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Es hilft alles nichts

Andris Nelsons dirigiert Mahlers Sechste im Gewandhaus Es hilft alles nichts

Gustav Mahlers monumentale sechste Sinfonie und Michael Gandolfis bestenfalls unerhebliches Orgelkonzert „Ascending Light“ stehen auf dem Programm der Großen Concerte dieser Woche

Andris Nelsons dirigiert das Gewandhausorchester.

Quelle: Andre Kempner

Leipzig. Im Finaleseiner gewaltigen Sechsten schickt Gustav Mahler noch einmal alles in den Ring. Nichts lässt er unversucht, um den glücklichen Ausgang zu erzwingen. Selbst die gute alte Tante Fuge probiert er noch einmal aus, in Inseln flirrenden Stillstandes wandelt Musik sich gleichsam in Licht, schließlich scheint es, als bete ein Choral das Happy End herbei. Aber es hilft alles nichts. Was die beiden Hammerschläge zuvor nicht vermochten, das erledigt nun ein Tutti-Hieb in a-moll, der alle Versuche zunichte macht, noch heil in die Stille zu kommen. Der Marsch des Beginns gewinnt wieder die Oberhand, das letzte Pizziccato ist pure Unterwerfung unter das Unausweichliche. Wegen dieses trostlosen Schlusses trägt Mahlers Sechste ihren Beinamen zu recht: „Tragische“. Nicht weil kurz nach der Vollendung seine Tochter starb, weil er aus der Wiener Staatsoper herausgemobbt wurde, und er die Diagnose bekam, herzkrank zu sein, ist die Sechste tragisch, sondern weil die Musik sich selbst in den Abgrund führt wie einen antiken Tragöden.

Anderthalb Stunden dauert der Weg in die Selbstauslöschung, und Andris Nelsons hält dieses Ziel anderthalb Stunden lang fest im Auge. Auch während der trügerischen Schönheit des Andante moderato. Hier, inmitten lyrisch blühender Linien halten einzig die Herdenglocken den Kontakt zum Verhängnis, für Mahler, das Letzte, was der Wanderer noch von der Zivilisation wahrnimmt, bevor er in die völlige Einsamkeit entsteigt.

In keiner anderen seiner Sinfonien ist der thematisch-motivische Zusammenhalt zwischen den Sätzen so eng. Ein Umstand, der zwei entgegengesetzte Annäherungen zulässt: Riccardo Chailly hat vor fünf Jahren aus diesen thematischen Verknüpfungen das Drama entwickelt, sich dem Unvermeidlichen auf dem Wege der Analyse genähert. Sein designierter Nachfolger dagegen nutzt die musikalischen Voraus- und Rückbezüge, um diese Kathedrale des Scheiterns in einem Atemzug zu errichten. In keinem Augenblick lässt er das Seil durchhängen. In theatralischer Logik folgt ein Ton dem anderen, formt jeder Klang seinen Nachfolger. Und auch über die Pausen zwischen dem beherzten, noch ergebnisoffenen Marsch des Allegro energico, dem vergifteten Scherzo, dem in verzweifelter Liebe sich aufbäumenden Andante moderato und dem Finale, das gnadenlos niederkartätscht, was ihm in die Quere kommt, hält er den ausverkauften Saal in atemloser Spannung.

Dieser Dirigent verbindet bei Mahlers Sechster unbedingten Gestaltungswillen mit einer Inspirationskraft, die jeden im Orchester erreicht und über sich selbst hinauswachsen lässt im Dienste des Ganzen. So geschlossen, so druckvoll, aber nur dann lärmend, wenn Mahler es verlangt, so existenziell um Ausdruck ringend, so spontan und doch sicher geführt klang das Gewandhausorchester zuletzt nur noch selten. Die Wirkungsmacht dieses Musizierens lässt niemanden im Saal kalt: vom Kolophonium-Rausch der ersten Geigen um Konzertmeister Sebastian Breuninger bis zum atemberaubenden Horn-Solo, vom stratosphärischen Flirren des Holzes bis zu den Herrlichkeiten, die Englisch Horn und Oboe, Flöte und Klarinette einzeln vortragen, von den brutalen Prügelattacken des Schlagwerks bis zu den weitgespannten Bögen, mit denen alle gemeinsam im Andante moderato, das Nelsons an dritter Stelle belässt, in eine bessere Welt hinüberblicken.

Anderthalb Stunden dauert dieses Sinfonie. Die 72 Minuten, die das Programmheft angibt, sind auch von flotteren Dirigenten kaum zu erreichen. Vielleicht eine bewusste Irreführung, um das Publikum davon abzulenken, dass dieses Programm zu lang ist? Das jedenfalls ist es nicht, weil es auf knapp drei Brutto-Stunden kommt, sondern, weil sich die erste halbe Stunde doppelt so lang anfühlt wie der dreimal so lange Mahler. Und dass die Sechste über 100 Jahre vor dem Orgelkonzert Michael Gandolfis (Jahrgang 1956) entstand, ist auch nur schwer zu glauben. Für den Gewandhaus-Organisten Michael Schönheit bietet es kaum nennenswerte Aufgaben, fürs Orchester: dito. Aber derer entledigen sich beide mit stoischer Grandezza.

„Ascending Light“ heißt dieses ausladende Nichts, im Auftrag von Nelsons’ Boston Symphony Orchestra entstand es, und den türkischen Völkermord an den Armeniern gibt es zu thematisieren vor. Mit viel wohlfeiler Folklore verwaltet da über 30 quälende Minuten das Nichts sich selbst. Sollte jemand einen Film über die Abenteuer der Biene Maja im Kaukasus drehen wollen: Die Musik ist schon da.

Mag sein, dass auch dies ein Ablenkungsmanöver ist. Dass Nelsons den noch immer skeptischen Leipzigern vermitteln will: Sehr her, Neues tut gar nicht weh. Tut es doch. Wenn es so schamlos die Leere feiert. Trotzdem geht das Kalkül auf: Das schöne Gefühl ein Werk von 2014 schon beim ersten Hören mitsingen zu können, löst neben Erleichterung auch Wohlgefallen aus. Aber es ist ein Strohfeuer – und nicht zu vergleichen mit dem tief bewegten Jubel, der der Erschütterung und der Stille nach dem Schluss von Mahlers Sechster folgt, in deren Kuhglocken mehr Substanz steckt als in Gandolfis vielen Tönen, die Hans Zimmer so nicht aus seiner Komponier-Fabrik entlassen hätte.

Von Peter Korfmacher

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