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„Ernst ist das Leben (Bunbury)“ feiert vor dem Gohliser Schlösschen Premiere

Sommertheater Schauspiel Leipzig „Ernst ist das Leben (Bunbury)“ feiert vor dem Gohliser Schlösschen Premiere

Oscar Wildes Komödie „The Importance of Being Earnest“ dient als Vorlage für das diesjährige Sommertheater des Leipziger Schauspiels. Im Hof des Gohliser Schlösschens feierte die Inszenierung von Christian Brey Premiere mit Sinn für Timing, alberne Gags und satirische Spitzen gegen gesellschaftliche Doppelmoral.

Das Schauspiel-Ensemble spielt vor dem Gohliser Schlösschen.

Quelle: Rolf Arnold

Leipzig. Was soll man von einer Story halten, in der zwei Frauen schwören, nur einen Mann namens Ernst zu heiraten? Und wenn der Auserwählte, der Jack heißt, sich am Ende doch als Ernst herausstellt, was jener selbst nicht wusste. Wegen gewisser Umstände im Säuglingsalter, als er mit einem Romanmanuskript verwechselt zum Findelkind wurde. So aberwitzig hat Oscar Wilde den Plot konstruiert. Die deutschsprachige Theaterfassung von Elfriede Jelinek ist dazu noch kompromisslos mit den Endlos-Wortspielereien der Literatur-Nobelpreisträgerin gewürzt. Da ist es nur konsequent, auch die Premiere von „Ernst ist das Leben (Bunbury“) des Schaupiels Leipzig am Sonntagabend vor dem Gohliser Schlösschen hemmungslos über die regennasse Rasenteppichbühne schlittern zu lassen. Gemäß dem ungeschriebenen Sommertheater-Grundsatz: Lieber eine Albernheit zu viel als eine zu wenig.

Tatsächlich wird daran nicht gespart. Mit Zappeleien, Kalauern und einem – im Ernst – zunächst penetranten Gewitter homoerotischer Anspielungen. Wenn solcherlei Spaßwellen vom ersten Moment an gegen die Publikumsreihen branden, ist das immer ein Vabanque-Spiel. Der Grad der Publikumsreaktionen zwischen gelöster Heiterkeit und reserviertem Armeverschränken ist schmal. Und noch schwerer ist Ersteres hervorzukitzeln, wenn die Schauspieler gegen eine Wand aus Regenponchos und einstellige Temperaturen anspielen. Immerhin vermutlich im Plusbereich: In den ersten Minuten fällt heftiger Regen, kein Schnee.

Doch das Kunststück, alle Bedenken zu zerstreuen und das Publikum in den Strudel der Albernheiten zu reißen, klappt. Regisseur Christian Brey gilt als Komödienspezialist. Er hat mit Harald Schmidt gearbeitet, auf der Theaterbühne und in dessen Late-Night-Show. Er hat in Stuttgart Erfahrungen mit René Pollesch gesammelt. Das Gefühl für grenzwertige Gags, für perfektes Timing, für das Herumreiten auf halbgaren Witzen, für sich wiederholende Elemente wie ein widerspenstiger Etui-Verschluss, das hat er sich erarbeitet. Im Verbund mit dem durchweg überzeugenden Ensemble entstehen zwei turbulente Stunden mit Unterhaltungswert ohne Durststrecken. Vorausgesetzt man lässt sich darauf ein, dass die Gagmaschine meist so eine Hat-man-schon-erlebt-Ahnung verströmt.

Oscar Wildes Vorlage („The Importance of Being Earnest“) liefert perfekte Fallhöhe für Komik. Weil die Fassade der Oberschicht verrutscht. Je peinlicher der Moment für die Bühnenfiguren, desto lustiger wird es fürs Publikum. Eine Faustregel, die Brey gnadenlos ausspielt.

Die befreundeten Gentlemen Jack (Jonas Fürstenau) und Algernon (Florian Steffens) setzen sich in die Nesseln, wenn sie ihr Lügengespinst aus falschen Identitäten um der Liebe willen zu korrigieren trachten. Fürstenau zeigt dabei großartiges Slapstick-Talent irgendwo zwischen Stan Laurel und Luis de Funès. Wuchtig prallen die Heiratskandidatinnen Gwendolen (Julia Berke) und Cecily (Julia Preuß) mit bewusst überspielter Zickigkeit aufeinander. Hartmut Neuber gibt den Pastor mit Schottenrock und eindeutigen Absichten unter dem Talar. Davon künden knapp am Schwachsinn vorbeimanövrierte Versprecher-Orgien wie „Damen am Bach“ statt „Abendandacht“. Hannelore Schubert verausgabt sich als Cecilys Gouvernante. Ellen Hellwig gibt als Lady Bracknell schnarrende Kommandos. Und wie man mit unbewegtem Gesicht durch perfektes Timing aus einer Nebenrolle zur tragenden Säule wird, zeigt Erik Born als Butler, der einen Sturz auf nassem Untergrund wegsteckt.

Unter der Oberfläche des Klamauks schimmert Substanz durch. Denn Wildes Salon-Satire ist als Hieb auf gesellschaftliche Konventionen und Upper-Class-Doppelmoral angelegt. Da muss ein Name – Ernst – als Symbol für Verlässlichkeit herhalten. Die Damen verlassen sich lieber auf das fragwürdige Etikett, als auf eigene Menschenkenntnis. Lady Bracknell misst den potenziellen Bräutigam an Besitz und Stand – und verzieht sich zum Jubel ins Off. Durchleuchtet wird heutige Political Correctness, die nicht empfunden, sondern nur als rhetorisches Make-up aufgetragen wird. Bunbury nennt seinen erfundenen, kranken Freund einen „körperlich Herausgeforderten“. Daraufhin wettert Lady Bracknell gegen das „neumodische Mitleid mit Krüppeln“.

Das alles spielt vor der wunderbar ironischen Kulisse eines begehbaren Riesen-Rassehundes aus Blumen (Bühne: Anette Hachmann). Die gefühlte Diskrepanz der Charaktere zwischen Oberfläche und Inhalt kitzelt die Inszenierung mit Insektizid-Spritze im Blumenidyll und verkitschten David-Bowie-Songs aus jedem Detail. Die Musik spielt Arpen live ein. Als Dandy sitzt er mit Pfeife im Schlossfenster. Ein Dach über dem Kopf, eine Tasse Tee in der Hand. Neidvoll beäugt von den meteorologisch Herausgeforderten.

Nächste Termine: Mittwoch und Freitag, 20 Uhr, Gohliser Schlösschen (Menckestr. 23), Kartentel: 0341 1268168

Von Dimo Riess

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