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Festival „Off Europa“ in Leipzig und Dresden: Kultur aus Griechenland

Interview Festival „Off Europa“ in Leipzig und Dresden: Kultur aus Griechenland

In diesem Jahr richtet sich der Blick des Off-Europa-Festivals auf Griechenland, das ja inzwischen schon ein Synonym, wenn nicht Menetekel für eine „Krise“ ist, die weit tiefer greift, als die Fixierung auf bloße ökonomische Aspekte suggerieren mag. Ein Gespräch mit Festivalchef und Kurator Knut Geißler über ein Land und sein Theater zwischen Desillusionierung und Trotz.

Am 23. September im Theater der Jungen Welt: die Blitz Theatre Group mit „Late Night“.

Quelle: Vassilis Makris

Leipzig. Interview mit Knut Geißler:

Herr Geißler, Sie haben schon in Griechenland gearbeitet in einer Zeit, als die Situation dort diametral zur heutigen schien, weit entfernt von einer Krise also. Können Sie das beschreiben?

Im Jahr 2002 weilte ich im Rahmen einer Theaterproduktion für eine längere Zeit in Griechenland. Das war damals im Vorfeld der Olympischen Spiele – und bei allen unangenehmen Begleiterscheinungen, die so ein Event ja immer mit sich bringt, war dort eine Aufbruchsstimmung und Zukunftszuversicht zu spüren, die mit diesen Spielen allein nicht erklärbar war.

Womit dann?

Ich kann das nur sehr subjektiv beschreiben. Das Bedürfnis Griechenlands, den ökonomisch-politischen Abstand, auch Bedeutungsabstand, zu Mittel- und Westeuropa aufzuholen, wurde damals zur konkreten Hoffnung, irrlichterte als greifbare Option. Es existiert natürlich immer eine gewisse Sehnsucht der „Peripherie“ nach dem „Zentrum“. Und es gab einen wirtschaftlichen Aufschwung, der – wie wir heute wissen – ein künstlich erregter und auf tönernen Füßen stehender war. Das hatte natürlich auch damit zu tun, dass es noch jede Regierung gern sieht, wenn die Wachstumsdynamik eintritt, die man beschworen hat. Eine Form der Autosuggestion, auch an Realitäten vorbei.

Zeigte sich darin nicht auch diese allgegenwärtige Denkfalle, Wachstum mit Fortschritt zu verwechseln, die da zuschnappte? Eine auch systemimmanente Blindheit? Und gab es keine skeptischen Stimmen unter griechischen Intellektuellen und Künstlern?

Sicher. Aber auch bei denen herrschte, trotz aller eventuellen Skepsis, diese Aufbruchsstimmung. Man muss das verstehen. Wir hier sehen uns ja gern und oft als „Land der Dichter und Denker.“ In Griechenland gibt es derlei Phrase nicht, stattdessen aber eine echte Sensibilität für die eigene kulturelle Tradition und Identität. Ein selbst-verständlicheres Selbstbewusstsein. Und den Glauben – oder wenigstens den Gedanken – dass Europa auch etwas Kulturelles und Ideelles ist, also im Bewusstsein dieser kulturellen Identität existiert, die ja von Griechenland maßgeblich geprägt ist, nimmt man sehr ernst. Was sich dann auch in der Freude äußerte, endlich gleichberechtigt dazugehören zu können, zu diesem Europa, innerhalb dieser Union.

Wie haben Sie die Situation in Griechenland bei den letzten Reisen in Vorbereitung zu „Off Europa“ jetzt wahrgenommen?

Wenn man das dort in den kleinen, privaten, alltäglichen Konstellationen sieht, diesen allseitigen Niedergang, dann ist das äußerst brutal. Dieser Absturz, diese Fallhöhe. Eine Situation, in der Armut immer virulenter wird, höhlt jede Gesellschaft aus. Und zwar in allen Bereichen.

Wie zeigt sich das im konkreten künstlerischen Umfeld, in dem Sie unterwegs waren? Herrscht da ein Rest Zuversicht oder Resignation? Solidarität oder pure Konkurrenz?

Solidarität trainierst du dir ja auch an, weil es zu ihr kaum eine Alternative gibt. Es bliebe ja dann nur noch aufzugeben. Natürlich ist die Situation insgesamt komplexer, aber zwischen diesen Polen spielt sie sich ab. Es ist auch nicht so, dass gar kein Geld existiert. Wo von staatlicher Seite kaum noch etwas zu erwarten ist, gibt es im Privatsektor noch letzte Bastionen, wie die Onassis-Stiftung, oder das Athen-&-Epidaurus-Festival. Das rettet weiten Teilen griechischer Theaterkünstler im wahrsten Sinne die Existenz. Und was die Resignation angeht, da würde ich eher von einer Mischung aus Desillusionierung und Trotz sprechen.

