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"Fasching" im Schauspiel Leipzig: Lächeln, wenn der Wolf beißt

"Fasching" im Schauspiel Leipzig: Lächeln, wenn der Wolf beißt

"Wenn ich jetzt lache, lacht das Echo mit", sagt Felix Golub zu Beginn. Er spricht vom Echo der Vergangenheit, als er da sitzt auf dieser Bühne, die nur ein Steg ist, im Quadrat gewunden um die Zuschauerränge.

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Felix Golub (Mathis Reinhardt) im Faschingstreiben.

Quelle: Rolf ArnoldSchauspiel

So bodenlos wie der Raum unter seinen Füßen ist der Grund beschaffen, auf dem Golub seine Existenz zu gründen gedenkt in "Fasching", der Theateradaption des gleichnamigen Romans von Gerhard Fritsch von 1967. Eine rund zwei Stunden und 20 Minuten währende Uraufführung - für die Bühne von Regisseurin Eva Lange und Dramaturg Matthias Huber bearbeitet -, die am Samstagabend auf der Hinterbühne des Schauspiel Leipzigs Premiere feierte.

"Fasching", weil ein Teil der Handlung zur fünften Jahreszeit spielt, und mehr noch, weil es um die Maskeraden geht, die sich der Mensch im Leben anlegt, um sein Selbstbild zu wahren. Oder sich anlegen lässt, wenn der Mut fehlt, alleine Haltung zu zeigen. Einmal mehr nach "Rechnitz (der Würgeengel)" geht es damit im aktuellen Spielplan um die ganz bewusste Nicht-Bewältigung der Nazi-Vergangenheit in Österreich, um die kollektive Lebenslüge einer Kleinstadt, die das unbeschwerte Weiterleben nach dem Zivilisationsbruch ermöglicht.

Als Deserteur droht Felix Golub 1944 die Erschießung. Er entkommt, weil ihn Baronin Vittoria Pisani zu Charlotte Weber macht. Als Dienstmädchen taucht er so beim Fotografen Raimund Wazurak unter. Die Baronin freilich weiß die Abhängigkeit des jungen Mannes bis hin zur sexuellen Ausbeutung zu nutzen. Als SS-Major Lubits auf Golubs Verkleidung hereinfällt und zudringlich wird, greift der junge Mann in Frauenkleidern nach der Waffe Lubits und zwingt ihn zur kampflosen Übergabe der Kleinstadt an die Rote Armee. Ein Held? Für die Bürger ein Verräter. Nach Jahren im russischen Kriegsgefangenenlager kehrt er zurück. Doch in der alten Heimat schlägt ihm Verachtung entgegen. Geschichte wiederholt sich: Golub wird gedemütigt, zur Faschingsprinzessin gewählt, erneut in Frauenkleider gesteckt.

Mutig verwebt die Regie Rückblick und Gegenwart zu einem fast bruchlosen Kontinuum. Die Wechsel erfolgen ohne äußere Kennzeichnung, ohne Kulissen- oder Kostümwechsel. Der jeweilige Zeitsprung offenbart sich erst aus dem entwickelten Kontext, aus der spielerischen Qualität. Ein geglückter Effekt, weil er zeigt, wie sich alles gleicht, die Mechanismen im Kleinstadtgefüge einfach weiterlaufen, die Läuterung zum Demokraten Fassade ist, ein Deserteur aus Hitlers Armee Verbrecher bleibt. Die Rückkehr Golubs konfrontiert mit der Vergangenheit, der sich niemand stellt - außer mit Plattitüden der Rechtfertigung.

Das Lachen, von dem Golub zu Beginn spricht, zieht sich als roter Faden durch die Inszenierung. Doch lacht niemand aus der Heiterkeit heraus. Gelächter ist mit Bedeutung aufgeladen. Wer lacht, hat Macht. Und wer mitlacht, wie Felix Golub, will seine Zugehörigkeit signalisieren. Mathis Reinhardt spielt diesen Golub präzise bis in die kleinsten Details, die Einblick in sein Innenleben geben. Nervöse Hände, zuckende Mimik. Und immer wieder das krampfhafte Lächeln. Ein Lächeln wie das Darbieten des Halses eines Wolfes. Unterwerfungsgeste. Doch seine Wölfe beißen zu.

Allen voran Baronin Vittoria, selbstgerecht, mal flötend, mal herrisch, lasziv oder drohend interpretiert von Henriette Cejpek. Sie spielt alle Möglichkeiten aus zwischen Dominanz und Kontrollverlust. Tilo Krügel als zauseliger, unterwürfiger aber in den Absichten gutherziger Fotograf Raimund, nicht viel mehr als der Dorftrottel im Gemeinwesen, komplettiert das Beziehungsdreieck.

Es bleibt viel Raum für den sprachlich kraftvollen Text. Gerade durch die Reduktion der Szenen, durch die Andeutung des Geschehens, durch die Aussparungen, die die Fantasie des Publikums fordern, gewinnt die Inszenierung Intensität. Die präzise Lichtführung schält die Schauspieler aus dem Dunkel, fängt sie auch mal nur mit der Taschenlampe ein, was zur fokussierten, beklemmenden Atmosphäre beiträgt.

Allerdings scheint sich die Regie irgendwann selbst nicht mehr zu vertrauen. Die klare Linie der Reduktion wird nach und nach aufgegeben. Und mündet im lärmenden Schlusseffekt, als die Bühnenrückwand aufschwingt und sich das Bühnenschwarz dem Karnevalsgeglitzer öffnet. Hübsch anzusehen, aber nicht ganz unerwartet.

Felix Golub geht im Konfettiregen unter, lächelt zum Spiel, dessen Regeln andere bestimmen. Seine Rückkehr an den Ort des Verrats, sie ist ein Western-Motiv. Doch rückt dort ein Rächer die Welt ins Lot. "Fasching" bleibt den Helden schuldig. Und arbeitet damit die Meinungsmacht der Masse und Mitläufertum umso deutlicher als zeitlose Phänomene heraus. Dimo Rieß

iWeitere Termine: 9., 14. und 30. Mai und 13. und 26. Juni, jeweils 19.30 Uhr; Kartentelefon: 0341 1268168

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 05.05.2014
Dimo Rieß

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