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Flirt mit der Unmöglichkeit: Walsers neuer Roman „Das dreizehnte Kapitel" erscheint

Flirt mit der Unmöglichkeit: Walsers neuer Roman „Das dreizehnte Kapitel" erscheint

Nach seinem Roman „Muttersohn" und der Erkundung „Über Rechtfertigung. Eine Versuchung" mit ihren Glaubensfragen, hat Martin Walser diesmal eine Art Briefroman geschrieben über Möglichkeiten der Liebe und den Flirt mit der Unmöglichkeit.

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Martin Walsers neuer Roman "Das dreizehnte Kapitel" erscheint an diesem Freitag. (Archivfoto)

Quelle: dpa

Leipzig. An diesem Freitag erscheint „Das dreizehnte Kapitel", eine gleichermaßen traurige, beglückende, nervende, fesselnde, überraschende wie vertraute Geschichte .

Der Schriftsteller ist eingeladen zum Empfang beim Bundespräsidenten. Dort teilt er den Tisch mit einer Frau von faszinierender Ausstrahlung. So hat es Martin Walser selbst erlebt. Geschrieben allerdings hat er der ihm Unbekannten nie, weder Brief noch E-Mail. Anders als Basil Schlupp, Autor seit 40 Jahren, zuletzt des Aufsehen erregenden Romans „Strandhafer". Schlupp stellt sich als Ich-Erzähler vor, bevor er zum Brief-Schreiber wird. Adressatin ist die Theologin Maja Schneilin, jene Frau aus dem Schloss Bellevue.

Schlupp nimmt für sich ein mit unterhaltsamen Sätzen wie „Das Leben ist zu kurz, um deutsche Weine zu trinken", er präsentiert sich als selbstironischer Beobachter – gefangen allerdings in seiner Begeisterung für die Fremde. Was ihn bald lächerlich wirken lässt, ist die nahezu devote Anbetung in einem ersten Brief, der – schwer zu ertragen – an Zudringlichkeit grenzt und in Anmaßungen schwelgt. Unvorstellbar, dass sie darauf antwortet. Doch sie tut es. Zum Glück. Und – auch das zum Guten – sie retourniert in einem selbstbewussten, dabei freundschaftlichen Ton.

„Sehr geehrte Frau Professor" und „Lieber Herr Schriftsteller" nennen sie sich zunächst, verbleiben „freundlich grüßend". Bald schon schreibt „Ihr Anempfinder" an „die liebe zu sehr Abwesende" und „Ihre Teilhaftige" an den „lieben, lieben Freund". Doch da ist selbst das dick Aufgetragene längst erträglich geworden als Teil eines Experiments, das, sich so ganz auf die Sprache verlassend, aus der Zeit ragt.

„Von uns beiden kann jeder nur Seins sagen. Der andere soll sehen, was er daraus macht." Sie erzählen einander von ihren durchaus geliebten, langjährigen Partnern, dem Molekular-Biologen Korbinian Schneilin und Iris Tobler, die Fernseh-Serien für Kinder schreibt, von Träumen, Freundschaften, Ängsten, vom Alleinsein und auch vom „Unsäglichen", dem, was sie keinem anderen sagen können. Aus den verschiedensten Gründen. „Aber wenn Leiden nicht teilbar ist, was ist dann teilbar?"

Mitunter könnten die Briefe auch Tagebücher sein – mit zwei Schlüsseln. Weil diese Beziehung eine platonische ist, spielen beide in ihren „Ehe-Gehegen" Verrat, geben Geheimnisse preis wie Auszüge aus Iris’ Manuskript „Das 13. Kapitel". Das führt zu einer Art Geständniswettbewerb, immer wieder reflektiert von Basil Schlupp in seiner Gefallsucht, die er auch Höflichkeit nennt und die einen hohen Grad der Anpassung zelebriert: „Ich möchte nicht der sein, der ich war. Ich möchte der sein, der ich durch Dich bin. Mein Interesse für das Mögliche schrumpft."

Die Lebens-Partnerschaften bleiben davon seltsam unberührt. „Was wir, Sie und ich, mit einander haben, das können nur Sie und ich mit einander haben", schreibt Schlupp. Was er als „unsere Buchstabenketten" bezeichnet, die „Hängebrücken" sind „über einem Abgrund namens Wirklichkeit", empfindet Maja Schneilin als „Wörterbrücke" – „in die Luft gebaut". Worin der Unterschied besteht, soll Schlupp bald erfahren, schmerzlich. Sein „Brückenbau ins Voraussetzungslose", und das geht eine Weile gut, steuert auf den Höhepunkt zu, beschleunigt von einer Veränderung der Form. Denn das Sorgfältige, Kultivierte, Gemächliche des Briefeschreibens, der Gedankenübertragung auf Papier, kippt durch einen Zufall, den beide als Glück beziehungsweise Gnade empfinden, ins Übermütige des E-Mail-Tippens. „Von meinem iPhone gesendet" steht jetzt unter den kürzer werdenden Botschaften. Es kommt zum „Du" und zur Illusion der Erreichbarkeit.

Es kommt zum Bruch. Bevor im zweiten Teil des Buches Maja, die den Theologen Karl Barth ihren Meister nennt, mit dem schwerkranken Korbinian Schneilin durch die kanadische Wildnis radelt und schreibt: „Ich brauche Dich, dass ich sagen kann, was wir gesehen haben." Teilen, um zu verstehen. Sie „waren ein Paar, das von dem lebte, was es zur Sprache bringen konnte." Das ist nicht die schlechteste Spielart der Nähe.

Doch was, wenn aus einem „welterhaltenen Sowohl-als-auch" die „männliche Sackgasse" des Entweder/Oder wird, wie Maja es anfangs nannte? Sie haben mit der Unmöglichkeit geflirtet, weil umgeben von nichts als Möglichem das Leben selbst erlischt. So empfindet es Basil. „Ich habe mit Dir gelebt auf die Unmöglichkeit hin. Du hast mir geschrieben: aus der Tiefe der Unmöglichkeit. Die Unmöglichkeit war unser Tisch und unser Bett."

Sie sind einander nie wieder begegnet. Wie eine Zuneigung dennoch oder gerade wachsen kann, wie Sehnsüchte sich dabei an Worte drängen und wie Gefühle dabei klar werden – davon schreibt Martin Walser in diesem Roman, der – um es mit Basil Schlupp zu sagen, ein „Sachbuch der Seele" ist.

Janina Fleischer

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