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„Er ist ein Weltautor“ - Alfonso de Toro über Friedenspreisträger Boualem Sansal

„Er ist ein Weltautor“ - Alfonso de Toro über Friedenspreisträger Boualem Sansal

Am letzten Tag der Frankfurter Buchmesse (12.–16. Oktober) wird in der  Paulskirche der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an den algerischen Autor Boualem  Sansal verliehen.

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Der Romanist und Leipziger Uni-Professor Alfonso de Toro (Archivfoto)

Quelle: André Kempner

Der international anerkannte Romanist und Leipziger Uni-Professor Alfonso de Toro hat die Empfehlung für den Preis geschrieben.

Frage: Sie haben Boualem Sansal in Jahr 2008 persönlich kennengelernt, wie kam es dazu?

Alfonso de Toro: Der Merlin-Verlag ist an mich herangetreten, weil man wusste, dass ich mich mit dem Maghreb befasse. Sie hatten einen Lesereise mit Boualem Sansals damals neuem Text „Postlagernd“ in Deutschland vorbereitet und mich gefragt, ob ich die Lesung moderieren und ein Interview führen könnte.

Das Buch war in Algerien verboten ...

In der medialen Welt lassen sich keine Texte mehr verbieten, weil es Gott sei Dank das Internet gibt. Das hat aber auch dazu geführt, dass ich ein Jahr später große Schwierigkeiten bekam, in Algerien einzureisen. Ich sollte eine Tagung eröffnen, die meiner Forschung gewidmet war. Man hat geschafft, dass ich nicht kommen konnte.

Worum geht es in „Postlagernd“?

Der Text setzt sich mit den sogenannten Mythen und mit der aktuellen Situation in Algerien auseinander. Und er sagt etwas über Diktaturen und autoritäre Regime, darüber, wie sie sich ein Weltbild schaffen, das mit der Realität nichts zu tun hat. Dieses kleine Büchlein hat eine große Aktualität, und mir ist klar, warum die Machthaber es sofort verboten haben.

Welche Mythen meinen Sie?

Das betrifft zum einen die Sprache. Es ist ein Unfug, dass Arabisch die erste Sprache Algeriens sei. Trotz der Arabisierung ist das Französische noch sehr stark, auch das Spanische, aber vor allem ist die Berber-Sprache herrschend. Auch die Behauptung, dass in Algerien alle der muslimischen Religion angehören, ist zu undifferenziert. Es gibt Laizisten, es gibt Juden, es gibt Christen, eine Reihe von Minderheiten, die einen anderen Glauben haben. Dann kritisiert Sansal den Nationalbegriff, den Heroen-Kult, der abgeleitet wird aus dem Algerienkrieg. Als ob die algerische Geschichte, die auf mehrere Tausend Jahre zurückblicken kann und von vielen unterschiedlichen Kulturen geprägt ist, auf das 20. Jahrhundert zu reduzieren wäre.

Was genau ist Ihnen so wichtig an Sache und Autor?

Zwei Dinge: Zum einen ist er ein großartiger Schriftsteller. Er verfügt über eine Sprachgewalt, wie ich sie selten in meinem Leben erfahren habe. Ich kann ihn mit Nietzsche, Kafka und Borges vergleichen. Auch was die Phantasie betrifft. Zweitens ist er ein engagierter, aufgeklärter Schriftsteller, der ethische Positionen vertritt. Wo bleiben die intellektuellen Eliten in Europa? Wo bleiben die Stimmen im Maghreb, die sich für universelle Werte einsetzen wie Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Demokratie …? Beides findet sich nicht nur in der Person von Sansal, sondern das schlägt sich in einer privilegierten Verbindung von gesellschaftlichen Aussagen, ethischen Positionen und Schreibkunst nieder. Er kokettiert ein bisschen, dass er überhaupt kein Literat sei. Er sei ein Berichterstatter dessen, was in seiner Heimat passiert.

Kennzeichnet das seine Art der Bescheidenheit, oder ist es eine Frage der Definition?

So weit ich ihn kenne, ist es das Ergebnis von einer geradezu rührenden und entwaffnenden Bescheidenheit, gepaart mit einer bemerkenswerten intellektuellen Schärfe. Sansal ist ein Mann ohne Allüren. Er setzt sein politisches Engagement durch das Verfassen von Romanen und Essays um, mit den Mitteln, die er am besten beherrscht. Das ist sein Handwerk. Man könnte sagen, Sansal sei ein begnadeter Schriftsteller geworden, weil er etwas sagen musste und kein anderes Instrument hatte, sich zu äußern.

Er ist einer der wenigen Schriftsteller Algeriens, die noch nicht ins Exil gegangen sind.

Er lebt mit seiner Familie in Algier. Es ist vergleichsweise leicht für jene, die das Land verlassen haben, massiv Kritik an den herrschenden Verhältnissen zu üben. Aber es gehört wirklich enorm viel Courage dazu, den Kampf vor Ort zu führen. Ich will damit nicht jene desavouieren, die einen anderen Weg wählen, aber es gehört dazu, dass man das hervorhebt.

Was hat Sansal zu befürchten?

