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Erstes Gewandhaus-Konzert nach Masurs Tod nah an der Vollkommenheit

Blomstedt dirigiert Beethovens Neunte Erstes Gewandhaus-Konzert nach Masurs Tod nah an der Vollkommenheit

Dieses Konzert bleibt in Erinnerung: Herbert Blomstedt dirigierte am Dienstag im Gewandhaus eine Neunte Sinfonie zum Jahreswechsel, wie es sie in den letzten 20 Jahren nur selten gegeben hat. Das erste Konzert nach dem Tode Kurt Masurs wurde zur großen Huldigung des verstorbenen Dirigenten.

Dirigent Herbert Blomstedt (Archivfoto).

Quelle: dpa

Leipzig. „Wir wollen“, sagt Herbert Blomstedt mit brüchiger Stimme ins voll besetzte Gewandhaus, „Kurt Masur huldigen. Bitte erheben Sie sich.“ Und so umrahmt ein stehendes Publikum das erste Konzert zum Jahreswechsel 2015/16. Am Anfang in bewegtem Schweigen, am Ende unter Schreien der Begeisterung, Überwältigung, innerer Aufgewühltheit. Dazwischen eine Neunte, wie es sie in den letzten 20 Jahren nur selten gegeben hat im Gewandhaus.

Das mag damit zusammenhängen, dass die Emotionen naturgemäß tief fliegen bei diesem ersten Großen Concert nach dem Tod des Spiritus rector Kurt Masur, in dem Saal, der beseelt ist von dem Dirigenten, ohne den es ihn nicht gäbe. Noch mehr aber liegt es wohl daran, dass Blomstedt nicht nur mit einer noblen Geste des Respekts seinem Vorgänger die Reverenz erweist, sondern es auch musikalisch tut.

Was natürlich nichts damit zu tun hat, dass Blomstedts Neunte so klänge wie Masurs 19 Jahre zuvor, mit der er sich aus Leipzig verabschiedete. Eher im Gegenteil. Die Tempi sind flott, wenngleich nicht halsbrecherisch. Die Struktur ist kristallin, wenngleich nicht spröde. Die Klanggebung ist diszipliniert, wenngleich nicht nüchtern.

Es ist eher eine Frage, ja, der: Seele. Blomstedt gelingt es, den Ausdruckswillen, mit dem sein Vorgänger sich an diesem Werk abgearbeitet hat, verlustfrei in eine neue Ästhetik zu kleiden. Und dabei stellt er die bisherige Lesart der jüngeren Gewandhaus-Tradition auf den Kopf. Denn wer bisher dachte, seine, Blomstedts, technische Kärrnerarbeit mit dem Orchester habe den Weg für Riccardo Chaillys Gipfelstürme bereitet, muss nun hören, dass auch der längst nicht am Ziel war. Obschon in den letzten Jahren an seinem.

Blomstedt geht noch ein Stück weiter: Die stupende Qualität, die das Orchester unter Chailly erreicht hat, erlaubt es ihm, zu einer neuen Art inhaltlichen Musizierens vorzudringen. Und es scheint, als würde er ganz bewusst uns und seinem nun wirklich bereiten Orchester noch den Beethoven-Zyklus schenken, den er bisher trotz mehrerer Anläufe schuldig geblieben ist.

Das beginnt, wie immer bei Beethoven, bei den Zellen, aus denen Motive erwachsen, die zu Themen werden, die gewaltige sinfonische Architekturen tragen. Im konkreten Falle sind da zunächst nur fallende Quarten und Quinten. Blomstedt lässt ein wenig Luft zwischen ihren Tönen, zwischen den Auftakten und ihrem Ziel. Und es scheint, als berge dieser Wimpernschlag aufgewühlter Stille alle Energie für die folgende Hochgebirgserkundung. Dass es wirklich so ist, beweist der Umstand, dass es sie bei der Wiederholung nicht mehr gibt, diese kaum wahrnehmbare und doch so gewaltige Zäsur. Nun sind sie entfesselt, die sinfonischen Gewalten, bahnen sich selbst ihren Weg.

