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Fiktiver Theatermonolog ergründet die Seelenzustände von Pop-Göttern

Dave-Gahan-Stück im Lofft Fiktiver Theatermonolog ergründet die Seelenzustände von Pop-Göttern

Dave Gahan, Sänger von Depeche Mode, ist eine Pop-Ikone. Und er war schon mal tot. Davon, von den Gesetzen des Pop-Business und der Seele hinter der glitzernden Fassade erzählt der wahnwitzige und fiktive Monolog von Daniel Mezger. Der Schauspieler Dennis Schwabenland trifft im Lofft als Dave Gahan auf Britney Spears.

Dennis Schwabenland als Dave Gahan im Pop-Star-Käfig.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Eine Glasscheibe als einziges Gegenüber. Die Scheibe wird später Britney Spears sein. Oder das Nichts. Jetzt ist sie der Spiegel in der Garderobe. Dave Gahan kontrolliert den Sitz der Haare, des Jacketts und des Gesichtsausdrucks. Dave Gahan schlägt sich auf die Wangen, auf die Schenkel. Er peitscht sich ein für das Konzert. Vielleicht aber traktiert er sich auch nur, um zu schauen, ob er noch lebt. Denn Dave Gahan war schon mal tot.

Der Theatermonolog „Als ich einmal tot war und Martin L. Gore mich nicht besuchen kam“ in der Regie von Marie Bues, am Samstag- und Sonntagabend zu Gast im Leipziger Lofft, kreist um dieses Sujet, um den zweiminütigen klinischen Tot des Depeche-Mode-Sängers Dave Gahan in Folge eines Drogencocktails im Jahr 1996. Zwei Minuten, aufgeblasen zum Pop-Mythos, zur Erzählung einer Band, die auch ohne Erzählung eine der größten ist in der Pop-Historie.

Der Autor Daniel Mezger legt Gahan einen wahnwitzigen Monolog in den Mund. Zwar aufgehängt an den biografischen Realitäten – schwere Jugend, früher Ruhm, harte Drogen, Bandkonflikte. Aber unter dem Gerüst schimmert ein kühn konstruiertes Psychogramm durch, ausgemalt mit den Farben der Fiktion, erzählt am erfundenen Treffen von Gahan mit Britney Spears. Zusammenprall zweier Pop-Ikonen.

Dennis Schwabenland spielt diesen Gahan in einem Glaskubus. Abgeschottet von der Außenwelt, der goldene Pop-Star-Käfig, der einer dieser Kuscheltierboxen gleicht, wie sie in Autobahnraststätten zu finden sind. Über der Kiste lauert der Greifarm. Bedrohliche Bebilderung des Zugriffs der Öffentlichkeit auf ihren Star.

Darf man mit Pop-Ikonen so umgehen?

Große Pose, Koksen auf dem Klo, Knutschen mit Britney (die Zunge am Glas), Kuschen vor Songschreiber Martin L. Gore. Schwabenland spielt sich konzentriert durch rund 80 Minuten Text, ohne in Richtung Pose zu übertouren. Er bringt für gefühlt zwei Quadratmeter Aktionsfläche die Brüche erstaunlich agil auf den Punkt. Die Einsamkeit, die Aggression, der Kampf um Bedeutung. Und wie die Dinge verrutschen, als sich herausstellt, dass Spears ihn mit einem Schauspieler aus „Die Sopranos“ verwechselt.

So wie die Stereotype auf die Spitze getrieben werden, funktioniert das Spiel formidabel als Demontage des Pop-Business, als Abrissbirne an der Dave-Gahan-Glamour-Fassade. Im Vorfeld erreichte das Lofft Empörung von Depeche-Mode-Fans. Darf man mit Pop-Ikonen so umgehen?

Darf man, weil es um die Pop-Figur geht, nicht um den realen Menschen dahinter. Mezger hat das mal so erklärt: Wie die alten Griechen ihre Dramen an der Götterwelt aufzogen, so benutze er die Götter des Pop, um seine Geschichte zu erzählen und seine Fragen zu stellen. Und damit wird der Blick frei auf die Bedeutungsebene zwei der Inszenierung. Auf die eines Menschen, der an sich, den eigenen Ansprüchen, impliziten gesellschaftlichen Erwartungshaltungen und an der absoluten Freiheit scheitert. Oder zumindest heftige Beulen bezieht.

„Ich war schon mal tot“, sagt Gahan.

„Erzählst du das jedem?“, fragt Spears.

„Nur, wenn man mich danach fragt.“

„Ich habe dich nicht gefragt.“

Ein Superstar, der verzweifelt versucht, aus dem Tanz am Abgrund des Lebens eine quasi-sakrale Aura zu saugen und dabei wirkt wie ein Kind, das die ganze Zeit „schau mal!“ ruft. Kurz: Die Verzweiflung begleitet auch den, der vermeintlich am Ziel ist. Obwohl im Pop-Olymp, ruft Gahan/Schwabenland eindrücklich: „Langeweile“. Die Langeweile ist ein Schmerz. Gegen Schmerz erhöht man die Dosis. Das Medikament: Drogen, Frauen – oder der Versuch, etwas über die Selbstinszenierung hinaus zu erschaffen. Jeder bastelt irgendwie an seiner Identität. Gahan: „Martin, ich habe einen Song geschrieben.“ Gore: „Der ist langweilig.“

Gelungen spiegelt die Inszenierung ihren Helden an Spears, Gore, der Erinnerung. Das funktioniert, weil Schwabenland in seinem Monolog das gedankliche Gegenüber plastisch zu machen weiß. Verstärkt von guten Regie-Ideen. Wenn Schwabenland das Gegenüber sprechen lässt, verändert sich irgendwann die Stimme elektronisch. Aus Spears-Gesäusel wird eine Hexenstimme, ein Zombie-Gebraus. Ein Stimmengewirr, in dem irgendwo die Erzählung eines Lebens steckt. Wer es noch vernehmen will: Das Stück zieht weiter, gastiert am 31. März und 2. April in den Berliner Sophiensälen.

Von Dimo Riess

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