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Exzentrik als Botschaft: Doc Foster Band stellt am Samstag ihr viertes Album vor

Exzentrik als Botschaft: Doc Foster Band stellt am Samstag ihr viertes Album vor

Fünf Jahre ist es her, dass ein Quartett durchgeknallter Videomacher seine Expertise selbstgebastelter Filmmusik zur Band-Vollbesetzung ausgeweitet hat: Aus der verschrobenen Truppe "mbn-productions" mit ihrem ad absurdum geführten Monty-Python-Stil wurde damals die Doc Foster Band.

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Max von Wegen (ganz links) und die Doc Foster Band am Mittwoch auf einem Rotterdamer Dach.

Quelle: Band

Leipzig. Seitdem bewegen sich die Leipziger zwischen schräger Selbstdarstellung, Videokunst, Underground-Travestie und einem musikalischen Gulasch aus Western-Soundtrack, Tito-and-Tarantula-Arpeggios, psychedelischen Hippie-Gitarren samt wütender Kritik und lokaler Zugehörigkeitslyrik. Im Horns Erben präsentieren sie morgen ihr Vinyl-Kunstwerk "Voodoo Hypno Soundo".

Vorgestern. Am Mittag noch, ohne es zu wissen, in einem Puff Burger gegessen, steht die Doc Foster Band des Abends in einem schäbigen, aber brechend vollen Rotterdamer Industrieloft auf der Bühne, spielt einen Gig, den ein Pärchen beim zufälligen Kennenlernen im Plattenladen spontan beschafft hat. Die vier Leipziger samt Support-Act Max von Wegen sind auf selbst organisierter Tour durch Deutschland und die Niederlande, auf dem Dach der Konzert-Location entsteht dann auch das Foto, das Gitarrist Jakob Hummel gestern per Mail in die Redaktion schickt und schreibt: "Das war eine harte, lange Nacht." Morgen trudelt die Combo wieder in Leipzig ein, zur offiziellen Release-Party des presswerk-frischen 12-Zoll-Vinyls "Voodoo Hypno Soundo".

So klangmalerisch der Titel vermuten lässt, so psychedelisch, experimentell, getragen sphärisch präsentiert sich dieses vierte Album, mit dem sich die Band vom eher poppigen Indie-Folk verabschiedet und gänzlich den melodiösen Spuren Ennio Morricones und hippie-esken Drogen-Titeln Marke The Growlers folgt. Eine Platte, über die man perfekt "Fear and Loathing in Las Vegas" legen kann und in der sich laut Sänger und Songwriter Maik Hummel auch irgendwo der klassische Einfluss Shostakovichs findet.

Auf dem Cover: Ein karges Altbau-Badezimmer, die Herren Foster in Damen-Kleid und Lippenstift, Jakob Hummel im Rollstuhl, der Bruder Maik auf Krücken, Bassist Kostas Giraffe bauchfrei. "Neo-kommunistische Nazi-Transen-Schlampen-Bad-Boys" seien da auf die Papphülle gedruckt, sagt die Band. Und bestätigt damit: Die Exzentrik, sie übernimmt die Rolle der Botschaft in diesem Projekt.

Entsprechend passend ist das Drumherum. Der Doc-Foster-Proberaum ist ein Nebenzimmer des Unterwäsche-Outlets an der Alten Messe. Die Fenster sind verklebt mit roter Folie, Bordell-Atmosphäre trifft hier auf sechs Quadratmeter DDR-Platte, in der sich zwischen Holzpaneelen und vergrautem Wandteppich vier Musiker ein schrulliges Frickel-Quartier geschaffen haben. Eine leere Bourbon-Flasche steht neben dem Ingwer-Likör im kaputten Holzregal, obendrauf eine Messing-Menora. Maik Hummels grafisches Talent ist auf der Tapete ebenso verewigt wie im Booklet des Albums - ein skizzierter osteuropäischer Spitzbartträger mit Vogelschnabelmütze auf dem Kopf ziert die Wand zur linken, gegenüber prangt groß "Anti" über einem Mann mit erhobenem Zeigefinger.

Dazu gesellen sich allerlei Gerüchte um die Foster-Charaktere: Schlagzeuger Steven Krokodil habe sich das Spielen mit Youtube und Wikipedia beigebracht, der griechische Bassist Kostas sei südeuropäischer Pornostar gewesen, Maik Hummel früher mit einem angeleinten Plastik-Hummer durch Marienbrunn gezogen. Dabei hat die Gruppe durchaus einen Funken Ernsthaftigkeit zu bieten. Wenn "Voodoo Hypno Soundo" mit "Metropolis" eine Hymne auf Leipzig anstimmt, an anderer Stelle die schleichende Gentrifizierung und eine sich Investor-Interessen anbiedernde Stadtpolitik anprangert zum Beispiel. "No thanks to Burkhard Jung" ist dann auch im Booklet zu lesen.

Den Übergang vom Filmemachen (Sonderpreise der Leipziger "Visionale", Deutscher Jungendvideopreis 2004) zur Bandgründung erklären Doc Foster mit der wesentlich einfacheren Herstellung: "Ein Film braucht unglaublich lange in der Produktion, im Schnitt und der Post-Produktion. Das geht bei der Musik einfach schneller." Mittlerweile finden die beiden Talente aber wieder zusammen: Die Doc Foster Band spezialisiert sich zunehmend auf Musikvideos, ihre diesjährige Single "Loiterer" ist in Ton und Bild gleichermaßen empfehlenswert. Und auch Leipzigs Vorzeige-Folker von Long Voyage haben sich für ihr Video zu "Rise/Fall" schon der Foster-Jungs bedient. Woher die Zeit für die ganzen Projekte kommt? Maik Hummel antwortet schnell: "Ein Wort. Slawistik-Studium."

Doc Foster Band, Max von Wegen, Samstag, 20 Uhr, Horns Erben (Arndtstraße 33), 7 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 11.10.2013

Tobias Ossyra

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