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Erstbilder nach Drehbuch: Hans Aichinger zeigt neue Bilder

Erstbilder nach Drehbuch: Hans Aichinger zeigt neue Bilder

Der Maler Hans Aichinger zeigt in der Leipziger Maerzgalerie "Die Familie. Eine Aufstellung". Haben wir es mit einer Selbstentblößung zu tun? Oder hat er seine Sippe zu Komparsen in einer künstlerischen Intrige gemacht? Zu sehen ist die ergebnisoffe Analyse bis zum 3. August.

Familienaufstellung ist ein Begriff der Psychoanalyse. Schlägt man nach, was es damit auf sich hat, stößt man auf den Begriff des Bildes: "Mittels des intuitiven Positionierens von Stellvertretern "stülpt" der Klient gewissermaßen sein inneres Bild hinsichtlich unbewusst abgebildeter Relationen (untereinander und in Relation zu seinem Fokus) nach außen in den Raum (Erstbild)", heißt es in der Wikipedia. Der Leipziger Maler Hans Aichinger hat seine Familie aufgestellt. In Bildern. Es sind keine anonymen Modelle oder gar Figuren aus der Fantasie, sondern tatsächlich Personen seinen direkten Umfeldes, die in eigenartigen Posen zu sehen sind.

Ein alter Mann, ergraut und füllig geworden, steht mit nacktem Oberkörper im leeren Raum, den Pflasterstein betrachtend wie der Prinz von Dänemark einen Totenkopf in jenem berühmten Monolog. Der Anarchist - laut Bildtitel - wird sich wohl für das Nichtsein entscheiden, die Zeit des Pflasterstrandes ist für ihn vorbei. Der gleiche Alte wird auf einer anderen Tafel als Nathan der Weise dargestellt, mit Kappe und Bücherstapel. Ein pummliges blondes Mädchen lässt ihm eine Skelett-Marionette auf der Stirn herumtanzen, ein Memento mori. Selten treten die Personen, besser gesagt ihre Darsteller, so direkt in Beziehung. Häufiger ziehen sich die Fäden der Relationen unsichtbar durch den Raum.

Nach Phasen heftigen Experimentierens pflegt Hans Aichinger seit einem Jahrzehnt eine altmeisterliche Manier des Malens. Der Illusionismus und die Exaktheit im Detail erinnern an den Fotorealismus. Die Vorlagen müssten dann aber inszenierte Fotos sein, deren Entstehung die sorgfältige Arbeit eines Teams von Visagisten, Ausstattern und Beleuchtern vorausgegangen ist. Zufälle kommen nur vor, wenn sie im Skript festgeschrieben sind. Mehr noch an zeitgemäßer Bühnentechnik mit leistungsstarken und punktgenauen Scheinwerfern als an Caravaggio ist die Lichtregie Aichingers orientiert. Auch das karge Interieur lässt keinen Zweifel daran, dass es sich nicht um Ausschnitte der Realität handelt, sondern um ein Schauspiel. Manche Requisiten wie jenes Mini-Skelett, der Stein oder auch Schachteln und Papierbögen mit Löchern kehren immer wieder. Obwohl der Maler warme Farben bevorzugt und in HD-Qualität wiedergibt, ist Empathie seitens des Betrachters kaum möglich. Es scheint eine undurchdringbare Glaswand vor der Spielfläche zu stehen, die den direkten Kontakt verhindert.

Nimmt man die Anspielung auf psychoanalytische Praktiken ernst, müsste es sich um einen Seelenstriptease des Künstlers handeln. Was haben die Angehörigen seiner Familie ihm bloß angetan, dass er so kühl auf sie schaut? Dies zu klären und die Interpretationsvarianten der verrätselten Konstellationen durchzudeklinieren, müsste man ausgebildeter Profi in diesem Metier sein. Doch liegt der Verdacht nahe, dass es Aichinger nicht ernsthaft auf eine Selbstentblößung ankommt. Vielleicht hat er seine Sippe zu Komparsen in einer künstlerischen Intrige gemacht. Wer in die Bilder allzu viel hineinlegt oder aus ihnen herausholt, gibt im Endeffekt nur sein eigenes Innenleben preis. Das relativ kleine Bild mit dem Titel "Der analytische Blick", auf dem das Mädchen den Betrachter direkt durchbohrt, spricht für diese Vermutung.

Hans Aichinger: Die Familie. Eine Aufstellung; Maerzgalerie, Spinnereistr. 7; bis 3. August; Di-Fr 11-18 Uhr, Sa 11-16 Uhr

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 10.07.2013

Jens Kassner

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