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Fiktion oder Fakten? - 32 Jahre nach Kindermord sorgt ein Buch für Wirbel

Fiktion oder Fakten? - 32 Jahre nach Kindermord sorgt ein Buch für Wirbel

Bücher nach wahren Verbrechen sollen Lesern einen besonderen Schauer über den Rücken jagen. Es ist ja wirklich passiert. Das Buch von Kerstin Apel über einen Kindermord - bekanntgeworden als „Kreuzworträtselmord“ und einer der spektakulärsten Kriminalfälle der DDR - jagt ihr nun selbst die Staatsanwaltschaft auf die Fersen.

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Quelle: Sutton Verlag

Halle. Die 49-Jährige war als Jugendliche in Halle-Neustadt mit einem Mörder liiert.

Die detaillierten Beschreibungen der Tat und vor allem ihrer Beteiligung in dem Buch ließen die Ermittler nun ein Mordermittlungsverfahren gegen Apel einleiten. Die Frage ist: welche Rolle spielte sie tatsächlich bei dem Verbrechen? Den Ermittlern damals stellte sie es noch anders dar.

Es geht um den Mord an dem siebenjährigen Lars aus Halle im Januar 1981. In der Wohnung der heutigen Autorin brachte ihr 18-jähriger damaliger Freund den Jungen um, er hatte ihn zuvor auch missbraucht. In ihrem Buch „Der Kreuzworträtselmord: Die wahre Geschichte“, das am 1. Februar im Sutton Verlag Erfurt erschien, beschreibt Apel detailliert, wie sie ihren Freund in der Wohnung trifft und Geräusche aus dem Bad hört.

Im Buch fliegt die Leiche zwischen Halle und Leipzig aus dem Zug-Fenster

Der junge Mann im Buch beichtet ihr seine Tat. Weil das Kind noch Zeichen von Leben zeigt, nimmt sich der Mann ein Messer und kommt zurück: „Du musst mir jetzt helfen, ohne dich schaffe ich es nicht.“ Gemeinsam stecken sie die Leiche in einen Plastiksack und verstauen sie zusammen mit Zeitungen in einem Reisekoffer. Auf der Bahnstrecke Halle-Leipzig werfen sie ihn aus dem Fenster. „Dann schob er das Fenster wieder zu und sagte: „Siehste, das war’s, so schlimm war es doch gar nicht, hat alles super geklappt. Und uns kommen die nie auf die Spur, wie auch, ist ja absolut kein Hinweis auf uns da.““ Soweit das Buch.

Im realen Leben hatte Apel den Behörden nicht berichtet, dass sie so dicht dran gewesen sei an dem Verbrechen. „Diese Widersprüche wollen wir nun aufklären“, sagt Klaus Wiechmann, Sprecher der Staatsanwaltschaft Halle. Der Verdacht: Die heute 49-Jährige könnte an dem Verbrechen beteiligt gewesen sein. Beihilfe zum Mord oder Mittäterschaft stehen im Raum, wie mehrere Medien berichteten.

Julia Ströbel, Lektoratsleiterin des Sutton Verlags, betont: „Die Geschichte ist reine Fiktion und kein Geständnis.“ Dem Buch ist auch der Hinweis vorangestellt, dass es sich um einen Roman handelt. Einige vorkommende Personen hätten tatsächlich gelebt, die Handlung basiere auf tatsächlichen Ereignissen, „ist im Übrigen aber frei erfunden.“ Auch Wiechmann zieht in Erwägung, dass sich Apel viel künstlerische Freiheit genommen hat. Schließlich hätten die Personen in dem Buch andere Namen. Hinzu kommt eine umfangreiche Rahmenhandlung. Passenderweise geht es dabei um eine Journalistin, die einen alten Kriminalfall wieder aufrollen soll, weil die Auflage ihrer Zeitung schwächelt.

Schriftstellerin hatte über Monate Todesangst

Die Autorin teilte über ihren Verlag mit, sie habe erst vor vier Jahren den Mut gefunden, sich alles von der Seele zu schreiben. „Bis dahin hatte ich mit niemandem über meine Erlebnisse gesprochen. Ich hatte nach der Tat meines damaligen Freundes über Monate Todesangst, ich dachte, dass er mir etwas antun würde, wenn ich ihn anzeigen würde. Dass er dazu fähig war, das wusste ich ja.“ Mit Blick auf die neuen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft: „An Ermittlungen habe ich nicht gedacht, ich bin keine Mörderin. Die Staatsanwaltschaft Halle hat sich auch bis heute nicht bei mir gemeldet.“

Der Fall hatte in der DDR für großes Aufsehen gesorgt und wurde auch nach der Wende immer wieder aufgegriffen. Das lag auch an der langen und komplizierten Suche nach dem Mörder, die viele andere einbezog. Zeitungen, die in dem Koffer mit der Leiche steckten, enthielten ausgefüllte Kreuzworträtsel mit einer charakteristischen Schrift. Also wurden zig Wohnungsanträge, Autoanmeldungen und Personalausweisanträge durchforstet auf der Suche nach einer passenden Schriftprobe. Schließlich stießen Ermittler auf ähnliche Schriftstücke der Mutter der heutigen Autorin. Wenig später gestand Freund ihrer Tochter die Tat.

„Es war selbst für DDR-Verhältnisse merkwürdig, damals die Polizei in der eigenen Wohnung zu haben. Wir mussten alle Schriftproben abgeben zum Abgleich für das Kreuzworträtsel“, erinnert sich die 67-jährige Rentnerin Monika Schumann. „Alle haben gehofft, dass das Schwein gefasst wird, deshalb half jeder“, sagt die Hallenserin. Sie wohnte damals im Block 384 in der Nähe des Tatorts an der Pferderennbahn in Halle-Neustadt. Der Koffer sei im Zentrum der Neustadt auch ausgestellt gewesen - „der lockte alle an wie ein Magnet“. Ein 41-Jähriger erinnert sich: „Wir hatten immer Angst als Kinder, als wir in dem Haus nach Altpapier fragen mussten.“ Auch das gehörte zu den Ermittlungen: In den alten Zeitungen vermutete die Polizei weitere ausgefüllte Kreuzworträtsel mit der markanten Schrift.

Dörthe Hein, dpa

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