Oder nicht. Denn Blomstedt lässt, trotz seines beinahe entspannten stablosen Schlags, über alle vier Sätze in keinem Moment die Zügel schleifen, entwickelt in den Mittel- und vermeintlichen Nebenstimmen eine melodische Magie, die diese so oft schon gehörte Sinfonie in einem neuen Licht erstrahlen lässt. So polyphon klingt Beethoven kaum je - und dabei so natürlich. Setzte Chailly zuletzt vor allem auf die energetische Kraft des Rhythmus, trägt Blomstedt nun zärtlich die Linie auf Händen. Ohne dass dies die Kraft des Metrums minderte. Denn obschon der Ex-Gewandhauskapellmeister hinter Chaillys Tempo und damit hinter Beethovens Metronomzahlen im Kopfsatz und im Finale ein wenig, im Scherzo ein wenig mehr zurückbleibt, kennt doch auch sein Musizieren nur eine Richtung: vorwärts. Der Unterschied liegt in der inneren Haltung: Zuchtmeister, auch Feldwebel dort, liebender Großvater hier. Milde und weise bei aller fordernden Unerbittlichkeit.

Das ist über 74 sehr kurze Minuten verdammt nah an der musikalischen Vollkommenheit. Steuert vom monumentalen Kopfsatz übers ungewohnt lichte Scherzo, den in überirdischer Schönheit blühenden und atmenden Doppelvariationen-Satz bis zum Finale, das so musiziert nicht nur die Summe der vorherigen Sätze zieht, sondern die der klassischen Sinfonik.

Eindringlicher als von diesen tiefen Streichern, denen sich ein grandioses Fagott unterhakt, können sie nicht vorbereitet werden, die anderen Töne, die Christian Gerhaher mit der natürlichen Autorität seines Wunder-Baritons einfordert. Gerhaher ächzt nicht unter den Zumutungen dieser denkbar sängerfeindlichen Riesenkantate. Er singt, was zu singen ist, mit einer Stimme, die sich auch im Ehrfurcht gebietenden Forte die Wärme, die Weichheit, die Menschlichkeit bewahrt. Und er trifft auf Kollegen, die ihm einzeln wie im Ensemble auf Augenhöhe begegnen: die strahlende Sopranistin Simona Šaturová, die profunde Altistin Mihoko Fujimura, den virilen Tenor Christian Elsner, die ihr Heil nicht in wohlfeiler Kraftmeierei suchen, sondern in blindem Vertrauen Blomstedt ins Dickicht dieser Partitur folgen, dabei auf ungeahnte vokale Schönheiten stoßen. Und ihre Entdeckungen eins zu eins nach hinten weiterreichen zu den vereinigten Chören von Gewandhaus und MDR, einstudiert von Frank-Steffen Elster und Nicolas Fink, die sich all der Heimsuchungen im ewigen Schnee und zwischen den Katarakten des Orchester-Tuttis mit marmorner Kraft und sicherem Instinkt für die Kraft der Linie entledigen. Ungefährdet, selbst oben noch, überm Sternenzelt.

So gesungen und gespielt, so tief und doch unpathetisch, scheint sie wieder denkbar und wünschenswert, die Weltumarmung, während derer alle Menschen Brüder werden. Und näher war Senecas Motto an der Gewandhaus-Orgel selten an der Wirklichkeit: Res severa verum gaudium ¬– nur ernste Dinge bereiten wirkliche Freude. Mit Akzent auf der Freude, die sich auch einstellt in der Erwartung auf Herbert Blomstedts Beethoven-Zyklus, den querstand auf CD herausbringt.

Am heutigen Mittwoch, 17 Uhr, wird die Neunte im Gewandhaus wiederholt. Das Konzert ist ausverkauft, die Aussicht auf Restkarten geht gegen Null. Aber MDR Figaro überträgt live.

Von Peter Korfmacher

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