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"Es ist ein Experiment": Leipziger Buchmesse hat den Programmschwerpunkt „tranzyt"

"Es ist ein Experiment": Leipziger Buchmesse hat den Programmschwerpunkt „tranzyt"

Die Leipziger Buchmesse hat einen neuen Programmschwerpunkt: „tranzyt. Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus". Vom 15. bis 18. März sind auf 20 Veranstaltungen 32 Autoren dieser Länder zu Gast.

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Die Leipziger Buchmesse hat einen neuen Programmschwerpunkt: „tranzyt. Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus".

Quelle: Norman Rembarz

Leipzig. Dann geht es natürlich auch um die Fußball-EM in Polen und der Ukraine. In dieser Woche haben Buchmessen-Direktor Oliver Zille, Kurator Martin Pollack und der Autor Jurko Prochasko in Berlin Motivation und Ziele vorgestellt.

Jurko Prochasko findet den Titel „tranzyt" wunderbar und spielt an auf die Mehrdeutigkeit. Denn einerseits befinden sich die im neuen Programmschwerpunkt versammelten Länder Polen, Ukraine und Belarus in einer Art Übergang. Andererseits sind sie füreinander Transitländer. Gemeinsam sei ihnen zu wissen, dass es so nicht weitergeht. Allerdings nicht so richtig zu wissen, wie es weitergehen sollte. Insgesamt 32 Autoren führen auch in Gegenden, die - historisch, geografisch oder literarisch - aus westeuropäischer Sicht weiße Flecken sind. Dabei rücken Lyrik und Prosa in den Fokus, Gesellschaftspolitik und Fußball, Diktatur und Demokratie.

„Belarus ist ein Schandfleck für Europa", hat Martin Pollack vor einem Jahr zur Eröffnung der Buchmesse gesagt - in seiner Dankesrede für den Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Er brachte gesellschaftliche Umstände und Literatur in Zusammenhang, als er dramatische Rückschläge für die Demokratisierungsprozesse auch in der Ukraine benannte. „Nach der Orangenen Revolution haben wir den Aufbruch des Landes mit Bewunderung verfolgt, das kam auch der Literatur zugute." Zu den neuen Namen, die auftauchten, gehört unter anderem Jurko Prochasko. Im Rahmen der „tranzyt"-Veranstaltungen begibt er sich nun mit Andrzej Stasiuk aus Polen und Artur Klinau aus Belarus auf „Spurensuche in alten und neuen Räumen".

Es liegt an „uns Intellektuellen, Autoren, Übersetzern, Verlegern, Journalisten, die Bedenken und Sorgen unserer Freunde auf der anderen Seite Europas zu zerstreuen, umso mehr müssen wir uns bemühen, ihnen und ihren Werken alle Türen zu öffnen. In unserem eigenen Interesse", schloss Pollack damals seine Rede. Buchmesse-Direktor Oliver Zille und Maja Pflüger von der Robert Bosch Stiftung haben ihn beim Wort genommen. Heute ist Pollack Kurator dieses Schwerpunktes, der auf drei Jahre angelegt ist.

Das Angebot habe ihn „angenehm überrascht", sagte er in dieser Woche bei der Vorstellung des „tranzyt"-Programms. Als Autor und Übersetzer war der Österreicher bislang eher „Vermittler im weiteren Sinne". Nun ist die „ungleiche Konstellation" der drei Länder eine ganz andere Herausforderung. Während Polen bereits als Brücke zur Ukraine fungiert, sieht er in den westlichen Ländern ein „unglaubliches Manko an Wissen über Belarus" und übrigens auch eine „Bringschuld". Die politischen Entwicklungen seien kein Grund, die Literaturen zu vernachlässigen, sagt Pollack. Im Gegenteil.

Er warnt aber davor, die Begegnungen auf der Buchmesse ausschließlich durch die politische Brille zu sehen. Das würde den Blick einschränken. Im Vordergrund steht die Literatur. Inwieweit die Autoren sich über die politische Lage äußern, über Diktatur, Schikanen, Einschränkungen, wird ihnen überlassen. So oder so wird ihre Sicht auf die Welt, werden ihre ganz persönlichen Anliegen den Horizont erweitern. Zumal „Herausforderungen und Unsicherheiten längst grenzüberschreitend" sind, wie Jurko Prochasko sagt. Er zitiert ein Bonmot über seine Heimat: „Die Ukraine ist ein Land, das niemals die Chance versäumt, eine Chance zu versäumen." Daran möchte er etwas ändern. Was allerdings fehle, sei eine starke Verlags- und Buchkultur.

