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Erinnerungen an Joachim Scholz: Seitenblicke in die schräge neue Welt

Erinnerungen an Joachim Scholz: Seitenblicke in die schräge neue Welt

Man muss genau hinsehen, um den titelgebenden Straßenmusikanten zu entdecken. Der nicht mehr ganz junge Geiger hockt am Boden vor einem Schaufenster mit Puppen, welche die neueste Mode vorführen.

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Anlässlich seines 80. Geburtstages erinnert der Künstlerbund an den Leipziger Maler Joachim Scholz (1934-2004). Rechts das Bild "Parcours" (2001).

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Ebenso schick gekleidete Flaneure verdecken den für seinen Lebensunterhalt fiedelnden Musiker, haben keinen Blick für ihn.

 Das Motiv könnte aus den sogenannten Goldenen Zwanzigern stammen, gleichfalls die an Neuer Sachlichkeit und Verismus orientierte Malweise. Die scheinbar so realistische Darstellung wird durch verschobene Perspektiven und anatomische Verzerrungen bis an den Übergang zur Karikatur gebrochen.

 Joachim Scholz machte kein Geheimnis daraus, dass Otto Dix zu seinen Vorbildern gehörte, ebenso Beckmann. Andererseits aber Wolfgang Mattheuer und Heinz Wagner, bei denen er in den frühen 60ern an der HGB studiert hat. So entsteht jene Mischung, die für die Leipziger Malerei in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts charakteristisch ist. Allerdings wird der Name Scholz eher selten erwähnt, wenn von dieser ersten Leipziger Schule die Rede ist. Er bleibt ein Insider-Tipp.

 Seine bisher letzte Personalausstellung hatte er 1994 in der Kustodie der Universität. Nun versucht der Künstlerbund anlässlich des 80. Geburtstages des vor zehn Jahren gestorbenen Malers ganz zu Recht, die Erinnerung aufzufrischen.

 Die Bezeichnung Maler ist nur die halbe Wahrheit. Auch wenn in der Ausstellung nur zwei Zeichnungen zu sehen sind, so gehörte doch die Arbeit auf dem Papier fest zu seinem Schaffen. "Zeichnen war für ihn die erste und unmittelbarste Kontaktaufnahme mit der Welt, war so etwas wie Tagebuchschreiben", sagt die Kunsthistorikerin Ina Gille.

 Auch die zwölf Gemälde können nur einen schmalen Ausschnitt aus seinem Werk zeigen. Das älteste - "Selbst mit Familie" - ist 1988 entstanden. Mit Frau und Tochter sitzt er eingezwängt im Trabant wie in einem Käfig. Doch die Tür steht einen Spalt breit offen. Das jüngste Bild ist von 2001. Es gab der ganzen Ausstellung den Titel: "Parcours". Wie zu erwarten, bewältigen mehrere Reiter auf ihren Pferden eine Hindernisstrecke. Doch der Betrachter schaut von schräg oben hinein in diese Szene wie in eine Miniaturwelt. Die sorgfältige Komposition des ritualisiert wirkenden Wettkampfes wird durch einen hart angeschnittenen Beteiligten, von dem nur ein Arm in die Bildfläche ragt, aufgehoben. Als wäre im letzten Moment jemand in den Schnappschuss gelaufen.

 Solche subtilen Störungen finden sich auf vielen Gemälden. Außerdem auch ein Schuss Ironie. Die ungewohnte Konsumwelt der 90er Jahre ist wie beim Straßenmusikanten immer wieder ein Thema für Scholz. Menschen stehen mit unbewegten Gesichtern auf der Rolltreppe, die neuesten Einkäufe nach Hause tragend. Ein ebenso euphorisch wie lächerlich wirkendes Paar träumt bereits 1991 vom "ausbaufähigen Dachgeschoss", während ganze Häuser in den Himmel über Leipzig entschweben. Am Strand hängt jeder ganz individuell seine weiße Fahne, die auch ein Hemdchen sein kann, in den Wind. Und auf dem Verkehrsschild neben dem Neubau Eisenacher Straße steht nur ein Fragezeichen.

 Erzählerische Welten mit Widerhaken kennzeichnen ebenso wie technische Raffinesse das Werk von Joachim Scholz. Damit hat er einen festen Platz in der neueren Geschichte der Leipziger Kunst dauerhaft verdient.

 Vor- und Nachlass 3 - Parcours: Joachim Scholz, bis 30. August, Fr-Sa 15-18 Uhr; 4D Projektort, Tapetenwerk, Lützner Straße 91

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 08.08.2014

Jens Kassner

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