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„Es sollte Hitler-Komödien regnen“: musikalischer Leiter van Kruyssen über Taboris „Mein Kampf“

„Es sollte Hitler-Komödien regnen“: musikalischer Leiter van Kruyssen über Taboris „Mein Kampf“

Noch lange vor „Mein Führer“ und „Inglorious Basterds“ ließ George Tabori das Theaterpublikum über Hitler lachen. Er erzählt, wie Hitler nach Wien kommt, um an der Kunstakademie zu studieren.

Leipzig. Als er abgelehnt wird, verhilft ihm der Jude Schlomo Herzl zu einer neuen Karriere - Politiker. Dafür überlässt er ihm gar den Titel seines Romans: „Mein Kampf“. Das Leipziger Theater der Jungen Welt zeigt die Farce ab heute auf der Großen Bühne. Der musikalische Leiter der Produktion, Jan-Willem van Kruyssen (52), erklärt Nina May, weshalb man Hitler mit Humor begegnen sollte.

Taboris Farce zeigt Hitler als Choleriker, als Bittsteller, als Menschen. Darf man das?

Jan-Willem van Kruyssen: Man muss! Hitler hat in seinem „Mein Kampf“ geschrieben: „Man kann nicht gegen eine Idee sein, wenn man selbst keine hat.“ Deshalb finde ich es so wichtig zu analysieren: Weshalb glauben die Menschen diesem Mann, weshalb laufen sie mit? Zu zeigen, wie dieses System funktioniert, ist unsere Pflicht als Theatermacher. Und ich finde, Humor und Drama gehören dabei zusammen. Denn wenn man Humor hat, ist man offener für das Drama. Das erlebe ich bei dieser Produktion: Wir müssen oft schrecklich lachen, und zugleich denkt man: „Schlomo, mach das doch nicht!“ Die Perspektive des Zuschauers gefällt mir, er sieht Schlomo sein eigenes Grab schaufeln, wenn er Hitler hilft und ihm Haar und Schnurrbart gestaltet. Das ist so komisch und zugleich so schmerzhaft. Es sollte Hitler-Komödien regnen.

Tabori schrieb als einer der ersten ein Stück,  bei dem die Zuschauer über Hitler lachen konnten. In Deutschland hat man sich damit lange schwer getan. Ist dieses Tabu inzwischen gebrochen?

Jan-Willem van Kruyssen: Ich glaube ja. Im Internet zum Beispiel werden viele Witze über das Thema gemacht, da gibt es zum Beispiel den Cartoon „Der Bonker“. Wir Holländer haben es aus der Rolle des Opfers heraus natürlich leichter, über die Nazis zu spotten, das ging gleich nach dem Krieg. Für Deutsche ist das schwerer, das hat Generationen gedauert. Das dieses Umdenken Zeit braucht, merkt man auch auf anderer Ebene: Meine 70-jährigen Eltern sprechen immer noch nur sehr ungern deutsch, aber gerade hat eine Umfrage unter Holländern ergeben, dass Deutsche heute als cool gelten. Da hat sich ganz schön was geändert.

Im Kino wird schon länger und unbefangener über Nazis gelacht, zuletzt etwa in Tarantinos „Inglorious Basterds“. Weshalb hat der Film es da einfacher als das Theater?

Jan-Willem van Kruyssen: In Hollywood hat man eben gleich gesagt: Das ist interessantes Material. Und dann ist es langsam wieder nach Europa zurückgeschwappt.

Apropos: In der Ankündigung heißt es, es werde eine Lovestory  á la  Hollywood erzählt. Haben Sie  also schmalzige Liebesfilm-Musik komponiert?

Jan-Willem van Kruyssen: Nein, ich habe versucht, in der Musik jüdische Tradition und Wiener Walzer zu kombinieren. Jüdische Musik ist sehr melancholisch, hat aber auch Festcharakter, das gleiche gilt für den Walzer.

Welche Rolle spielt der Chor aus Leipziger Jugendlichen?