Direktor Oliver Zille erklärt: „Wir haben es in den vergangenen Jahren nicht geschafft, die Ukraine und Belarus dauerhaft an die Buchmesse zu binden." Es gehe jetzt darum, Netzwerke auf- oder aus zubauen, mit unabhängigen Organisationen und Stiftungen zusammenzuarbeiten, um Verlage, Übersetzer und Autoren zusammenzubringen. Im Rahmen der Südosteuropa-Schwerpunkte habe das in den vergangenen Jahren gut funktioniert. In Polen, der Ukraine und in Belarus aber fehlten oft noch die Strukturen, mangele es an Übersetzer-Förderung und professioneller Literaturvermittlung. Ohne funktionierende Strukturen aber „ist Literaturförderung rausgeworfenes Geld". Es werde Zeit brauchen, den Autoren hierzulande eine Stimme, ein Gesicht zu geben, sagt Zille. „Es ist ein Experiment. Wie es ausgeht, wissen wir nicht."

„Unsere Erwartungen sind ganz klein", sagt auch Pollack, „wir wissen, dass das ein langwieriger Prozess ist, müssen unglaublich hartnäckig sein und dürfen nicht aufgeben." Die Erfahrung, wie es funktionieren kann, hat er mit seinen Übersetzungen der Bücher Ryszard Kapuscinskis (1932-2007) gemacht, die erst dann endgültig in Deutschland eine verlegerische Heimat fanden, als Hans Magnus Enzensberger sie in Die Andere Bibliothek bei Eichborn holte. Literaturen und Leser, Wünsche und Möglichkeiten zusammenzubringen - das ist Anliegen des „tranzyt"-Programms.

Auszüge aus dem Programm:

15. März:

12-12.30 Uhr: Eröffnung mit Oliver Zille, Maja Pflüger, Albrecht Lempp, Kateryna Stetsevych, Olesja Ostrovska-Ljuta, MartinPollack; 12.30-13 Uhr: ZeitZug: Czernowitz - Prag - Wien, mit Sviatoslav Pomerantsev, Igor Pomeranzev, Milena Findeis, Iryna Vikyrchak; 16-17 Uhr: Landvermesser. Spurensuche in alten und neuen Räumen, mit Artur Klinau, Andrzej Stasiuk, Jurko Prochasko; (Leipzig liest Forum OstSüdOst, Halle 4, Stand E505); 20 Uhr: Vorhang auf, Europa!, mit Małgorzata Buchalik, Natalka Sniadanko, Andrej Chadanowitsch (Polnisches Institut, Markt 10)

16. März

: 13-14 Uhr: Soziale Milieus. Engagierte Literature, mit Joanna Bator, Artur Klinau, Serhij Zhadan (Forum OstSüdOst, Halle 4, Stand E505); 19.30 Uhr: Wodka für den Torwart, mit Serhij Zhadan, Natalka Sniadanko, Claudia Dathe (Schille, Otto-Schill-Str. 7);

17. März:

14-15 Uhr: Seismographen. Zur Rolle der Schriftsteller, mit Alhierd Bacharewitsch, Sylwia Chutnik, Juri Andruchowytsch (Forum OstSüdOst, Halle 4, Stand E505); 15 Uhr: Bücher zur Fußball-EM, mit Thomas Urban, Dariusz Wosz (angefragt), Antje Ritter-Jasinska (Polnisches Institut, Markt 10); 16 Uhr: Freistoß. Fußball und Gesellschaft, mit Andrej Chadanowitsch, Piotr Siemion, Serhij Zhadan (Café Europa, Halle 4, Stand E401); 21 Uhr: tranzyt-Nacht, Slampoetry und Konzert, mit Serhij Zhadan, Elena Zaslawskaja, Bas Böttcher, Bohdan Piasecki, Andrej Chadanowitsch (Skala, Gottschedstr. 16)

18. März:

10.15-11 Uhr: Das Poesiefestival Meridian Czernowitz stellt sich vor (Forum OstSüdOst, Halle 4, Stand E505); 12-13 Uhr: Zivilgesellschaften in der Ukraine und Belarus (Café Europa, Halle 4, Stand E401); 15 -16 Uhr: Präsentation des Films von Eugene Gorin über das Internationale Poesiefestival Meridian Czernowitz 2011 (Halle 4, Stand E506).

Janina Fleischer

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