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Exzess der Effekte - neues Album von Depeche Mode

Exzess der Effekte - neues Album von Depeche Mode

Die Götter in Schwarz sind zurück. Sie lupfen ihre Sonnenbrillen, sie lächeln aus dem Tourbus, dem Papamobil des Rock'n'Roll, dessen Treibstoff verlässlich die Medienfabriken fördern.

sslich die Medienfabriken fördern. Und fleißig pumpen sie nach. Eine Riesenmaschinerie hinter drei Namen. Das macht Martin Gore, Dave Gahan und Andy Fletcher nicht weniger sympathisch, erhöht hingegen die Gefahr der Enttäuschung enorm. Kann überhaupt jemand dieses Maß an Erwartung von Großartigkeit erfüllen, die monatelang fiebrig geschürt wurde?

Zunächst scheint es gar so. "Delta Machine" beginnt wie eine Verkündigung. "Welcome To My World" ist eine eindrucksvolle Einladung, in der es unter Gahans Stimme knarzt und knurrt, eine rhythmisch ins Kunstkissen gedrückte Flatulenz - bis die weich atmenden Keyboards den Weg ebnen in diesen so geliebten Elektronik-Kosmos der britischen Musiklegende. "Ich werde in deine Träume bluten, du wirst die Kontrolle verlieren wollen." Eine Drohung, ein Versprechen. Hier bahnt sich eine monumentale Messe an.

Die atmosphärische Dichte aus synthetischem Zirpen, Pathos, Kraft und Düsternis fließt über in "Angel", und während das schon als Single ausgekoppelte fast gospelige "Heaven" läuft, fingert man das Feuerzeug für die Altar-Kerzen aus der Schublade, in die man es nach dem eher spröden, Hit-armen Album-Vorgänger "Sounds Of The Universe" gelegt hat.

Jetzt nur noch das Büßerhemd aus dem Schrank fischen...doch plötzlich kommt das irritierte Innehalten, und Gahan selbst scheint es zu spüren: "Habe ich dich enttäuscht?", fragt er im vierten Track. Da passiert etwas, weil nichts passiert. Da macht sich neben dem platten Anti-Refrain von "Secret To The End" ein Hänger in der Dramaturgie bemerkbar. Dieser begnadete Prediger, dieser "Personal Jesus" mit dem Faible für seelische Abgründe und erotische Obsessionen, er will seine Jünger offenbar auf die Probe stellen. Das Warten auf Entwicklung zieht sich, die nötige Steigerung auch im Tempo bleibt aus.

Schleichend verzieht sich die Magie. Das Beharren auf technoidem Fiepen und Brummen kippt ins Uninspirierte und sägt an den Nerven. Ein grausig klackendes Topfschlagen-Intro ("My Little Universe") zum Beispiel. Auf "Delta Machine" vermisst man den Coup, die himmelsstürmende Melodie, die einen fortreißt und nicht mehr loslässt, bis in den Schlaf begleitet.

Ohnehin ist es verflucht lange her, dass die Männer aus Basildon mehrere Songs als wirkliche akustische Haltepunkte auf einem Album zustande bekommen haben. Solch wundersame Legierungen aus sperrigen, schneidenden Sounds und dunkel gefärbten, leicht konsumierbaren Melancholiebögen. Seit den Platten "Songs of Faith And Devotion" (1993) und "Ultra" (1997) klappt's nur noch häppchenweise. Wenn auch Depeche Mode in ihren 33 Jahren Bandgeschichte bis auf die Anfangsphase komplexe Musik-Strukturen kreieren, die erforscht werden wollen - der Mittelteil ihres 13. Studioalbums, erneut produziert von Ben Hillier, treibt die Lust dazu aus.

Gern erwähnen die Protagonisten den Blues-Einfluss, der zum Namen "Delta Machine" führte und den Spagat aus Erdigem und Künstlichkeit meint. Abgesehen von der lässigen Slide-Gitarre in "Goodbye" oder im verschnarchten "Slow" sticht das Schema nicht stärker heraus als bei den erwähnten vorigen Longplayer.

Blues ist nur ein kleiner Teil im Masterplan des Martin L. Gore. "Delta Machine" weckt bruchstückhaft Erinnerungen an frühere, heute schon legendäre Klangmuster. Bei "Broken", der stärksten Komposition Dave Gahans im guten alten poppigen DeMo-Stil, schiebt sich "Behind The Wheel" in den Sinn. Das synthie-poppige "Soft Touch/Raw Nerve" könnte ebenfalls Bestandteil der 1987er-Platte "Music For The Masses" sein. Doch fast jedes Stück wird getrübt von dieser exzessiv ausgelebten Liebe zum Experiment - bis das Effekt-Gewusel langweilt.

Im Vergleich zum "Universe"-Opus vor vier Jahren haben sich Depeche Mode gesteigert, gemessen an früheren göttlichen Hooklines nachgelassen. Dass der Anbetung damit die Hysterie abhanden kommt, ist ja auch ganz tröstlich.

Das hätten wir also. Und jetzt schauen wir mal, was der Papst so anstellt.

Depeche Mode treten morgen bei "Wetten, dass..?" auf. Die Europa-Tournee beginnt am 4. Mai; das Leipziger Konzert am 11. Juni in der Red Bull Arena - präsentiert von der LVZ - ist ausverkauft.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 22.03.2013

Mark Daniel

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