Wie spiegelt sich das in den Stücken?

Man findet viele verschiedene Formen und Elemente, wie Künstler damit umgehen. Oft entdeckt man eine Neigung zum Rekurs, weg vom explizit Politischen hin zur reineren künstlerischen Form. Das interessiert mich aber auch, weil faszinierend ist, wie man genau darin doch diese Wirklichkeit spürt. Um es an zwei Beispielen zu beschreiben: Wenn bei einer Produktion wie „Ektoplasmata“ vom Künstlerkollektiv Nova Melancholia Texte des Lyrikers Miltos Sachtouris auf der Bühne verwendet werden, öffnet sich wie von selbst ein Spannungsfeld bis hin zur Antike, in der diese Gemengelage zwischen Aufbruch und Zurückgeworfen-Sein vibriert. Das erzählt meines Erachtens viel mehr als jedes explizite Stück zur „Krise“.

Das forciert Aktuelle und Explizite illustriert nur, greift zu kurz?

Nehmen wir ein anderes Stück. „Late Night“ zeigt uns drei Paare die des Nachts in den Trümmerresten eines alten Ballhauses zusammensitzen. Sie reden, trinken etwas, tanzen Tango – und man wohnt dem als Zuschauer bei und beginnt zu begreifen, dass man eine Allegorie auf die Zerstörung Europas gezeigt bekommt. Als würde man einer toten Utopie hinterher trauern, und das ganz ohne Larmoyanz und auf einer sehr schönen, klaren, intimen Ebene. Das ist gerade in seiner Unmittelbarkeit sehr komplex. Eine enorm kluge Theaterarbeit. Ganz abgesehen davon, dass die Darsteller großartig sind.

Theater, Tanz, Musik und Kino – acht Tage aus dem griechischen Off

Samstag, 16. September

20 Uhr , Lofft (Lindenauer Markt 21): Nova Melancholia, „Ektoplasmata“, Theater; danach Diskussionsrunde mit Natascha Siouzouli, Vassilis Noulas, Guillaume Paoli
21.15 Uhr , Kinobar Prager Frühling (Bernhard-Göring-Straße 152): Spielfilm „Alpis“ von Yorgos Lanthimos

Sonntag, 17. September

21 Uhr , Kinobar Prager Frühling: Doku „Projekt A“ über anarchistische Projekte von Moritz Springer und Marcel Seehuber

Montag, 18. September

19 Uhr , Cinémathèque in der Nato (Karl-Liebknecht-Straße 46): Spielfilm „Sto Spiti“ von Athanasios Karanikolas
21 Uhr , Nato: Experimentalfilm „Logiki tis Gatas“ von Telémachos Alexiou

Dienstag, 19. September

18 Uhr , Lofft: „Mein Athen“, Vortrag von Adrian Frieling (Eintritt frei)
19.30 Uhr , Lofft: „Micropolitics of Noise“, Vortrag von Lambros Pigounis (Eintritt frei)
21 Uhr , Lofft: Lambros Pigounis, „Sacrificial Mirror“, Klangkunst-Performance; danach Giannis Karounis, „Nature“, Tanz

Mittwoch, 20. September

20 Uhr , Lofft: Ioanna Portolou und Griffón Dance Company, „Porn“, Tanz
21 Uhr , Lofft: Tanzfilme (Eintritt frei)

Donnerstag, 21. September

19 Uhr , Lofft: Reiner Tetzner führt im Foyer ins folgende Stück ein
20 Uhr , Lofft: Athanasia Kanellopoulou, „Rupture“ (Tanztheater);
danach Chrysanthi Siembou und Athanasia Kanellopoulou, „into her geo#metries“ (Tanz, Videokunst, Musik)

Freitag, 22. September

20.30 Uhr , Nato: Kristi & Stathis, Ethno-Trance-Fusion-Konzert

Samstag, 23. September

20 Uhr , Theater der Jungen Welt (Lindenauer Markt 21): Blitz Theatre Group, „Late Night“, Theater

Festivalpass für Leipzig (ohne Kinobar Prager Frühling): 49 Euro, 35 Euro (ermäßigt), 24,50 Euro (Leipzig-Pass, Schüler, Schwerbeschädigte); Reservierung: info@bfot.de; Einzel­eintritt zwischen 5 und 16 Euro, weitere Informationen, auch zu den Terminen im Societaetstheater Dresden: www.bfot.de

Von Steffen Georgi

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