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Erschreckend wahre Absonderlichkeiten: Kurzprosa-Debüt des Leipzigers Jan Lindner

„Auf Teufel komm Rausch“ Erschreckend wahre Absonderlichkeiten: Kurzprosa-Debüt des Leipzigers Jan Lindner

Wer in Leipzig hin und wieder vor eine der vielen Lesebühnen pilgert, kennt Jan Lindner vor allem als Autoren, der exaltiert seine mal spitzzüngigen, mal brachialen, jedenfalls fast immer überraschenden Sonette vorträgt. Nun legt der 30-Jährige seinen ersten Prosaband vor – und es überrascht wenig, dass sich auch seine Kurzgeschichten durch Wortwitz und Ideenreichtum auszeichnen.

Jan Lindner, 30. Sein Kurzprosa-Band „Auf Teufel komm Rausch“ ist 2016 in der Edition Subkultur Berlin des Periplaneta Verlags erschienen, hat 130 Seiten und kostet 9,99 Euro.

Quelle: André Kempner

Leipzig. So bedient das Buch schon seine Überschrift „Auf Teufel komm Rausch“ auf äußerst unterschiedliche Weise: Mal sind es „die Frauen dieser Welt, die wir dafür auserwählen, uns von der gescheiterten Liebe abzulenken“, die die Sinne betrüben wie „der Jack Daniels in deinem Rucksack“. Dann berichtet Lindner gleich einem Sportreporter von einer Partie zwischen Eintracht Prügel und Hangover 96, in der beispielsweise „einige missglückte Konterbierversuche“ den „angeschlagenen elf Zähnen der 96er“ mit zunehmender Spieldauer „den nötigen Biss“ nehmen. In wieder einer anderen Geschichte bedient sich der Ich-Erzähler des Alkohols, um sich als sonst „nüchtern, eher introvertiertes Wesen auf eine ungleich unterhaltsamere, fröhlichere und lautere Daseinsform zu hieven“. Oder schlicht „um zu vergessen und mir dieses Ausmaß an Selbstanklage in erträglichem Rahmen zu halten“.

Wobei die Texte keineswegs den Eindruck erwecken, als wären sie aus bewusstseinsgetrübtem Zustand hervorgegangen. Lindner geht sehr sorgsam mit Worten um – so sehr, dass einige der kurzen Texte ihren Lesern mindestens so viel Konzentration abverlangen wie üblicherweise Gedichte. Wer die nötige Aufmerksamkeit aufbringt, wird indes mit ausgefallenen Sprachschöpfungen und Wendungen belohnt, die man als unachtsamer Leser oder Lesebühnen-Gast leicht überhört.

Nur eine Ahnung des Rätsels

Lindner, 1985 in Jena geboren, studierter Philosoph und in einer breiteren Öffentlichkeit immer wieder mit Fußballgedichten in Erscheinung getreten, hat in Leipzig mit dem Kollegen Nils Matzka die Lesebühnen „Pinzette vs. Kneifzange“, „Kunstloses Brot“ und den Poetry Slam „Buchstabhochsprung“ aus der Taufe gehoben – Formate, die ihr Publikum nicht zuletzt zum Lachen bringen sollen. Aber Lindner vermag es auch, tief zu berühren. In drei kleinen Geschichten nimmt er die Perspektive dreier Kinder ein. Von Mareike, die in dem 2015 mit einem Radio-Mephisto-Hörspielpreis ausgezeichneten Text „Matrjoschka“ ihren Papa fragt, welches Tier er am liebsten wäre. Von Tobias, der seine kleine Schwester Mariann mit viel Fantasie davor bewahrt zu merken, wie tief zerstritten die Eltern sind. Und vom kleinen dicken Franklin, der eines verhängnisvollen Tages einen Happen zu viel zu sich nimmt.

Lindner vermittelt jeweils nur eine Ahnung dessen, was da Rätselhaftes vor sich gehen mag und ruft eindrucksvoll die Erinnerung daran wach, dass eine Kindheit auf Teufel komm Rausch nicht nur aus Zuckerschlecken besteht. „Du bist die Kreatur, die ich aus mir selbst erschaffe, um erzählen zu können“, schreibt er am Ende – ein Schöpfer von Absonderlichkeiten, in denen zuweilen erschreckend viel Wahrheit liegt.

Nächste Lesebühne „Pinzette vs. Kneif­zange“: 12. Juli, 20 Uhr, Beyerhaus (Ernst-Schneller-Straße 6), Eintritt 3 Euro

Von Mathias Wöbking

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