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Es muss an der Schule liegen

Leipziger Jugendsinfonieorchester im Gewandhaus Es muss an der Schule liegen

Der fabelhafte Bobby Kostadinov brilliert mit Jugendsinfonieorchester der Leipziger Musikschule „Johann Sebastian Bach“ im großen Saal des Gewandhauses mit Dvoráks Cellokonzert .

Viele Könner: Ron-Dirk Entleutner und sein Jugendsinfonieorchester

Quelle: Lukas Naumann /Lichtfaenger

Leipzig. Allein für diese 40 Minuten lohnt es sich, das Cello-Spiel zu erlernen: Antonín Doráks Opus 104, eines seiner persönlichsten Werke – und das schönste Cellokonzert weit und breit. Darum drängt es jeden, der es auf diesem Streichquartett zu einer gewissen Sicherheit gebracht hat, zu diesem Werk. Da macht auch Boris Kostadinov keine Ausnahme. 1999 ist er geboren, er genoss eine offenhörlich erstklassige Ausbildung in der Leipziger Musikschule. Seit 2013 spielt er in deren Jugendsinfonieorchester – und nun am Sonntagabend im gut besuchten großen Gewandhaus-Saal als Solist in Dvoráks Cello-Konzert. Das spielen auch die Allergrößten immer wieder gern. Drum ist es eine ziemlich selbstbewusste Ansage wenn Kostadinov gleichsam neben Rostropowitsch und Harrell, Mørk und Starker, Maisky und Geringas platznimmt.

Aber da gehört er hin – (noch) nicht unbedingt zwischen die Giganten, aber auf die große Bühne mit einem großen Werk. Vom ausführlichen Vorspiel, mit dem Ron-Dirk Entleutner und sein vielfach preisgekröntes Orchester die Feder vorspannen, nimmt der ebenfalls vielfach preisgekrönte Kostadinov die zwischen Sehnsucht und Entschlusskraft oszillierende Grundhaltung ab, füllt sie mit eigener Persönlichkeit und entwickelt aus Dvoráks Motiven weite Linien, die alle drei Sätze mühelos zusammenhalten. Kopf, Finger und Seele finden da zu einer musikalischen Einheit, die kleinere Ungereimtheiten nebensächlich erscheinen lässt. Von diesem jungen Mann, der mit warmem Ton nicht angeberisch sein Virtuosentum ins Zentrum rückt und auch nicht das allzu Gefühlige, wird man gewiss noch hören

Was für viele gilt, die hinter ihm auf der Bühne sitzen. Auch ihnen bietet Dvoráks Opus 104 reichlich Gelegenheit, ihre Stärken auszuspielen. Der Mittelsstimmenmagier hat es wie kein Zweiter verstanden, Harmonik in Melodien aufzufächern. Und diese Melodien umspielen hier das Cello, dort gehen sie in Widerspruch, mal begleiten sie den Solisten ein Stück. Besonders tun sich dabei die Holzbläser hervor.

Pars pro toto sitzt da mittig hinten der Zwölftklässler Anton Baumgärtel, der an seiner Klarinette weit über die Altersklasse hinausgewachsen ist. Die erste Gänsehaut des Abends geht auf seine Rechnung: Wie er da das Motto des Cellokonzertes in den Saal haucht, zart und doch intensiv, selbstbewusst und doch fragend, das zeugt von staunenswerter gestalterischer Reife. Später spinnt er immer wieder einen direkten Faden zu Kostadinov, lauscht ihm subtile Impulse ab, fügt dem Cello oder dem Orchester atmende Linien, Arabesken, Akzente hinzu – und spielt sich dabei nie ungebührlich in den Vordergrund.

Zwei Ausnahmebegabungen in einem Orchester- das kann schon mal passieren. Aber wenn die Solo-Flöte auf Augenhöhe musiziert, die Oboe für schöne Soli gut ist, das Fagott sinnlich plappert, das Horn prunkt und die Streicher seidig schmelzen, muss es wohl an der Leipziger Musikschule liegen. Und an Ron-Dirk Entleutner.

Der geht am Pult keine Nachwuchs-Kompromisse ein, führt die Herrlichkeiten seiner Schäfchen zusammen zu einem Dvorák, der im Adagio die Seele streichelt und im Allegro moderato ausgelassen quirlt, sich aber nicht hinter die hübschen Charakterstück-Fassaden böhmischer Dörfer zurückzieht, sondern Dvorák als Sinfoniker ernstnimmt. Jubel über Jubel, donnernd, krachend, brüllend, gellend für Kostadinov.

Eine Halbzeit weiter ist er nicht geringer: Da ist Beethovens Siebte vorbei und damit ein Hauptwerk der Sinfonik, das allen alles abverlangt. Entleutner vertraut auf Beethovens einzigartige Kunst der Entwicklung großer Formen aus kleinen Zellen und legt großen Wert darauf, dass jeder Entwicklungsschritt nachvollziehbar bleibt. Das ist in allen vier Sätze für beeindruckende Momente gut. Aber weil dieser Ansatz, Beethovens Metronom-Zahlen und ein Schülerorchester auch dann nicht zusammenpassen, wenn das Schülerorchester ein wirklich ausgezeichnetes ist, geht Entleutner vor allem die letzten Sätze dann doch recht betulich an.

Und doch gilt: Es gibt Profi-Orchester, die müssen das so erst einmal spielen.

Von Peter Korfmacher

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