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„Es ist mehr Zukunft in allem“

Der Designierte Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons im Interview „Es ist mehr Zukunft in allem“

Für vier Konzerte ist Andris derzeit in Leipzig. Noch als Gastdirigent des Gewandhausorchester. 2018 wird er dessen Chef. Im LVZ-Interview spricht er über eine neue Dirigenten-Generation und seine Pläne für Leipzig.

Andris Nelsons im Gespräch.

Quelle: Kempner

Leipzig, .
Man hört es durch die Flure des Gewandhauses: Andris Nelsons, 37, ab 2018 Gewandhauskapellmeister und derzeit für vier Große Concerte in Leipzig, kehrt zu seinen Wurzeln zurück und spielt Trompete: Aus seiner Garderobe klingt der Beginn von Bruckners Dritter, dem Hauptwerk der Großen Concerte dieser Woche. traf ihn zum Gespräch.

Kehren Sie vom Pult zurück ins Orchester?

Nein (lacht). Das können die Gewandhausmusiker besser.

Sie sind nun Designierter Gewandhauskapellmeister. Hat sich an der Arbeit etwas verändert gegenüber früheren Gast-Dirigaten in Leipzig?

Nicht beim Proben und auch nicht im Konzert. Darüber hinaus aber schon.

Inwiefern?

Es ist mehr Zukunft in allem. Es geht nicht nur um vier Konzerte, sondern um viele Jahre. Wir planen, organisieren, verwerfen, wir spinnen auch ein wenig rum. Das ist eine sehr elektrisierende Atmosphäre. Ich bin also noch glücklicher, hier zu sein.

In Boston, wo Sie ja auch Chefdirigent sind, kennen Sie jeden einzelnen Musiker mit Namen. Wie sieht es hier aus?

Ich arbeite dran, habe mir Bilder von allen besorgt und pauke die dazugehörenden Namen. Ich finde das wichtig, Musiker mit ihrem Namen ansprechen zu können. Aber es geht nur, wenn man alle kennt. Man kann nicht einen beim Namen nennen und zu jemand anderem sagen: Du da, an der zweiten Oboe.

Man hat ohnehin bisweilen den Eindruck, als würden Sie nicht ein Orchester dirigieren, sondern jeden Musiker einzeln ...

Finden Sie?

Unbedingt!

Kann sein. Ich mache das jedenfalls nicht bewusst, es ist Teil meines Verständnisses vom Dirigieren.

Und das sieht wie aus?

Ich versuche, die Musiker zur Individualität zu ermutigen, sie dazu zu bringen, dass sie ihr Herz öffnen für jede Musik, die sie gerade spielen. In einem Orchester ist jeder gleich wichtig. Selbst wenn er gerade Pause hat.

Worin äußert sich denn die Wichtigkeit eines pausierenden Orchestermusikers?

Dass er die Spannung hält. Die Musik muss in seinem Bewusstsein weitergehen. Dann trägt er auch die mit, die gerade nicht pausieren.

Die letzten Gewandhauskapellmeister waren sehr unterschiedliche Charaktere: Masur strenger, Blomstedt liebender Vater, Riccardo Chailly Lehrer – nun scheint es, als begegneten Sie dem Orchester auf Augenhöhe.

Das mit der Augenhöhe ist so eine Sache. Wer da vorn steht, muss das Sagen haben. Die Frage ist also nicht ob, sondern wie. Ich jedenfalls glaube, dass Musiker besser mit Dirigenten arbeiten , die sie mögen.

Die Musikgeschichte ist voll von Kollegen, die Wert darauf legten, dass Musiker sie mindestens fürchteten: Toscanini, Karajan, Solti ...

Ja, das stimmt. Als ich noch an der Lettischen Nationaloper als Trompeter im Orchester spielte, hatten wir einen Gastdirigenten, den wir wirklich gar nicht mochten. Wir haben ihn trotzdem immer wieder eingeladen.

Warum?

Weil er zwar unfreundlich, herrisch, diktatorisch war. Aber nicht, weil er Spaß daran gehabt hätte, uns zu quälen.


?

Für die Musik. Wie Toscanini oder Karajan: Man fürchtete sie – aber man wusste, dass man davon profitiert, weil es immer nur um die Musik ging. Im Übrigen glaube ich, dass auch die ihre Musiker auf ihre Weise geliebt haben. Vielleicht wie ein guter König, der seine Untertanen liebt. Aber aufrichtig.

Ist sie vorbei, die Zeit der Herrscher am Pult?

Ich glaube schon. Auch weil die Orchester technisch immer besser geworden sind. Da muss man sich kaum noch mit handwerklichen Fragen auseinandersetzen, sondern kann gleich mit der Musik beginnen. Und die verbindet bekanntlich.

Sie lassen in Proben ziemlich viel durchspielen und korrigieren später erst.

