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Federvieh sucht Brautkleid: Vielseitiges Projekt „Bräute“ im Theater der Jungen Welt

Premiere Federvieh sucht Brautkleid: Vielseitiges Projekt „Bräute“ im Theater der Jungen Welt

Für immer und ewig? Heike Hennig und Winnie Karnofka haben am Donnerstagabend im Theater der Jungen Welt mit dem Tanz-Theater-Projekt „Bräute“ eine umjubelte Premiere gefeiert.

Für immer und ewig: Szene aus „Bräute“.

Quelle: Tom Schulze/TdJW

Leipzig. Stolz stakst er über die Bretter, der blaue Vogel mit der roten Haube. Schritt für Schritt, der Körper vibriert unter der Spannung, ruckartig zuckt der Kopf. Bald ist der Vogel nicht mehr allein, sondern umringt von allerlei buntem Federgetier mit Quasten auf dem Kopf oder royal aufgeblasenem Kragen. Pfauenartig allesamt, nicht in der Erscheinung, wohl aber im Habitus. Und in das Gezwitscher vom Band mischt sich, angeführt von trockenen Beats, ein Sound, der in eine fruchtbar wuchernde Urwald-Atmosphäre führt. Federvieh auf der Balz.

„Bräute“, die Premiere des Tanz-Theater-Projektes am Theater der Jungen Welt, hat am Donnerstagabend auch einen knappen Ausflug in die Tierwelt gewagt, der einige Komik in sich trägt. Weil die sechs Tänzer und Schauspieler so treffend die Körpersprache der Vögel zitieren. Komik, ja, bis eben der Gedanke einsickert, dass hier dem Menschen durch das Tier der Spiegel vorgehalten wird. In der Zoologie spricht man vom Paarungstrieb. Und beim Menschen? Da will sich der Begriff nicht einfügen in das romantische Konstrukt, das auf dem Glaube an die Schicksalkraft der Liebe und den Versprechen für die Ewigkeit fußt.

Ein Feld, das „Bräute“ in rund 75 Minuten vermisst in einer Stückentwicklung von Regisseurin und Choreografin Heike Hennig und Dramaturgin Winnie Karnofka. Beide haben am TdJW schon das mit dem Preis des Sächsischen Theatertreffens ausgezeichnete „Crystal“ auf die Bühne gebracht. Jetzt verbinden sie wieder gelungen die Sprache des Tanzes mit Sprechtheater. Auf einer Bühne, die sich wie ein Laufsteg in den Saal schiebt, von drei Seiten vom Publikum umrandet. Ein raffiniertes Arrangement, weil es die Intimität fördert – und die richtigen Assoziationen weckt. Hochzeit, das ist auch ein Schaulaufen, Tag der Selbstdarstellung im Selbstoptimierungs-Zeitalter. Deshalb hechelt sich die Inszenierung auch durch den perfekten Hochzeitsplaner. „Ich habe etwas vergessen“, ruft Julia Sontag am Ende entsetzt. „Den Mann!“ Und schon kommt der Laufsteg zum nächsten Einsatz: Selbstpräsentation für die nachzuholende Partnersuche.

Unerreichbares Ideal

„Bräute“ speist sich aus einer langen Recherche und Interviews mit Frauen vor der Hochzeit. Die Ergebnisse reiht die Inszenierung als Bilderbogen auf. Angefangen beim ersten Blick auf das begehrenswerte Gegenüber. Die Tänzer Lukas Steltner und Katerina Vlasova loten diesen Magnetismus in einem zarten Spiel der Annäherung schon beim Einlass des Publikums als Prolog aus. Zitate aus Platons „Kugelmensch“, jenem Text, der den Menschen als zerteilten Organismus betrachtet, der fortan auf der Suche nach der zweiten Hälfte zu seiner Vervollkommnung getrieben wird, unterfüttern die tänzerischen Darstellungen der Sehnsucht.

Es mag vom Turm am Ende des Laufsteges Brautkleider regnen. Hochzeit in Weiß – aber das Ideal ist in der Realität oft befleckt. Auch das beleuchtet die Inszenierung. Mal schockierend im Klartext, wenn die Worte einer zwangsverheirateten Minderjährigen davon erzählen, wie sie in die Hand eines alten Mannes gegeben wird. Mal originell symbolisch, wenn Sontag den Kopf einer Barbie-Puppe ausspuckt. Wieder eine Frau, die sich am unerreichbaren Ideal, das schon in den Kinderzimmern gepflanzt wird, verschluckt hat.

Jede Rolle muss irgendwann zu Ende sein

Die Inszenierung kreist sicher über ihrem Gegenstand, bietet perfekte Sicht auf die Breite des Themas, auf den Rhythmus aus Andeutung und Eindeutigkeit, auf Choreografien, die sich nicht selbstverliebt in hermetischer Künstelei verlieren. Und doch schleicht sich während des höchst ansehnlichen und durch die Musik von Marco de Haunt stimmig akzentuierten Bilderbogens das Gefühl ein, dass der Abend sich zu selten unter die Oberfläche traut, mutiger hätte sein können auf der Suche nach Poesie und Projektionsflächen. So wie im zauberhaften und vielsagenden Bild der bunt und aufgeregt balzenden Vögel.

„Für immer und ewig“ steht auf der hohen Rückwand, halb Versprechen, halb Drohung. In der Tür zwischen dem Schriftzug verschwindet am Ende die Braut mit scheinbar endlos langem Schleier, der sich aus dem Bühnenboden zieht, wie ein Klebestreifen aus der Rolle. Immer länger. Ein schönes Bild – wenn man nicht wüsste, dass jede Rolle irgendwann zu Ende sein muss. Das langsame Abklingen der Gefühle, die Rutschbahn auf der Rückseite des Glücks, auch diese Seite streift der weit ausgreifende Abend. In den Premierenapplaus für die Inszenierung und die sechs Spieler mischen sich Bravo-Rufe.

Kommende Aufführungen: 4.3. und 30.3. um 19.30 Uhr und 7.3., 31.3. und 25.4. um 11 Uhr; Karten: 0341 4866016

Von Dimo Rieß

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