Jan-Willem van Kruyssen: Was mich daran interessiert, ist folgendes: Die Hitlerjugend hat damals schöne Lieder missbraucht, zum Beispiel „Der morgige Tag ist mein“ aus Cabaret. Das Stück wurde für den Film komponiert, aber wenn man heute ältere Menschen fragt, assoziieren sie damit immer die Hitlerjugend. Ein weiteres Lied ist „Morgenwonne“, eigentlich ein belangloses Frühstückslied, das in einem anderen Kontext eine völlig neue Bedeutung bekam. Das finde ich spannend.

Über Hitler wird im Stück gesagt: Seine erste Liebe war die Musik, aber seine Musiklehrerin hielt seine Töne nicht tief genug für den Tannhäuser. Da klingt wieder das Thema an: Was wäre gewesen, wenn Hitler als Künstler Erfolg gehabt hätte...

Jan-Willem van Kruyssen: Ja, aber er war ein lausiger Künstler! Das Lied „Oh Du mein holder Abendstern“ aus Tannhäuser, das Hitler im Stück singt, haben wir gerade vor dem Interview geprobt.

Und, kann der Darsteller den Ton auch nicht treffen?

Jan-Willem van Kruyssen: Doch, das Problem ist eher, dass er gut singen kann.

Hitlers „Mein Kampf“ soll nach Ablauf des Urheberrechts neu als kommentierte Fassung herausgegeben werden. Halten Sie das für gefährlich?

Jan-Willem van Kruyssen: Nein. Wenn man will, kann man sich das jetzt schon im Internet ansehen. Man soll das also gerne herausgeben, und dazu schlage ich vor, ein paar Anregungen von Hitler-Komödianten abzudrucken. Je mehr man sich mit Hitler ohne Humor beschäftigt, desto faszinierender wird er für Rechte, die es begrüßen, dass ihre Ikone unberührbar sein soll. Deshalb finde ich es auch so wichtig, dass wir solche Filme, solche Theaterstücke machen. Und ich habe die Utopie, dass die Zuschauer nachher über das Thema nachdenken. Und dass wir, wenn wir genug Witze darüber machen, nie mehr so etwas wie das Dritte Reich erleben.

Hintergrund

Jan-Willem van Kruyssen ist seit 25 Jahren der musikalische Direktor des MUZtheater in Zaandam, in der Nähe von Amsterdam. Die Hälfte des Jahres lebt er mit seiner deutschen Ehefrau in Berlin. Jürgen Zielinski vom Theater der Jungen Welt lernte er über das internationale Austauschnetz „Magicnet“ kennen. Van Kruyssen hat bereits in Hamburg und Eisenach Regie geführt. Über das Arbeiten in zwei Ländern sagt er: „Die Organisationsform eines Theaters ist in Holland ganz anders, da gibt es keine Hierarchie. Wenn man dann nach Deutschland kommt, und auch mal einen Techniker nach seiner Meinung fragt, ist der überrascht.“

Für die Produktion „Mein Kampf“ richtete van Kruyssen das Facebook-Profil „Mizzi Henne“ ein, das gestern 292Freunde zählte. Tabori führt das Huhn im Personenregister auf, Hitler wirft im Stück einen Schuh nach ihm. Im Theater der Jungen Welt steht ein lebendiges Huhn  auf der Bühne. Auf Facebook erzählt das Huhn von seinem Lampenfieber und seiner Angst, im Kochtopf zu landen.

Die Perspektive des Zuschauers gefällt mir, er sieht Schlomo sein eigenes Grab schaufeln, wenn er Hitler hilft, ihm Haar und Schnurrbart gestaltet. Das ist so komisch und zugleich so schmerzhaft.

Je mehr man sich mit Hitler ohne Humor beschäftigt, desto faszinierender wird er für Rechte, die es begrüßen, dass ihre Ikone unberührbar sein soll.

„Mein Kampf“, Theater der Jungen Welt (TdJW), Lindenauer Markt, 18. Februar , 20 Uhr, weitere Termine: 20.2., 26.2. 22.3., 23.3., 0341 486600, www.tdjw.de

Nina May

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