Das mache ich ganz bewusst. Auch aus meinen Erfahrungen als Orchestermusiker heraus. Wenn sie nur einzelne Takte spielen lassen oder schon beim ersten Ton wieder abschlagen, raubt das alle Konzentration. Selbst wenn Sie dann etwas Kluges sagen oder sogar etwas Geniales, kommt nur wenig davon an. Musik braucht ihren Fluss. Danach kann man immer noch korrigieren. Aber es gibt kein Patentrezept, und man kann einem Orchester nichts vormachen. Wer nicht vorbereitet ist oder unbegabt, dem bringt es auch nichts, wenn er nett ist. Orchester bemerken Defizite schon bei den ersten Takten. Es ist also eigentlich ganz einfach: Wenn die Qualität stimmt, muss man sich und seiner Persönlichkeit treu bleiben. Und wenn man dann noch versucht, die Musiker beim Musizieren so wenig wie möglich zu stören, ist schon viel gewonnen (lacht). Ich wäre ja verrückt, wenn ich mir nicht erst einmal anhören würde, was Orchester mit einer Geschichte und Tradition wie das Gewandhausorchester oder das Boston Symphony Orchestra mir anbieten. Ich bin stolz auf beide.

Die Bostoner waren gerade im Gewandhaus zu Gast – haben die Musiker sich kennengelernt?

Ja. Sie haben viel Zeit miteinander verbracht, die Stadt besichtigt, eine Fahrradtour gemacht – es hat wunderbar funktioniert. Zwischen Orchestern dieser Qualität gibt es keine Rivalität. Beide wissen, wo sie stehen, kennen ihre Stärken, ihre Tradition und ihre Geschichte. Mit diesem Selbstvertrauen begegnet man auch den anderen an der Spitze sehr offen.

Tradition und Geschichte des Gewandhausorchesters stehen offenkundig im Zentrum Ihrer Arbeit. Die Aufnahmen für Ihre erste gemeinsame CD-Produktion für die Deutsche Grammophon haben begonnen: die Sinfonien von Anton Bruckner ...

... dazu entsteht in Boston ein Schostakowitsch-Zyklus, und mit den Wiener Philharmonikern mache ich Beethoven.

Bruckner und Beethoven gibt es zu Hunderten am Plattenmarkt. Und es sind grandiose dabei.

Trotzdem finde ich, dass wir das machen müssen. Es geht eher darum, zu zeigen, dass diese Musik lebendig ist und bleibt. Neue CDs helfen, Vorurteile abzubauen, ermöglichen auch jungen Hörern einen neuen Zugang zu Bruckners Musik, der oftmals von Klischees versperrt wird: Seine Sinfonien seien zu lang, zu religiös, zu was auch immer. Das ist alles Unsinn. Natürlich war Bruckner religiös. Natürlich war er ein komischer Typ – ein großes Kind, ständig hin- und hergeworfen zwischen religiösen Schuldgefühlen und dem eigenen Genie, zwischen naiver Beschränktheit und der Größe seiner Musik. Aber die spricht eine universelle Sprache. Man muss beim Musizieren die Persönlichkeit, ja das Leben des Komponisten im Hinterkopf haben. Bei Bruckner die Religion, bei Schostakowitsch die Politik. Aber sie dürfen nie die Herrschaft über die Musik erlangen. Nur dann können die Musiker sie spielen, als sei sie gestern erst komponiert worden.

Bei Ihrem Konzerten in der letzten Woche war sie eher von vorgestern. Strawinsky und Webern klangen manchem Anrechtler dennoch schon zu modern.

Das habe ich auch gehört. Aber das wird sich ändern.

Es wird also keine klassische Moderne oder Neue Musik mehr geben?

Im Gegenteil! Wir haben schon eine ganze Menge Kompositionsaufträge vergeben, und auch die klassische Moderne wird viel Raum einnehmen. Denn erstens ist das ein wichtiger Teil der Tradition des Gewandhausorchesters, das ja zu Beethovens Zeiten, zu denen von Mendelssohn, Schumann und Brahms eines der wichtigsten Uraufführungsorchester der Welt war. Zweitens setze ich darauf, dass auch das Publikum ein Vertrauensverhältnis entwickelt. Ich werde es nicht übertreiben mit modernen Programmen. Und ich hoffe, dass die Leipziger im Gegenzug sagen: Das ist ein tolles Orchester, das sind großartige Musiker – wenn die das spielen, muss es so gut sein, dass ich es mir wenigstens mit offenen Ohren anhören sollte. Ich fühle mich mit dem Orchester so geborgen wie in einer Familie. Und ich hoffe, dass es beim Publikum ebenso wird.

Sie sagen immer wieder, Leipzig und Boston seien nun Ihre musikalischen Basis-Lager diesseits und jenseits des Atlantiks. Könnten Sie sich auch vorstellen, dass Leipzig so etwas wie Heimat wird.

Heimat? Das ist Riga, da komme ich her, da leben meine Eltern, da haben wir die Wohnung, die für mich am ehesten Heimat ist. Wann immer es geht, treffen wir uns da. Aber oft ist es nicht. Ansonsten hat meine Frau, die Sängerin ist, unserer Tochter bei sich. Und wenn ich Zeit habe, stoße ich dazu, egal wo auf der Welt sie gerade sind. Unsere Tochter ist jetzt vier. Wenn ich in Leipzig offiziell anfange, wird sie bald zur Schule gehen. Dann wird die Wahl unseres Wohnortes auch damit zusammenhängen, ob wir eine Schule finden, die mit anderen internationalen Schulen so vernetzt ist, dass man auch innerhalb eines Schuljahres wechseln kann. Ich finde Leipzig wirklich wunderbar. Die Leute sind so offen, höflich und voller Kultur. Und ich bin stolz, hier arbeiten zu dürfen.

Das nächste Mal ist Andris Nelsons er für die Neunten zum Jahreswechsel 2016/17 in Leipzig. www.gewandhaus.de

Von Peter Korfmacher

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