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Feierlich und erhaben

A-cappella-Festival Leipzig: Ensemble Cinquecento in der Peterskirche Feierlich und erhaben

Unter dem Titel „Dixit Joseph“ standen im Rahmen des Leipziger A-cappella-Festivals am Montagabend in der Peterskirche beim Konzert des Wiener Ensembles Cinquecento ausschließlich Werke des großen Orlando di Lasso auf dem Programm.

Cinquecento in der Peterskirche: Terry Wey, Marnix de Cat, Achim Schulz, Ulfried Staber, Tim Scott Whiteley und Tore Tom Deny (v.l.).


Leipzig. Orlando di Lasso, geboren wohl 1532 im heute zu Belgien gehörenden Mons, gestorben 1594 in München, dem das Ensemble Cinquecento am Montagabend in der Peterskirche sein Konzert zum Leipziger A-cappella-Festival widmete, war so etwas wie der Bach seiner Zeit: Wie der große Leipziger zum Ende des Barock noch einmal die Summe des musikalisch Möglichen zog, tat es der größte der Niederländer, übrigens überdies einer der wichtigsten musikalischen Exponenten der Gegenreformation, anderthalb Jahrhunderte zuvor mit der Tonkunst der Renaissance. Etwa in Sammlungen und Drucken beinahe aller zeitgenössischen Gattungen, die zeigen, dass Lasso sich seines Stellenwertes durchaus bewusst war. Und wie bei Bach die Nachfolgegeneration bereits im Empfindsamen Stil mit den Hufen scharrte, machte sich am Ende des Wirkenns von Lasso bereits Claudio Monteverdi warm, um die Welt der polyphonen Musik niederländischer Prägung mit der seconda prattica aus den Angeln zu heben.

Was Orlando di Lasso von Johann Sebastian Bach unterschied, das war seine Weltläufigkeit: Er war sozusagen ein Star, gut bezahlt, stand mit geweihten, gesalbten und gekrönten Häuptern in ganz Europa auf bestem Fuß, wirkte in Flandern, Italien, Frankreich, zuletzt als Hofkapellmeister in München, wurde massenweise gedruckt. Und diese Internationalität in der Abenddämmerung eines bereits paneuropäischen Zeitalters spiegelt sich in der Besetzung des in Wien ansässigen Ensemble Cinquecento wider: Counter Terry Wey stammt aus der Schweiz, Tenor Tore Tom Denys aus Belgien, sein Kollege Achim Schulz aus Deutschland, Bariton Tim Scott Whiteley aus England, Bass Ulfried Staber aus Österreich. Als Gast ist noch Counter Marnix de Cat dabei – ebenfalls ein Belgier.

Ins Zentrum ihres Festival Programms stellen die Sechs Lassos Mottete „Dixit Joseph“ und die auf ihr fußende Parodie-Messe. Darum gruppieren sie weitere Motetten des Großmeisters auch dieser Form und haben so die Möglichkeit, zu zeigen, was Orlandos Musik bereits in den Augen und Ohren seiner Zeitgenossen auszeichnete: die ungeheure Vielfalt der Klänge und Figuren im Dienste des Wortes, die – zumindest in seinem geistlichen Schaffen – dennoch ohne jeden oberflächlichen Effekt auskommt und den Fuß bei aller Dehnung im Detail formal nie zu weit über den Rand des Sockels streckend, den die Vorgänger ihm aufrichteten.

Das Ergebnis ist eine herbe Schönheit, eine feierliche Erhabenheit, die die Cinquecentos recht eindeutig ins Zentrum ihrer vokalen Bemühungen rücken. Hier ist die edel sich entwickelnde Linie alles. Auf gregorianischem Fundament entfaltet sie sich mal allein, dann wieder eng umschlungen in Strängen zu zwei bis sechs Stimmen. Zärtlich, warm, weich und in erlesenem Gleichklang lassen die Wahl-Wiener diese Linien strömen, wobei der etwas enge und kehlige Tenor von Achim Schulz ein ums andre Mal ausbricht aus dem vokalen Ebenmaß. Was aber auch nichts daran ändert, dass es schwer ist, sich der lauteren Schönheit zu entziehen, die da gut eineinviertel Stunden lang das Schiff der akustisch ziemlich gut passenden neogotischen Peterskirche flutet.

Allerdings liegt in dieser größten Stärke des Konzerts auf den Spuren des großen Roland auch sein größtes Problem: Auf die Dauer wird es trotz der vielen schönen Töne doch ein wenig eintönig: Entweder schafft man es als Hörer, sich meditativ einzuschwingen, das Bewusstsein auf Transzendenz umzuschalten – oder sie ziehen sich, diese geistlichen Klänge aus der Zeit vor der vorletzten musikalischen Revolution in Europa.

Das liegt vor allem daran, dass die Cinquecentos bei all ihren unbestrittenen Meriten um dieses Repertoire viele von Orlando di Lassos Schätzen ungehoben lassen. Sie könnten den rhythmischen Reichtum mehr betonen, den sensiblen und sprechenden Umgang mit Synkopen, die so sparsam wie kunstvoll eingesetzten Melismen im Dienste des Textes. Sie könnten mehr mit den Farben arbeiten und mit der Artikulation oder der Dynamik.

Dass sie es allzu oft nicht tun, ist offenkundig eine bewusste stilistische Entscheidung – denn hin und wieder zeigt dieses gesamteuropäische Ensemble durchaus, dass es sich auch auf die Ausgestaltung von Details verstünde. Wie man die stärker dosiert und dennoch sicheren Abstand von Effekthascherei hält, das zeigen immer wieder stilsicher die Festival-Gastgeber vom Ensemble Amarcord, wenn sie sich mit Alter Musik auseinandersetzen. Vielleicht sollten auch die Orlando di Lasso einmal etwas intensiver in den Focus nehmen. Seine grandiose Musik vom Gipfel der Renaissance hätte es allemal verdient.

Und sie entfaltet auch in der altmodisch-unaufgeregten Musizierweise des Ensemble Cinquecento noch genügend Strahlkraft, um für erheblichen Applaus gut zu sein und eine Zugabe: „In monte Oliveti“ – selbstredend von Orlando di Lasso.

 

Von Peter Korfmacher

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