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Es kamen Menschen: „Die sozialistische Nachtigall“ über Einwanderung in die DDR

Premiere in der Nato Es kamen Menschen: „Die sozialistische Nachtigall“ über Einwanderung in die DDR

Aus ihren Recherchen könnte Carla Niewöhner auch eine Doktorarbeit oder einen Dokumentarfilm machen. Fünf Menschen hat sie interviewt, die in die DDR eingewandert waren, darüber hinaus Stasi-Akten und die einschlägige Sekundärliteratur konsultiert. Aber die 34-Jährige ist Theaterregisseurin. Jetzt hatte ihr Stück „Die sozialistische Nachtigall“ in der Nato Premiere.

Familie aus Chile? Manuel Wagner, Martin Wendig, Theresa Neumann, Max Redwanz und Corina Hofner (von links).

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Mit der Frage, ob der jüngere Hype um dokumentarisches Theater nicht schon wieder abgeebbt ist, muss man sich nicht lange aufhalten. Niewöhner geht es eh nicht darum, Authentizität mittels der Betroffenen selbst auf die Bühne zu bringen. Vielmehr gelingt ihr und ihren fünf Schauspielern das Kunststück, die Originalzitate im inszenierten Spiel so zu verknüpfen, dass das Ganze nicht nur zu zwei lehrreichen, sondern vor allem mitreißenden Theaterstunden gerinnt.

Wobei die erste Szene bei aller Wahrhaftigkeit durchaus fiktiv ist. Corina Hofner, die später die Tochter eines griechischen Bürgerkriegsflüchtlings darstellen wird, verkörpert zunächst eine DDR-Fernsehjournalistin, die einen Beitrag über Anziehungskraft, Weltoffenheit und Gastfreundschaft ihres Landes dreht. Leider passen die O-Töne nicht recht ins Konzept. Der junge Syrer (Manuel Wagner) hat sich die DDR gar nicht ausgesucht, sondern musste halt fliehen, der ungarische Tänzer (Martin Wendig) wurde zu Hause abgelehnt. Der bulgarischen Zahnärztin (Theresa Neumann) passte es zuerst überhaupt nicht, dass sich ein Deutscher in sie verliebt, der vietnamesische Vertragsarbeiter (Max Redwanz) wollte kostenlos reisen. Kurzerhand erklärt die Reporterin die vier zur chilenischen Familie, die vor Pinochet flieht.

Weil nicht nur die Bundesrepublik, sondern auch die DDR am liebsten Neubürger aufnahm, von denen sie sich einen Nutzen erhoffte, trägt das Stück seine Überschrift – angelehnt an Hans Christian Andersens Märchen von „Des Kaisers Nachtigall“. Wie im Westen hat man im Osten Arbeitskräfte gerufen – es kamen Menschen.

„Oh Mann, das kann jetzt wieder 40 Jahre dauern“

Ihnen geben die fünf Darsteller Stimme und Gesicht. Ihre allesamt beeindruckenden Monologe bilden den Kern des Projekts, was am starken Spiel, darüber hinaus jedoch auch daran liegt, dass die Texte bei aller Leichtigkeit Tiefe haben. Es ist ihnen schlicht anzumerken, dass ihre ursprünglichen Sprecher – die Autoren sozusagen – wissen, wovon sie reden. Mit einfachen, aber wirkungsvollen Regiemitteln fügt das Ensemble die Handlungssteine zum Mosaik. Haben die Kissen auf Felix Almes’ Bühne eben noch die realsozialistische Praxis der Wohnungsvergabe symbolisiert, stehen sie bald für die Nationalitäten, aus denen sich die bulgarische Bevölkerung zusammensetzt.

Zwischen ihren Solo-Auftritten interagieren die Darsteller in Szenen, die mal mehr, mal weniger auf wahren Begebenheiten fußen. Ein Mosambikaner wird gefragt, ob er trommeln kann. Eine großangelegte illegale vietnamesische Jeans-Produktion fliegt auf. Irgendwann bauen die Schauspieler die Mauer, „oh Mann, das kann jetzt wieder 40 Jahre dauern“, stöhnt einer. Doch dann erbarmen sich einige Zuschauer und reißen den antifaschistischen Schutzwall ein.

Die Jahre der DDR resümierend, ziehen die fünf Hauptcharaktere interessanterweise einen ähnlichen Strich drunter wie all die ostalgischen MDR-Formate: Der Arbeiter- und Bauernstaat hatte zwar schwerwiegende Konstruktionsfehler (Stasi, fehlende Reisefreiheit), aber auch Vorzüge (Mietniveau, Kindertagesstätten). Man war jung, das Leben war schön. Wie oberflächlich heute die xenophobe Pauschalierung selbsternannter besorgter Bürger von Pegida bis AfD ausfällt, muss im Stück explizit niemand sagen. Versinnbildlicht wird das schon dadurch, dass die fünf Protagonisten am Ende sehr unterschiedliche Auffassungen darüber verbreiten, wie mit den Menschen umzugehen sei, die es aktuell nach Europa zieht.

Weitere Vorstellungen sind für September geplant.

Von Mathias Wöbking

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