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Erich Loest: "Meine Bücher schreibe ich für das Hier und Jetzt"

Erich Loest: "Meine Bücher schreibe ich für das Hier und Jetzt"

der deutschen Geschichte. Was zur deutschen Teilung führte und was sie bei den Menschen auslöste, war sein Thema."Hören Sie gut zu, Vogelsberg. Sie haben irrsinniges Glück.

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Der deutsche Schriftsteller Erich Loest ist in Leipzig gestorben.

Quelle: Rainer Jensen / Archiv

sein Thema.

"Hören Sie gut zu, Vogelsberg. Sie haben irrsinniges Glück. Wissen Sie selber. Schlappe sechs Wochen bei uns, nicht zu glauben. Sie fahrn jetzt nach Hause. Morgen früh melden Sie sich wieder in Ihrer Fabrik. Sind ja ausgeruht.“ Auf das Letzte bloß nicht reagieren, sofort: „Jawohl Herr Obersturmführer.“

So beginnt Erich Loests letztes Werk, 122 Seiten stark ist die Erzählung „Lieber hundertmal irren“, gerade vom Steidl Verlag ausgeliefert. Sie spielt zwischen September 1944, als es den Schichtleiter Vogelsberg noch kurz an die Front geführt hatte, und sie endet im April 1946 in einem neuen Deutschland, in dem sich viele bereits geschmeidig und flink eingerichtet hatten. Auch Vogelsberg, der später seinen eigenen Sohn opfern wird und beste Aussichten hat, Kreisvorsitzender der neuen allmächtigen Partei in Döbeln zu werden.

Erich Loest ist also noch einmal zurückgekehrt in jene Umbruchzeit, in der sein literarisches Schreiben 1950 mit „Jungen, die übrig blieben“ begonnen hatte, hat wieder den Finger gelegt in die klaffende Wunde im Herzen des Jahrhunderts, auf den Moment, als Deutschland sich teilte, in die Wunden, die Krieg und Teilung schlugen, und die auch heute, 68 Jahre nach Kriegsende und 23 Jahre nach der Wiedervereinigung, nicht aufhören zu eitern.

„Ich kann nicht vergessen und will es nicht“ – das war der Antrieb für das Schreiben des Sachsen, der vier Systeme erlebte: die Nazi-Zeit, in deren letzten Tagen auch er noch an die Front geschickt wurde, die DDR, die ihn so schnell zu den Abweichlern und Konterrevolutionären sortierte, wegsperrte und doch nicht brechen konnte. Die er schließlich 1981 verließ, um in die alte Bundesrepublik zu ziehen, in die Nähe von Bonn. Schließlich das wiedervereinte Deutschland, dessen ungeahnte Freiheiten er sofort nutze, um nach Leipzig zurückzukehren, und an dessen Widersprüchen und Kompromissen er litt bis zum letzten Tag.

Lässt man die (übrigens gekonnt auf Spannung gebauten zum Teil sehr unterhaltsamen) Krimis und Gelegenheitswerke einmal außen vor, die Erich Loest teils unter dem Pseudonym Hans Walldorf zum Broterwerb schrieb, nachdem er nach siebeneinhalb Jahren in Bautzen II aus der Haft entlassen worden war, kreisen alle seine maßgeblichen Bücher um die Wunde im Zentrum des furchtbaren 20. Jahrhunderts. Ein unerschöpfliches Reservoire an Stoffen. Loest 2008: „So lange es noch etwas aufzuarbeiten gibt, kann es nie zu viel werden. Mit dem Nazi-Regime sind wir auch noch nicht fertig. Vielleicht sind wir, bezogen auf die DDR, jetzt wenigstens an dem Punkt, wo der Westen 1968 war: Da wollten die Jungen von ihren Eltern und Großeltern wissen: Was habt ihre eigentlich damals getan?“

So erzählt „Jungen, die übrigblieben“ vom letzten Aufgebot der Nazis. Skrupellos verheizt die einen, später angefeindet die anderen, die das Glück hatte davongekommen zu sein – wie Loest selbst. In „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“ (1977) schrieb er sich die selbstzufriedene Lethargie der DDR von der Seele – und nahm den Bruch mit diesem Staat bewusst in Kauf. 1984, im Westen angekommen, setzte er im „Völkerschlachtdenkmal“ (später erweitert zur „Löwenstadt“) dem Denkmals-Wärter Alfred Linden ein tragisch-absurdes solches, den die Stasi verhaftete, weil er angeblich das Denkmal habe sprengen wollen. 1990 wird er in „Durch die Erde ein Riss“ wieder autobiographisch, schreibt von seinen Hoffnungen nach dem Krieg und davon, wie sie alle nach und nach an der Wirklichkeit zerschellen. „Nikolaikirche“ von 1995 schließlich, ist das Buch zur Wende. Schulstoff, von Frank Beyer hochkarätig besetzt und höchst erfolgreich verfilmt, ein historischer Roman wie alle großen Bücher Erich Loests und viele der meisten kleineren.