Er könnte verhaftet werden oder Opfer von islamischen Fundamentalisten. Er könnte einfach verschwinden. Dass ihm bisher nichts passiert ist, verdankt er dem Umstand, dass er sehr bekannt ist. So bekannt, dass man sich an ihn nicht herangetraut hat. Jetzt, mit dem Preis, noch weniger. Denn es gibt diese ominöse Beziehung zwischen Algerien und der EU, beide sind ein bisschen voneinander abhängig. Darum werden sich die Machthaber dort  nicht in eine exponierte Situation bringen, die den Wirtschaftsbeziehungen schaden könnte.

Für wen schreibt Sansal, für seine Landleute oder für die Welt?

Beides. Er ist ein Weltautor. Einer dieser  Autoren, vergleichbar mit den  lateinamerikanischen der 60er, 70er Jahre, die den Genius haben, lokal verankerte Probleme, Konflikte und Prozesse in einem allgemeinen Rahmen zu platzieren. Was Sansal beschreibt, ist überall zu finden: Korruption, mangelnde Meinungsfreiheit, Unterdrückung der Frau, mangelnde Bildungschancen, Nepotismus, Seilschaften. All das sind ganz allgemeine gesellschaftliche Mechanismen und Prozesse, die er nicht anklagt, sondern aufdeckt. Er zeigt, wie so etwas funktioniert und wie so etwas überhaupt möglich ist – mit welcher Ideologie, mit welchen Argumenten, welchen Abhängigkeiten. Das ist das Wertvolle.

Neben der besonderen Sprache …

... einer Sprache, die ich überwältigend finde. Einer Sprache, die von einem enormen semantischen Reichtum ist. Wie ein Sturm. Er ist ein Meister der Spannung. Die meisten seiner Texte sind aufgebaut wie Kriminalromane. Aber was für Kriminalromane! Das ist nicht Dekor, nicht Artefakt. Die Struktur, die Form des Erzählens dient vor allem dazu, die Botschaft  zu unterstreichen und nachhaltig im Erinnerungsreservoir seiner Leser zu bewahren.

Lässt sich das ohne Verluste ins Deutsche übertragen?

Übersetzungen bedeuten im Vergleich zum Original immer einen Verlust, aber sind, wie es Borges in den 30er Jahren formulierte, eigentlich Neuschöpfungen. Und in diesem Sinne sind alle Übersetzungen sehr gelungen. Hier muss man dem Merlin-Verlag ein großes Kompliment für die sorgfältige Auswahl der Übersetzer aussprechen, was heute unter dem ernormen Konkurrenz- und kommerziellen Druck eben nicht selbstverständlich ist.  Saramago hat mal gesagt: Ohne Übersetzer gibt es keine Weltliteratur.

Wächst in Deutschland das Interesse an Literatur, die sich engagiert?

Wir haben in den zurückliegenden 20 Jahren eine gewisse Erschöpfung und Ermüdung erlebt. Aber ich habe den Eindruck, dass das Interesse seit einigen Jahren wieder zunimmt. Und ich hoffe, dass auf Grund der Demokratisierungsbewegungen in Nordafrika auch die Literatur von Sansal viel mehr Aufmerksamkeit bekommt. Allerdings darf man die Bedeutung seines Werkes nicht auf das Politische reduzieren, das wäre fatal und geschieht leider zu oft. Ein Schriftsteller wird nicht durch politisch Aussagen zum Schriftsteller, sondern durch das Beherrschen einer Kunst.

Inzwischen haben Sie eine enge Beziehung zu Sansal, haben ihn wieder nach Leipzig eingeladen.

Ich hatte ihn 2009 zu einer großen internationalen Tagung mit dem Titel: „Europa und den Maghreb neu denken“ eingeladen. So haben wir diese Beziehung vertieft. Dazu gehört auch, dass ich vom Verlag gebeten wurde, ein Gutachten zu schreiben, eine Empfehlung für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Das hat nicht auf Anhieb geklappt, aber nun 2011.

Warum erst jetzt?

Wir schlagen Sansal seit etwa drei Jahren vor. Nachdem so ein prominenter Autor wie David Grossman, der sich auch für Ausgleich, für Demokratie, Toleranz, Verständigung, Dialog im israelisch-palästinensischen Konflikt einsetzt, geehrt wurde, konnte man Sansal nicht mehr umgehen. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass ohne die Demokratisierungsbewegung in Nordafrika dieser Preis nicht so schnell gekommen wäre.

Warum nicht?

Ich glaube, dass bei solchen Vorschlägen auch eine Reihe von Verlags- und Buchhandelsinteressen eine Rolle spielen, der Preis wird schließlich vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels verliehen. Wenn mächtige deutsche Verlage in Verbindung mit Buchhändlern sich für Autoren einsetzen, ist das zweifelsohne hilfreich. Alle diese Preise hängen von Konstellationen, von Momenten ab. Ich denke aber auch, dass der Börsenverein des Deutschen Buchhandels  immer Mut bewiesen hat, auch im Fall Sansal. Ich fühle mich sehr bestätigt, dass er jetzt diesen Preis bekommt, weil ich die Potenz, die Sprengkraft erkannt und ich mich im Rahmen meiner Möglichkeiten für ihn eingesetzt habe. Es ist schön, wenn Autoren, denen man einige Jahre gewidmet hat, endlich im Mittelpunkt der Öffentlichkeit stehen.

Boualem Sansal in Leipzig: 18. Oktober, 19 Uhr, Altes Rathaus

Interview: Janina Fleischer

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