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Faszinierender Spannungsaufbau: Sebastian Nebes Bilderwelten

Baumwollspinnerei Faszinierender Spannungsaufbau: Sebastian Nebes Bilderwelten

„Always Crashing In The Same Car“ – mit dem Bowie-Song aus dem Jahr 1977 ist die neue Ausstellung von Sebastian Nebe in der Leipziger Galerie Kleindienst überschrieben. Der LVZ-Kunstpreisträger von 2013 entführt in Bilderwelten, über denen spannungsvolle Unklarheit liegt. Der Wald glüht, und das Auto ist zwischen Felsen stehen geblieben.

Malerei mit zeichnerischem Effekt: „Morgenlicht“ (Ausschnitt).

Quelle: Uwe Walter/Galerie Kleindienst

Leipzig. Da fährt man so durchs Leben, schaut immer schön brav nach links und rechts – und baut dann doch wieder den Unfall. Vom Leben in Wiederholungen, den Abstürzen und den Lichtern singt David Bowie in seinem „Always Crashing In The Same Car“ vom Berlin-Album „Low“ aus dem Jahr 1977. Mit „Always Crashing In The Same Car“ ist auch die neue Ausstellung von Sebastian Nebe in der Galerie Kleindienst überschrieben, ein Titel, der mit dem Tod des Sängers noch einen unerwarteten Abgrund bekommen hat.

Im Sommer 2015 habe er mit der neuen Serie begonnen, mit dem Bowie-Song als Inspirations-Soundtrack, wie Nebe – 2013 mit dem LVZ-Kunstpreis ausgezeichnet – erklärt. Es gibt ein weiteres, ganz konkretes Flimmern im Hintergrund dieser Ausstellung: einen Film, der im Nebenraum zu sehen ist. Eine Gruppe junger Leute macht einen Ausflug in den Wald. Es ist Sommer, Bier wird getrunken, von einem Seil in einen See gesprungen. Amateurfilmcharakter, Wackel-Atmosphäre und verwaschen-nostalgische Farben sind beabsichtigt. Nebe drehte auf Super-8-mm-Film, ein Material, das nur noch von wenigen Herstellern angeboten wird.

Abwesend in ihrer Anwesenheit

Motive des Films – der Wald, die Laube, einzelne Personen – tauchen in der Malerei wieder auf. Letzteres ist schon mal bemerkenswert für die Arbeiten des Künstlers, der 1982 in Blankenburg im Harz geboren wurde, bei Astrid Klein an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig studierte und seit 2010 in Berlin lebt. Menschen waren bei ihm zwar durchaus anwesend, in ihren Hinterlassenschaften spür-, aber eben lange nicht sichtbar. Jetzt sind sie da: eine Frau auf einer Ziegelmauer, oder lesend in ein Badetuch gewickelt. Dann drei von oben, ohne Gesichter, an einem Tisch mit Gläsern und Handys. Mehrere dieser Bilder sind monochrom – in Blau oder Rot, was zusammen mit dem Weiß des Papiers, auf das Nebe seine verdünnten Ölfarben aufträgt, den Graphic-Novel-Effekt verstärkt. So scheinen die Figuren in ihrer neuen Anwesenheit doch gleich auch schon wieder abwesend.

Always Crashing In The Same Car: Das Autowrack, Blickpunkt in seinem 2013 entstandenen 1,86 mal 6 Meter großen vierteiligen Monumentalwerk „Der neue Morgen“ taucht auch wieder auf. Im ungefähr halb so großen „Der Sommer“ ist das Auto (es ist nicht dasselbe) nicht ganz so ramponiert. Eine letzte Fahrt, die diesmal auf einer Anhöhe endete. Links eine Steilwand, im Hintergrund ein paar Baumgerippe, rechts Felsengeröll. Oder steigt gleich doch noch jemand ein und versucht, die Kiste wieder flott zu kriegen? Nach dem Crash ist vor dem Crash.

Spannungsvolle Unklarheit

Geblieben ist auch die spannungsvolle Unklarheit, die so typisch für Nebes Bilderwelten ist, die sich am Filmischen orientieren. „Rückblende“ heißt denn auch bezeichnenderweise ein Bild, das ein weiteres Lieblingsmotiv des Künstlers variiert: das Haus im Wald.

Die Laube ist für ihn ein Andersort, eine Zwischenwelt und ein Zwischenzustand: „Ich habe dieses Motiv von Anfang an in meinen narrativen Malereien zum Thema gemacht. Besonders durch seine Verwendung in der Filmgeschichte inspiriert, hat er für mich eine ganz starke Symbolik entwickelt. In dieses vieldeutige Setting kann ich meine Gedanken und Gefühle so einweben, dass im theoretischen wie praktischen.“

Es ist ein Spiel mit den Bedeutungen der Silbe „heim“, die vom Wortumfeld ganz verschieden aufgeladen werden kann – in Begriffen wie heimelig, heimlich oder unheimlich. Man (er)kennt sie, aber sie sind nicht (ver)traut, diese Heime, denen der Betrachter in der Ausstellung begegnet. Gerade da, wo Nebe mit seiner Technik etwas besonders scharfstellt – die verwitterten Wege, die abblätternde Rinde – schwebt etwas Unscharfes mit. Es stecken viele kleine Teufel in diesen Details. Die alten Metallgitterverzierungen an den Fenstern, sie können auch Spieße sein.

Um alles herum wächst weiter der Wald. Glutrot, fast romantisch-kitschig leuchtet er in einem Bild auf, das „Morgenlicht“ heißt. Näherkommend löst sich die Stimmung auf, wenn sich das Malerische selbst aufzudecken scheint, wenn ein Bild eben ein Bild ist. Tritt man jedoch noch weiter heran, kippt die Anmutung erneut, scheint der Wald zu brennen.

Das alles macht Nebe mit dem Papier, das ungerahmt, fast skulptural den Raum verwandelt. Ein gutes Dutzend Bilder sind es nur – die aber ein dichtes Netz von Bezügen, Verbindungen, Widersprüchen herstellen. Always Crashing In The Same Car? Sebastian Nebe ist auf seiner Spur geblieben und hat gleichzeitig viele neue Abzweige genommen.

Sebastian Nebe: bis 27. Februar in der Galerie Kleindienst (Spinnereistraße 7), geöffnet Di-Fr 13-18, Sa 11-15 Uhr

Von Jürgen Kleindienst

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