Gebaut hat er sie „wie bei jedem historischen Roman, so wie wir es bei Lion Feuchtwanger gelernt haben oder bei Honoré de Balzac oder bei Leo Tolstoi oder bei Norman Mailer: Die Personen werden aus der Historie heraus entwickelt, die Fakten stimmen, jedes Akten-Zitat ist authentisch.“ Und an diese Personen kam Loest so nah heran wie nicht viele andere. Die Menschen in seinen Büchern, man kann sie riechen. Sie riechen nach Schweiß, nach Arbeiter-Schweiß, nach Angstschweiß, sie schwitzen vor Liebe und vor Verzweiflung. Die Dialoge, in denen wir sie erleben, vibrieren vor Diesseitig- und Heutigkeit. Und ihr Schöpfer erhebt sich nicht als auktorialer Erzähler über sie, sondern verhandelt mit ihnen auf Augenhöhe. Mit wenigen Sätzen, fast immer sind sie kurz, oft nur Ellipsen, fängt er die Szenerien ein, in die er sein Personal wirft. Dem schaut er aufs Maul, findet für den Arbeiter wie für den Funktionär, für den Mitläufer und den Schuldbeladenen, für Täter und Opfer den jeweils passenden Ton. Das entwickelt einen ungeheuer dichten Erzähl-Gestus, der in seiner Authentizität und Reportagehaftigkeit sich ganz unverblümt der journalistischen Wurzeln des einstigen LVZ-Redakteurs erinnert. Und ebenso unverblümt malt er seine eigenen Erfahrungen in diese Tableaus vor allem kleiner Leute, aus denen Weltgeschichte sich formt.

Das hat ihm bisweilen den Vorwurf eingebracht, sein Schreiben sei zu wenig reflektiert, nicht wirklich literarisch – was verkennt, dass der Erzähler, wie Loest ihn versteht, zu erzählen hat, und der Leser zu verstehen und zu deuten, womit er anknüpft an die Erzähltradition der US-Realisten. Kompliziert indes wird es im der jüngeren Zeitgeschichte verpflichteten Spätwerk. Auch und vor allem in Loests Prosa. Da weicht der federnde Reportage-Ton knarzendem Kreuzzugs-Pathos. Da kreist der Zeigefinger, winkt er mit Zaunpfählen, gelegentlich mit Garagentoren.

Was leicht zu begreifen ist. Denn der späte, der greise, der kranke Loest sah seine Felle davonschwimmen, sah, das längst nicht alles in seinem Sinne funktionierte. Was nicht leicht gewesen sein muss, für einen, der vor allem schrieb, um zu verändern. Und je mehr die Kräfte schwanden, desto größer wurde offenbar sein Bedürfnis, die Begleichung alter Rechnungen zu erzwingen.

Dieses Einmischen ins tagesaktuelle Zeitgeschehen war ihm, dem geborenen Einmischer, Zeit seines langen Schriftsteller-Lebens die wichtigste Triebfeder: „Meine Bücher schreibe ich für das Hier und Jetzt“, hat er immer wieder zu Protokoll gegeben. Und: „Nachruhm kann man nicht planen“.

Er hat es doch getan. Seinen Vorlass, der seit Donnerstag ein Nachlass ist, hat er beizeiten geordnet und der Medien-Stiftung der Sparkasse Leipzig übergeben, wo er nun der wissenschaftlichen Aufarbeitung harrt. In seinem Geburtsort Mittweida gibt es ein Museum, das seinen Namen trägt, sein Leben und Wirken dokumentiert.

Und die großen Stoffe, die er angefasst hat, die so sehr persönlich die seinen waren, sie gehen uns alle an. Schon das erhebt Bücher wie „Es geht seinen Gang“, „Nikolaikirche“ auch „Völkerschlachtdenkmal“ über die Alltagskost des schnelllebigen Literaturbetriebs.

Es gibt beileibe schlechtere Literatur für den Deutsch-Unterricht, den diese Bücher zur Geschichtsstunde weiten. Und es gibt beileibe Schlechteres für den heimischen Nachttisch. Wenn es um die zentrale Wunde des deutschen 20. Jahrhunderts geht, gibt es wahrscheinlich sogar wenig Besseres.

Erich Loests letzte Erzählung endet so: „Vogelsberg dachte: Ist schon richtig, lieber hundertmal mit der Partei irren, als sich einmal gegen sie zu stellen.“ Sein literarisches Credo war das Gegenteil: Lieber hundertmal gegen die Macht anrennen, als einmal seine Überzeugungen zu verraten.

Peter Korfmacher

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