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Eugen Ruge stelle seinen Roman „Follower“ in Leipzig vor

Lesung Eugen Ruge stelle seinen Roman „Follower“ in Leipzig vor

Mit seinem aktuellen Roman „Follower“ nimmt Eugen Ruge einen Faden seines Erfolgs „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ (2011) auf und spinnt ihn weiter in eine sehr ferne Zukunft. Am 12. Dezember stellt er den Roman in der Leipziger Stadtbibliothek vor.

Für seinen Überraschungserfolg „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ erhielt Eugen Ruge den Deutschen Buchpreis.

Quelle: dpa

Leipzig. „Follower“ heißt ein Buch, das der Großvater geschrieben hat, Alexander Umnitzer, Alter Ego des Schriftstellers Eugen Ruge im Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, der 2011 einen Verkaufserfolg und den Deutschen Buchpreis einbrachte. Jetzt ist Umnitzer gestorben, was sein Enkel Nio Schulz zur eigenen Verwunderung aus den Nachrichten erfährt. „Follower“ heißt Eugen Ruges jüngstes Buch, mit dem er also an die große Familiengeschichte erinnert und in eine nahe Zukunft führt, vielmehr: eine Dystopie entwirft. Am 12. Dezember stellt Ruge das Buch in der Leipziger Stadtbibliothek vor.

Es ist das Jahr 2055 und der Tag von Nios 39. Geburtstag, als er desorientiert in einem Hotelzimmer in HTUA-China erwacht. HTUA, weil bei der Aufteilung Chinas in kommerzielle Sektoren die Firmen HSBC, Toyota, UNIVERSE und Alibaba eine eigene Zeitzone eingeführt haben. Nio ist dort, um im Auftrag der Firma CETECH ein neues Produkt zu vermarkten: „True Barefoot Running“. Ein Barfußgefühl. Die Firma verkauft weder Wissen noch Geräte, sondern „kollektive Identitäten“. Nios Erfindung einer fotoidentischen Schutzmaske geriet zum Flop, weil irgendein Gericht auf das Recht am eigenen Gesicht pochte. Er steht unter Druck.

Selbsthilfegruppe an der Steve-Jobs-Oberschule

Sie haben es nicht leicht in der Zukunft und Nio schon gar nicht. Morgens braucht er eine „freundlich Aufwachstimmung“, die ein Implantat in seinen Körper spült. F1 heißt sie, Ferienstimmung eins. Zum Duschen benutzt er„Go!“, einen Mix aus Pheromonen und pflanzlichen Duftstoffen. Für den Rest des Tages hat er seine Glass, die Datenbrille mit Fingerprintsensor und Internetzugang, die den Weg weiß und Informationen aus den Social-Media-Kanälen einspielt. Zuhause in „Deutschland E.ON./SBI“ ist er Mitglied der Männer-Selbsthilfegruppe AKWH, der Anonymen Kritischen Weißen Heterosexuellen, die sich in der Steve-Jobs-Oberschule treffen und in regelmäßigen Abständen „Bekenntnisse“ verlangen.

Ob er und Sabena überhaupt noch ein Paar sind, weiß Nio nicht genau. Auch nicht, was Chefin Laila von ihm hält, ganz zu schweigen von Jeff, dem wesentlich jüngeren, wesentlich reicheren und wesentlich besser optimierten Konkurrenten. Nio ist auf jene Weise feige, die aus Unsicherheit beim Umgang mit etwas zu Großem entsteht, zumal, wenn man dabei in zu engen Schuhen geht. Die Spuren, die er in der Welt hinterlässt, sind lediglich digitaler Art.

