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Euro-Scene in Leipzig: Romeu Roma befreit den Tanz aus Normen

Euro-Scene in Leipzig: Romeu Roma befreit den Tanz aus Normen

Auf etwas wie "The Old King" hofft man immer bei einschlägigen Festivals. Auf einen Ausreißer aus der Norm, auf die Konfrontation mit jener Unmittelbarkeit, die dem Tanz innewohnen kann, wenn er sich nicht in choreographischen Schönschrift-Schnörkeln oder den Plattitüden getanzter Gesellschaftskritik verheddert.

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Ein alter König im Kampf gegen die eigene Nichtigkeit: Romeu Runa.

Quelle: Viola Berlanda

Leipzig. Hoffen wenigstens durfte man also, dass die Produktion des von Alain Platel gegründeten Les ballets C de la B aus Gent ein solcher Ausreißer sein würde. Und tatsächlich: Man wurde nicht enttäuscht, als am Samstagnachmittag das Bühnenlicht im Ballsaal des Lindenfels diesen hageren, gleichsam muskelzähen Einsamen aus dem Dunkel schält. Der portugiesische Tänzer Romeu Runa ist jener titelgebende alte König, der eher ein Eremit in den Spasmen der existenziellen Verlorenheit zu sein scheint. Ein Lear im Wahn, der wie ein langgliedriges Insekt über die Bühne krabbelt und der - wie Shakespeares König ohne Macht auf sturmgepeitschter Heide - gegen eine Wasserkaskade ankämpft, die mit brutalem Hochdruck vom Bühnenrand aus dieses Geschöpf zu zermalmen sucht.

Wie auch das in polyrhythmischen Überlagerungen geschichtete Schlagwerk (Komposition: Pedro Carneiro), das wie ein Steinhagel niedergeht. Insgesamt ist das von einer schmerzhaften Unerbittlichkeit - und zugleich von jener zwiespältigen, kathartischen Faszination, die es haben kann, einen Menschen gegen seinen Untergang, seine Nichtigkeit ankämpfen zu sehen.

Dem ebenfalls aus Portugal stammenden Choreographen Miguel Moreira ist mit "The Old King" eine Inszenierung gelungen, die schartig und grausam anhebt, die gleichsam mit diesem Wasserstrahl auch alle theatralen Schutzmittel hinter denen sich jedwede Bühnenkunst mit ihren Finten und Tricks sonst schützen mag, geradezu wegsprengt.

Ein Hoffnungsexorzismus - der aber einen Kontrast erfährt, wenn Runa, nass und fast nackt nach der Flut, sich einer lächerlich mickrigen Blume annimmt oder von einem Podest, das er mit grotesker Entschlossenheit erbaut, eine Rede jenseits aller Artikulation versucht - um final tatsächlich zu Wagners Tristan-Vorspiel wie ein elendes Tier in seine Höhle zu kriechen.

Dass die Inszenierung den Manierismus riskiert ohne manieriert zu werden, ist bezeichnend. Auch Wagner ist hier pure Unmittelbarkeit - die des Trostes. Was "The Old King" gelingt, ist ein Privileg, das sonst nur die Musik hat: eine Explosion an Gefühlen und Assoziationen auszulösen, die alle erklärenden Interpretationen pulverisiert. Steffen Georgi

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 11.11.2013

Steffen Georgi

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