Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 5 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
«Es war ja immerhin unser Leben» - Gisela Steineckert wird 85

Mehr als 2000 Songs «Es war ja immerhin unser Leben» - Gisela Steineckert wird 85

Einige wurden Hitparaden-Stürmer, andere Volkslieder. Mehr als 2000 Songs hat Gisela Steineckert geschrieben. Außerdem dutzende Bücher. Zudem hatte sie ein umstrittenes Ehrenamt inne. Nun wird sie 85 - und arbeitet immer noch.

Gisela Steineckert feiert am Freitag (13. Mai) ihren 85. Geburtstag.

Quelle: dpa

Berlin. An ihren Werken kam in der DDR niemand vorbei. Viele liefen im Radio und brachten Musikern Chart-Erfolge, andere gehörten zum Repertoire des Schul-Musik-Unterrichts. «Als ich fortging», «Weihnachten in Familie» und «Der einfache Frieden» - das sind drei von mehr als 2000 Songs, für die Gisela Steineckert die Texte geschrieben hat. Auch dutzende Bücher, Liebesgedichte sowie mehrere Filme und Hörspiele sind von ihr. Am Freitag (13. Mai) wird die Schriftstellerin, die zwischen 1984 und 1990 Präsidentin des DDR-Komitees für Unterhaltungskunst, war 85 Jahre alt.

In ihrer Wohnung im 25. Stock eines Hochhauses, in der sie seit 1974 lebt und schon immer einen guten Blick auch in Berlins Westen hatte, stehen mehrere Schreibtische. Ein alter Kassettenrekorder ist noch immer ihr treuer Begleiter. «Ich lebe nicht wie 85. Ich arbeite noch so viel wie mit 40», sagt die resolute Autorin.

Ihren 85. Geburtstag feiert sie auf der Bühne - mit einer Konzert-Lesung in Königs-Wusterhausen mit dem Sänger Dirk Michaelis, für den sie seit 30 Jahren Texte schreibt. «Mit Dirk auf der Bühne, das ist für mich die Freude der Leichtigkeit», schreibt Steineckert in ihrer gerade erschienenen Biografie «Eines schönen Tages».

Politische Texte

Kürzlich hat sie erstmals einen Text für Puhdys-Sänger Dieter Birr geschrieben. Diesen Auftrag bezeichnet sie als «spätes Glück». Es ist ein Anti-Kriegs-Song. «Wenn ich das Lied höre, denke ich, der liebe Gott spricht», schwärmt die gefragte Verfasserin zahlreicher Friedenslieder, die rund 20 Jahre jünger wirkt als sie ist.

Die Themen Krieg und Frieden ziehen sich wie ein roter Faden durch das Schaffen der Berlinerin, die wenige Tage nach Ende des Zweite Weltkrieges 14 Jahre alt wurde. Aber auch mit der Liebe befasst sich die Künstlerin immer wieder. Ihre Bücher tragen Titel wie «Das Schöne an den Frauen», «Das Schöne an den Männern» oder «... und mittendrin das dumme Herz.»

Steineckert, 1931 in Berlin geboren, arbeitet seit 1957 freischaffend. Erste Texte verfasste sie als Autorin beim «Eulenspiegel». Sie habe etwa auf einer großen Mittelseite über die «Trabi»-Produktion in Zwickau berichtet und beschrieben, dass das Auto keine Gurte und keinen Benzin-Hahn hat, schildert sie - «woraufhin es einen fürchterlichen Krach gab, weil wir die Arbeiterklasse beleidigt haben».

«Dann hatte ich plötzlich drei Kinder - ein eigenes und zwei angenommene - und der "Oktoberklub" saß bei mir in der Wohnung. Ich hatte immer große Töpfe.» Der «Oktoberclub» war eine politische Liedgruppe. Steineckert wurde so Mitbegründerin der DDR-Singebewegung und lernte nach und nach immer mehr Musiker kennen. «Es gab auch Leute, die gezeichnet waren von ihrem Schicksal, denen ich helfen wollte», blickt sie zurück.

DDR-Vergangenheit

Jahre später nahm die Künstlerin dann ein Ehrenamt an, für das sie nach dem Mauerfall als «Oberzensorin» beschimpft und auch am Telefon bedroht wurde: Sie wurde Präsidentin des DDR-Komitees für Unterhaltungskunst. Sie habe sich für viele Künstler eingesetzt und sei dabei selbst immer wieder bei den Oberen an Grenzen gestoßen, schildert sie heute. Im Buch heißt es: «Aber ich hatte damals nicht die Kraft, einen Stuhl zu räumen, von dem aus so viel zu sehen war, wenn auch nur in Einzelfällen etwas zu ändern.»

«Da oben gab es ein dickes Bündel von Vorstellungen darüber, wie Künstler funktionieren sollen: so wie Agrarbauern», sagt sie - und: «Sie wollten es nicht glauben, wenn wir ihnen gesagt haben, es geht so nicht.»

In ihren Erinnerungen schildert sie ein Beispiel: Sie habe einmal vor Zuständigen «die Möglichkeit angemahnt, wenigstens in Klingenthal erzeugte Musikinstrumente und Gitarrensaiten für unser Geld freizugeben». Die Antwort: «Wir haben die Wahl, Geld für Deine Musiker auszugeben oder ein Kopfteil auf einem Operationstisch für Säuglinge zu kaufen. Was findest Du wichtiger?»

Alle Anwerbungsversuche der Stasi habe sie mit immer der gleichen Methode abgeschmettert, betont sie: «Ich habe es immer allen sofort erzählt.»

Ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall schreibt Steineckert rückblickend auf ihr «kleines Heimatland, dem nur ein kurzer Weg in der Geschichte beschieden war»: «Wenn ich mich auflehnte, tat ich es in Sorge ums Ganze, das ich nicht abschaffen wollte. Es war ja immerhin unser Leben.»

LVZ

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Schauspiel Leipzig
    Mikrologo Schauspiel Leipzig

    Theater in Leipzig: Höhepunkte, Premieren, Spielplan und Angebote der Spielzeit 2016/2017 im Schauspiel Leipzig mehr

  • Dreamhack Leipzig

    Auf der Dremhack 2017 treten die besten Computerspieler gegeneinander an. mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Leipzig gilt als der Geburtsort der modernen Psychologie. Wie früher und heute im Geist geforscht wurde ist vom 14. September bis zum 16. Dezember 2016 in der Ausstellung "Psychologie in Leipzig - Geburt einer Wissenschaft" zu sehen. Besucher können sowohl Beobachter als auch Versuchsperson sein. Unsere Schau des Monats November! mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Onlineabo

    "LVZ-Online Extra" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kö... mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • So war das damals...
    So war das damals...

    Dies ist ein Geschichtenbuch der besonderen Art: Leserinnen und Leser der Leipziger Volkszeitung erzählen Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend,... mehr