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Er ragte heraus: Roger Willemsen ist tot

Bestsellerautor und Moderator Er ragte heraus: Roger Willemsen ist tot

Der Bestellerautor und ehemalige Fernsehmoderator Roger Willemsen ist tot. Er starb im Alter von 60 Jahren an Krebs.Er war ein bedeutender Intellektueller und so kluger wie gewitzter Unterhalter.

Der Bestsellerautor und frühere Fernsehmoderator Roger Willemsen ist tot.

Quelle: dpa

Leipzig. Das Schreiben war für ihn eine Lebensform, hat Roger Willemsen gesagt. Die Existenzform, in der er sich mehr zu Hause fühlte als in jeder anderen. Er sprach diesen Satz vor zwei Jahren ohne Pathos, mit leicht geneigtem Kopf, diesem Lächeln in den Augenwinkeln, einem kleinen Staunen auch und jener Neugier, die ihn manchmal wie einen großen Jungen wirken ließ. Am Sonntag ist Roger Willemsen im Alter von 60 Jahren in seinem Haus bei Hamburg gestorben. Im August 2015 hatte er bekanntgegeben, an Krebs erkrankt zu sein und sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.

Roger Willemsen ragte aus jeder Menschenmenge heraus – mit seinen fast zwei Metern Körperlänge und mit seinem Charisma. Das war ihm nicht immer angenehm. Auf den Buchmessen in Leipzig oder Frankfurt am Main aber, so hat er erzählt, half es ihm, in der Masse gefunden zu werden oder sich seinen Weg zu bahnen zum nächsten Termin. Er war ein gefragter Gesprächspartner, immer eloquent, stets bestens vorbereitet und mit unverstellter Freundlichkeit. Mehrfach war er in der LVZ-Autorenarena zu Gast, zuletzt, 2014, mit seinem Bestseller „Das hohe Haus: Ein Jahr im Parlament“, nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch.

Offen für Unbekanntes

Das war charakteristisch für ihn: Aus einem Gefühl des Unbehagens heraus, nicht gut informiert zu sein, nicht richtig im Bilde, beschloss er, sich selbst ein Bild zu machen und setzte sich über ein Jahr regelmäßig auf die Zuschauertribüne des Bundestages, hörte zu, schrieb mit. Doch er dokumentiert nicht nur, er wird selbst zum Spiegel. In jedem seiner Bücher, auch den nicht autobiographischen, sieht er durch die Brille eigener Erwartungen und Erfahrungen und doch unvoreingenommen, ganz offen für Unbekanntes und Überraschendes. Willemsen konnte nicht nur aufmerksam zuhören, er vermochte es, so auf die Welt zu blicken, dass sie zurückschaut.

Nachzulesen ist das beispielsweise in dem, was er selbst „eigentlich eine Trilogie“ nannte: „Der Knacks“, „Die Enden der Welt“ und „Momentum“ (2008 bis 2012). Literarische Reisebilder, persönliche Erinnerungen verschmelzen mit grundsätzlichen Überlegungen über Persönlichkeit und Gesellschaft. Denn eingemischt hat er sich auch, wenngleich auf die feinere, die weniger laute Art.

Als Günter Grass nach dem Bekanntwerden seiner Vergangenheit bei der Waffen-SS als moralische Instanz öffentlich infrage gestellt wurde, sagte Willemsen 2007 im LVZ-Interview: „Ich finde, dass Grass zu einem guten Teil geehrt wird durch die Feinde, die er sich gemacht hat. Die im Moment festzustellende Kampagne gegen alles, was irgendwie links, linksliberal wirkt oder das 68er-Prädikat bekommt, ist eine neokonservative Bewegung.“

Abkehr vom Fernsehen

Willemsen zählte selbst zu den bekanntesten deutschen Intellektuellen. Am 15. August 1955 in Bonn geboren studierte er Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte, bevor er als Journalist, freier Schriftsteller und Übersetzer arbeitete. 1988 ging er für drei Jahre nach London, wo er als Korrespondent für Zeitungen und Rundfunksender tätig war. Anfang der 90er Jahre folgte der Einstieg beim Bezahlsender Premiere, dort wurde er mit der schließlich legendären Talksendung „0137“ bekannt. 1994 bis 1998 war er im ZDF Gastgeber in „Willemsens Woche“. Bis 2006 präsentierte er den „Literaturclub“ des Schweizer Fernsehens, hatte ansonsten diesem Massenmedium den Rücken gekehrt, moderierte aber noch im Radio.

Roger Willemsen im Jahr 2014 in der LVZ-Autorenarena, wo er sein Buch „Das hohe Haus“ vorstellte

Roger Willemsen im Jahr 2014 in der LVZ-Autorenarena, wo er sein Buch „Das hohe Haus“ vorstellte.

Quelle: Andreas Döring

Seit seinem Buch „Deutschlandreise“ (2002) wurde er von einem größeren Publikum auch als Autor wahrgenommen, er stand mit etlichen Soloprogrammen auf der Bühne sowie gemeinsam mit Dieter Hildebrandt in „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort. Die Weltgeschichte der Lüge“. Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen zählen Bayerischer Fernsehpreis, Adolf-Grimme-Preis, Prix Pantheon und Deutscher Hörbuchpreis.

Willemsen war Wissenschaftler, Moderator, Essayist, Regisseur, Kolumnist, Autor – ein moderner, mit allen Medien gewaschener Gelehrter. Seine grundsätzliche Zugewandtheit zu Themen und Menschen konnte missverstanden verstanden. War aber sein Ausdruck klugen Humors, heiterer Nachdenklichkeit sowie Zeugnis unbestechlichen Bewusstseins.

„Bedeutende Stimme unseres Kulturlebens“

Er sah den Verlust einer „Erinnerung an ein Bewusstsein, das Gesellschaft als Gegenstand von Einflussnahme sieht“. Doch er beklagte dies nicht, sondern handelte anders. Er sah „ein gewisses Ressentiment gegen das, was man intellektuelles Arbeiten nennen könnte“. Und wusste: Das ist „der Tatsache geschuldet, dass die Massenkultur eine ganz eigene Form der Verherrlichung erfährt. Und dass man, wenn man für Massen arbeitet, nie bestraft wird, wenn man die Menschen unterfordert.“

Roger Willemsen hat nicht unterfordert. Mit seinem Denken nicht, nicht mit seiner Arbeit, seinem Herangehen an die Welt. Er hat unterhalten, angestoßen, inspiriert. „Mit Roger Willemsen verlieren wir einen brillanten Intellektuellen und eine bedeutende Stimme unseres Kulturlebens“, twitterte am Montag der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) würdigt den „engagierten Weltbürger“. Willemsen werde in den großen gesellschaftlichen Debatten des Landes als intelligente Stimme sehr fehlen. Der Linken-Politiker Gregor Gysi sagte: „Bestechend waren seine Intelligenz und Klugheit, seine Bildung, seine Beobachtungsgabe, seine Genauigkeit und seine Reaktionsschnelligkeit. Das alles war bei ihm verbunden mit einem sehr menschlichen, warmherzigen Charakter.“ Roger Willemsen ragte aus der Menge heraus. In jeder Hinsicht.

Von Janina Fleischer

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