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Feiern, springen, schwitzen: Billy Talent im ausverkauften Leipziger Haus Auensee

Konzert Feiern, springen, schwitzen: Billy Talent im ausverkauften Leipziger Haus Auensee

Sie sind eine der momentan angesagtesten Alternative-Bands: Mittwochnacht haben Billy Talent im ausverkauften Haus Auensee ihren Fans ein schweißtreibendes Konzert geboten.

Ungebremste Energie: Sänger, Shouter und Quäker Benjamin Kowalewicz in Leipzig.

Quelle: Andre Kempner

Leipzig. Um eine klare Regelung, ab wann ein Saal als ausverkauft gilt, scheint die sonst so gründliche deutsche Bürokratie bisher einen Bogen gemacht zu haben. Steht man in manchen Leipziger Clubs bei vollem Konzert noch mit einem Rest Intimsphäre, erinnert das proppenvolle Haus Auensee wiederholt an ein physikalisches Experiment. In Kauf genommen wird, dass etliche Besucher kaum Sicht auf die Bühne haben und obendrein viele aufgrund überfüllter Garderoben ihre Winterjacken im zunehmend heißen Raum schultern müssen.

Altherrengejammer angesichts der schweißtreibenden Show einer der momentan angesagtesten Alternative-Bands, die nächsten Sommer auch das Highfield-Festival headlinen werden? Mag sein, denn als am Mittwoch Punkt 22 Uhr Billy Talent die Bühne betreten, verkehrt sich bis zu den quasi akustischen Außenplätzen jedes Gegrummel zunächst in lauten Jubel. Die geräuschvolle Wertschätzung durch das Publikum hält auch die nächsten 90 Minuten weitgehend an, in denen die Kanadier vieles zusammenbringen, mal treffsicher, mal mittelmäßig.

Schon das Cover ihres aktuelles Albums „Afraid of Heights“ verbindet in Form einer altägyptischen Yuppie-Astronauten-Gottheit alt und neu. Die Mischung zieht sich durch den Abend: Dürfte ein guter Teil des Publikums kaum älter sein als die 1993, zunächst unter dem Namen Pezz, gegründete Band, so mischen sie selbst die eine oder andere Punk-Reminiszenz in den sonst recht einheitlichen New-Alternative-Brei, der in den letzen Jahren den schwer zu unterscheidenden Indie-Tanzflächen-Soundtrack bildet.

Didaktische Pogoschule, Politik und wohldosierte Punk-Attitude

Klare Hits der Band, wie „Red Flag“, die diesen Soundtrack dereinst mitdefinierten, folgen recht spät, dafür sticht mit „Louder Than the DJ“ ein ramonesk gerader Punksong vom aktuellen Album aus dem sonst über weite Strecken auf mittleres Tempo abonnierten Konzert. Große Teile des Publikums aber feiern, springen und schwitzen zu jedem Lied, als wäre es mindestens „Ace of Spades“.

Auch Sänger Benjamin Kowalewicz, optisch eine Weichzeichner-Mischung aus Joe Strummer, Billy Joel Armstrong und Ryan Gosling, ist im Gegensatz zu seinen eher brav die Instrumente bedienenden Bandkollegen von ungebremster Energie. Und überhört man die häufig gefälligen Melodien, gemischt mit den unvermeidlichen Shouts, quäkt aus Kowalewiczs Stimme immer auch ein wenig Johnny Rotten. In seinen Ansagen mischt er didaktische Pogoschule (auf die Mädels aufpassen!), Politik (böser Trump!) und wohldosiert freundliche Fuck-Off Punk-Attitude. Auch den in diesem Jahr verstorbenen Musikvätern Lemmy, Bowie, Prince und Cohen wird gehuldigt.

Einige der Testosteron-Jungs im Publikum, die eben noch willfährig Trump ausgebuht haben, werden auffallend ruhig, als es die große One-World-Ansage zu bejubeln gilt, in der Billy Talent klarstellen, dass es für sie keinen Unterschied macht, ob jemand schwul, muslimisch, deutsch oder was auch immer ist.

Man mag die oft mittelmäßige Mischung einst kraftvoller Zutaten als typisches Symptom der Zeit sehen. Oder aber als die Chance, Dinge zu verbinden und gerade Jüngeren gegenüber ins Heute und Morgen zu tragen. Besser ein wenig Punk als gar keiner mehr. Immer nur auf die alten Kamellen zu bestehen, wäre nun wirklich Altherrengejammer.

Von Karsten Kriesel

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