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Ernte und Zukunft - Riccardo Chailly dirigiert und verhandelt

Ernte und Zukunft - Riccardo Chailly dirigiert und verhandelt

Mit Jubel und Bravi quittierte das Publikum im Gewandhaus die Großen Concerte dieser Woche. Auf dem Programm: Werke von Johannes Brahms.

Solist ist der Geiger Leonidas Kavakos, und am Pult steht Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly, der derzeit turnusmäßig mit der Stadt über die Verlängerung seines Vertrags über 2015 hinaus verhandelt und wieder als Chefdirigent der Mailänder Scala gehandelt wird.

Bis 2015 läuft Chaillys Vertrag als Gewandhauskapellmeister. Derzeit stehen turnusmäßig Verlängerungsverhandlungen mit der Stadt an. Dass Details einstweilen unter der Decke bleiben, ist selbstverständlich. Doch sind mehrere Szenarien denkbar, die mit den Werbern zusammenhängen, die den Gewandhauskapellmeister umgarnen. Neu ist das nicht: Seit er in Leipzig ist, wurde er in der italienischen Presse immer wieder als potenzieller Chef der Scala hochgeschrieben. Aktuell ist er wieder als Nachfolger Daniel Barenboims im Topf, wie Daniele Gatti oder Fabio Luisi und einige andere.

In der Tat hätte Chailly den größten Charme für alle Beteiligten. Die Scala wurde von seinem Vater geprägt, hier erfuhr er selbst seine musikalische Sozialisation. Bislang hat er all das immer als Gerücht abgetan. Doch könnte diesmal mehr dran sein. Denn die Scala steht vor einem Neuanfang, und wenn die Stellschrauben in seinem Interesse justiert werden, würde Chailly wohl, egal, was er jetzt dazu sagt, zuschlagen.

Mit Leipzig muss das nicht kollidieren. Gewandhauskapellmeister und Chefdirigent der Scala, das vertrüge sich gut. Komplizierter wird es mit der zweiten Position, für die Chailly ebenfalls gehandelt wird: 2018 brauchen die Berliner Philharmoniker einen neuen Chef. Beide Positionen in einer Hand, das hat zwar Tradition (Furtwängler, Nikisch), wäre heute aber schwer vorstellbar. Vielleicht verlängert der Gewandhauskapellmeister in Leipzig also nur um drei Jahre. Doch mehr als Kaffeesatzleserei ist all das nicht.

Sicher indes ist: Mit seiner Vierten holte Johannes Brahms 1885 die Ernte ein: Jahrzehnte hatte er darum gerungen, wie sie aussehen könnte, die Sinfonie nach Beethoven. In seinem letzten Beitrag zur Gattung nun finden sie letztgültig zusammen: Material und Struktur, Emotion und Form. Und im Finale, diesem Wunder aus Strenge und Schönheit, schlägt Brahms den Bogen zurück zum Anfang, zu den Haydn-Variationen, der Wegmarke vor dem Durchbruch zur Sinfonie: Sonatenhauptsatzform und Passacaglia vereinen sich da zu eine Kosmos, den noch Schönberg und seine Schüler als neu, als unerhört, als künftig empfanden.

Ein Werk der Reife mithin, eines, mit dem auch Chailly und das Gewandhausorchester die Ernte einholen können. In den acht Jahren, die der Mailänder Gewandhauskapellmeister ist, stand Brahms immer wieder auf dem Spielplan. Dass er die Sinfonien, Konzerte, Ouvertüren auch auf den vorigen Stationen immer wieder dirigiert, auch auf CD produziert hat, versteht sich beinahe von selbst.

Aber im Laufe der Jahre ist dabei ein neues Brahms-Bild entstanden, das Bedürfnis, hinter Tradition und Konvention zu blicken, die sich wie dicker Mehltau über diese Partituren gelegt haben. Das Ergebnis ist nicht so spektakulär anders, wie es bei Beethoven war, es ist nicht auffällig schnell, nicht auffällig langsam. Und doch spielt das Tempo wieder eine entscheidende Rolle bei Chaillys Neusichtung. Es geht eher um Proportionen und Disziplin. So klein die Unterschiede im Detail sein mögen, so groß ist die Wirkung. Brahms' lyrische Seitenthemen beispielsweise, die er so lasziv neben das Metrum gießt, sie bleiben unverständlich, geraten ins Schlingern, sind sie nicht eingebettet in die Strenge, die Chailly ihnen gönnt. So erst können sie atmen, kann sich die emotionale, die Logik der Schönheit entfalten auf dem Fundament der entwickelnden Variation.

Diese Logik trägt alle vier Sätze der Vierten, sie trägt auch das Violinkonzert, in dem sich Leonidas Kavakos an der Geige erneut als kongenialer Partner des erdig, satt und warm leuchtenden Gewandhausorchesters erweist. Ein Geiger ohne Posen, einer der in äußerster Natürlichkeit Schönheit aus Beherrschung gewinnt, der den Schründen dieses Violinkonzerts die Schärfe nimmt - aber nicht die Brisanz. Der seinen Solopart aus dem Orchester heraus entwickelt. Dafür liegt ihm das Publikum zu Füßen und erklatscht hartnäckig noch eine zauberisch zarte und aberwitzig anspruchsvolle Zugabe: Francisco Tarregas "Recuerdos de la Alhambra".

Das Orchester ist, nach kurzer Findungsphase in der Tragischen Ouvertüre und abgesehen von der Klapperneigung im langsamen Satz der e-moll-Sinfonie in fabelhafter Verfassung. Über den Ockerton der Streicher, der so fabelhaft zu Brahms passt, muss man nicht viele Worte verlieren, die gerade Präzision der Holzbläser indes sie lässt aufhorchen - auch im äußersten Piano.

Im Gegensatz zu Brahms,der nach seiner Vierten die Sinfonie Sinfonie sein ließ, ist der gemeinsame Weg des Gewandhausorchesters und Riccardo Chaillys noch nicht ausgeschritten. Sie haben noch viel miteinander vor. Auch auf dem CD-Markt, auch nach den Brahms-Boxen, die im Herbst erscheinen sollen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 11.05.2013

Peter Korfmacher

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