Eugen Ruge

Eugen Ruge: Follower. Vierzehn Sätze über einen fiktiven Enkel.Rowohlt; 320 Seiten, 22,95 Euro

Quelle: Rowohlt Verlag

Dass ihm das als Problem bewusst wird, kann man ahnen, jedenfalls steigt er aus, geht verloren, ist weg. Das Bundeskriminalamt übernimmt die Suche, von Ruge protokolliert, wobei die Amtshilfe der Chinesen vom Google-Übersetzer formuliert wird, was natürlich ziemlich komisch klingt und der meist stillschweigend unterschreibende D. Scheck kommentiert mit „Was soll der Schwachsinn? Übersetzer beantragen!!!“. Für„Personen Daten Prüfungen“ werden Kontakte gezählt, Kommunikation und Erreichbarkeit registriert, Persönlichkeitsanalysen erstellt – auch von Mutter, Freundin, Kollegen. Sie helfen, den Figuren Profil zu geben.

Viele Wege führen in die Zukunft, durchs Tal des Pessimismus beispielsweise oder über die Spitzen der Satire. Eugen Ruge nähert sich in einer pessimistisch grundierten Groteske, durch die bei aller Belustigung über die Auswüchse von Gendergerechtigkeit, Überwachung, politisch korrekter Sprachanpassung ein Grausen scheint. Eine Übelkeit, die aus der Gegenwart aufsteigt, deren Merkwürdigkeiten Ruge überhöht und weitertreibt. Deshalb repräsentieren die Figuren eigentlich das Jetzt. Sie sprechen heutige Sprache. „Vielleicht“, mischt sich der Autor nach gut 100 Seiten ein, „sollte an dieser Stelle einmal darauf hingewiesen werden, dass Schulz’ Sprache und Denken hier generell nicht korrekt wiedergegeben sind. (...) Schulz sagte friends anstatt Freunde, responsen anstatt antworten, haten anstatt hassen, er benutzte fast immer das politisch korrekte manfrau und sprach, zumindest in Gesellschaft, von Menschen und Menschinnen mit Migrationshintergrund.“ Ruge unterschlägt das „mit Rücksicht auf die konservativen Sprachgewohnheiten von Lesern“, was wohl Teil der Satire sein mag, sie aber auch schwächt.

Nepalesische Spenderprofile im Trend

Da mögen all die Klischees noch so amüsieren, wenn auf Twitter (es gibt Twitter noch!) eine @Luzia über das Misslingen ihres Geburtstagskuchens auf dem Laufenden hält, @MasterPeace Lao-Tse-Zitate postet („Wer das Dao hat, kann gehen, wohin er/sie/trans will“), @dpa einen Angriff der PeNNeR (Paneuropäische Neokommunistische Revolutionäre) meldet und ein Blogger namens s@sukagen Verschwörungstheorien verbreitet.

„Vierzehn Sätze über einen fiktiven Enkel“ heißt der Roman im Untertitel, und tatsächlich besteht jedes Kapitel aus nur einem einzigen Satz, was eine gewisse Atemlosigkeit schafft. Es mangelt nicht an Absurditäten: Erstmalig bringt ein Mann ein Kind zur Welt, die es sich leisten können, beschäftigen allerdings ukrainische Leihmütter, wobei fürs Kind nepalesische Spenderprofile besonders gefragt sind. Ein Kommissar der E.ON./SBI-Zone tritt zurück, weil er die Siegerin des Eurovision Song Contests (den gibt es auch noch) Afro-Deutsche genannt hat. Und „die Vorsitzende der Großen Mitte-Links-rechts-Partei“ verbürgt sich für irgendetwas, das also mit Sicherheit schon bald krachen geht. Weil Spaß allein nicht genügt, montiert Ruge mittenhinein über 50 Seiten „Genesis/Kurzfassung“, 14 Milliarden Jahre Vorgeschichte inklusive der der Familie Umnitzer. Da droht Gefahr, in Eitelkeit abzurutschen.

Ruge inspiriert, über Identität und Körperlichkeit nachzudenken, Sinn zu verteidigen und über Unsinn zu lachen. Noch.

Eugen Ruge liest aus „Follower. Vierzehn Sätze über einen fiktiven Enkel“: 12. Dezember, 19 Uhr, in der Leipziger Stadtbibliothek, Wilhelm- Leuschner-Platz 10–11; Karten (4/2 Euro, Ermäßigung nur für Inhaber des Leipzig-Passes) gibt es unter Telefon 0341 9954134 und an der Abendkasse

Von Janina Fleischer

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