast naive Unmittelbarkeit. Witzig ist diese Musik und charmant, geistreich und intim, gern sentimental, aber nie zu sehr, eine Spur Kunstgewerbe findet sich darin, aber keine Eitelkeit. 70 Titel für Männerchor hat Reinecke geschrieben, sieben davon präsentiert das Ensemble Amarcord zum Festival-Auftakt. Die anderen 63 sollten die Jungs bei Gelegenheit nachreichen. Der Jubel Kirche spricht eine deutliche Sprache und gilt einem geradezu klassischen Amarcord-Konzert: Ein klug gebautes Programm voller Entdeckungen – auf unantastbarem Niveau gesungen.

Von Peter Korfmacher

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