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Erschreckender Abgesang für den Dreiklang - Musikforscher fürchten um Nachwuchs

Erschreckender Abgesang für den Dreiklang - Musikforscher fürchten um Nachwuchs

Erneut vereint die hiesige Universitätsmedizin Gesangspädagogen, Logopäden und Ärzte aus ganz Europa bei einem Leipziger Symposium zur Kinder- und Jugendstimme.

Leipzig. Von Freitag bis Sonntag werden rund 500 Teilnehmer bei dieser 13. Auflage den Austausch pflegen: Nicht zuletzt sehr besorgt darüber, dass unseren Kindern mehr und mehr die Fähigkeit zum Singen abhanden kommt, unter der Überschrift "Stimme - Leistung - Gesellschaft".

Gastgeber Professor Michael Fuchs - Chef der Leipziger Uni-Phoniatrie - steuert dabei erste Erfahrungen aus einem laufenden, weltweit noch nie beackerten Forschungsprojekt zur "Nachsinge-Fähigkeit" bei. Es untersucht "auditive und stimmliche Voraussetzungen für die sängerische Leistungsfähigkeit" von Grundschulknirpsen. Das Ganze versteht sich als wissenschaftliche Begleitung zum Projekt "Singt euch ein" der hiesigen Musikschule "Johann Sebastian Bach". Bei diesem erfährt der wöchentliche Musikunterricht in Schulen Verstärkung durch einen zusätzlichen Gesangspädagogen. "Wir haben uns gefragt: Wie gut können unsere Grundschulkids heutzutage Melodien nachsingen?", so Fuchs. "Weil die Hälfte aller Leipziger Drittklässler das Musikschul-Angebot nutzt und die andere Hälfte nicht, lässt sich das gut vergleichen." Analysiert werde in drei Phasen.

Phase eins, laut Fuchs eine Art Bestandsaufnahme vor dem 3. Schuljahr, sei ernüchternd gewesen: "Die Kinder sollten zunächst vorgesungene Drei­klänge nachsingen und wir maßen nach, wie genau sie jeweils die fünf Töne ­dabei trafen. Leider - es war erschreckend ­selten." Bis zu 17,5 Halbtöne hätten die Abweichungen teils betragen, sagt Fuchs. Viele hätten nicht mal gehört, dass der Dreiklang, auf- und abwärts gesungen, fünf Töne birgt. Kinder, die bereits ein Instrument spielten oder singen, hätten sich da beim Test viel besser ge­schlagen. "Zudem zeigte sich, dass der Nachwuchs die Dreiklänge - wenn überhaupt - fast nur im tiefen stimmlichen Bereich packt." Kaum im hohen, mit der Kopfstimme gesungenen - obwohl das eher der kindlichen Natur entspräche. Eine Ursache für diese Entwicklung sehen Fuchs und Kollegen darin, dass mit Kindern heutzutage nicht mehr soviel gesungen wird wie noch vor 30 Jahren. Und dass sich das, was sie singen, geändert hat. "Kinder- und Volkslieder etwa werden ja auch in immer tieferen Tonlagen verfasst, so dass die hohe Kopfstimme der Kinder nicht mehr angesprochen wird. Man will damit die ,Vor­sänger' etwas entlasten, die selbst zunehmend nicht mehr wirklich gut singen. Die stimmliche Ausbildung unserer Kita-und Grundschulpädagogen müsste wieder einen wesentlich höheren Stellenwert bekommen", so Fuchs.

Während die letzte Messphase der Leipziger Forscher dann der Klassenstufe 4 vorbehalten sein soll, markiert die aktuelle Messphase zwei den Stand der Dinge gegen Ende der dritten Klasse, nach einem Jahr Teilnahme an "Singt euch ein" also. "Da stecken wir gerade drin und es zeichnet sich ab, dass sich die zusätzlichen Mühen der Gesangspädagogen lohnen. Die Nachsinge-Fähigkeit der Mädchen und Jungen besserte sich deutlich." Für Fuchs ein Argument, nicht zuletzt gesellschaftliche Rahmenbedingungen einzufordern, "wenn wir wollen, dass unsere Kinder singen und musizieren". "Dafür braucht es nämlich Räume, Instrumente und gut ausgebildete Pädagogen!", sagt er.

Genau diese "Stellung des Singens von Kindern in der Gesellschaft" soll nun auch beim Symposium thematisiert werden. Etwa mit CDU-Bundesvorstandsmitglied Regina Görner, die kritisch beleuchten will, ob Geldausgaben für Musikschulen zum Luxusgut werden. "Wir jedenfalls erleben heute, dass immer mehr Musikschulen fest angestellte Pädagogen durch Honorarkräfte ersetzen, was durchaus Einschnitte in Kontinuität und Qualität der Ausbildung bringt. An anderen Schulen ist zudem der Musikunterricht mit der erste, der ausfällt, wenn gespart werden muss. Und viele deutsche Hochschulen kürzten ihrerseits das Angebot zur Stimmausbildung für künftige Lehrer, schafften gar die Stimmtauglichkeits-Untersuchung vor dem Lehramtsstudium ab." Leipzigs Uni sei da noch die Ausnahme", erzählt Fuchs, der dies "auch volkswirtschaftlich" betrachtet: Seit 18 Jahren am Leipziger Uni-Klinikum, registriert er allein da immer mehr und immer jüngere Lehrer mit gravierenden, zunehmend langwierigeren Stimmerkrankungen. "Im Vergleich zu meiner Anfangszeit hier haben wir heute fast das Dreifache an Betroffenen, die zum Beispiel zu einer Stimmrehabilitations-Kur müssen", sagt er. "Mangelnde Stimmbildung, schlechte Sprechtechnik haben sie an eine physische Grenze ihres Berufes gebracht."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 19.02.2015

Angelika Raulien

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