Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Fotofestival F/Stop entführt auch in das lange ungenutzte Messehaus am Tröndlinring

Fotofestival F/Stop entführt auch in das lange ungenutzte Messehaus am Tröndlinring

Am Donnerstag beginnt das 4. Leipziger Fotofestival F/Stop mit dem Motto „Im Verborgenen“. Zu den 61 präsentierten Künstlern aus 15 Ländern gehört der World-Press-Preisträger Peter Bialobrzeski.

Leipzig. Seine Werke werden im leerstehenden Ring-Messehaus am Tröndlinring gezeigt, das erstmals seit 1992 wieder für Publikum geöffnet ist.

Direkt an einer von Leipzigs Hauptverkehrsadern, zwischen Stadtwerke-Center und Reformierter Kirche, liegt ein verlorener Ort. Ein beinahe vergessenes Reich, obwohl doch der Blick beim Vorbeifahren immer wieder über die großen Buchstaben huscht: Ring-Messehaus. Zwischen 1926 und 1992 war es ein Mekka für den Textilhandel, seitdem steht das 20000 Quadratmeter große Gebäude leer. Wie ein Symbol für vergangene Größe ragt gegenüber die alte Fassadenwand des Brühl-Kaufhauses auf.

Drinnen riecht es staubig und muffig. Die Glasfenster im Treppenhaus zieren Messe-Ms, die unteren Etagen sind mit Teppichböden im 90er-Jahre-Schick ausgelegt. Die F/Stop-Besucher jedoch werden die Treppen - der Aufzug funktioniert wie die ganze Elektronik nicht mehr - bis zum fünften Stockwerk erklimmen. Dort erstreckt sich auf rund 1000 Quadratmetern ein Oberlichtsaal mit dem rauen Charme unverputzter Wände und frei liegender Holzbretter. Zwar ist die Erschließung von Industriebrachen und leerstehenden Gebäuden für Kulturveranstaltungen in Leipzig inzwischen zum Trend geworden, doch das Ring-Messehaus, dieser seit knapp zwei Jahrzehnten vor sich hin träumende Koloss, strahlt doch eine besondere Faszination aus.

Eigentlich sollten am Montag bereits die Fotos hängen. Doch einige sind beim Zoll geblieben. So verweisen in den Kojen vor den Fenstern nur Zettel mit dem Wort „Werk“ in Neonrosa darauf. Allerdings ist dieser Raum selbst schon ein kleines Kunstwerk: Lichtstrahlen brechen durch teils schwarz angemalte Oberfenster, Klebefolien rascheln leise. Die Decke wölbt sich nach außen, von der rohen Wand hängen Drähte wie Raupen aus Metall. Durchs Fenster fällt der Blick aufs Wintergartenhochhaus. So nah ist man hier am Trubel der Stadt - und doch im Verborgenen.

Normalerweise habe sie bei einem Werk sofort einen passenden Ausstellungsraum vor Augen, diesmal sei es anders herum gewesen, sagt Festivaldirektorin Kristin Dittrich. Die Bilder von Peter Bialobrzeski, der asiatische Megacitys wie Shanghai und Singapur fotografierte, „verströmen eine Aura aus glühendem Licht“. Weil die Städte so dicht bebaut sind, dringt kein natürliches Licht in die Wohnungen der Wolkenkratzer, so dass sich die Bewohner rund um die Uhr mit künstlichem umgeben müssen. Bialobrzeski, der am Samstag einen Workshop im Ring-Messehaus gibt, fotografiere jedoch immer vom Stadtrand aus, durchs Dickicht, das das alte China repräsentiert. Das Bild aus der Serie „Paradise Now“, das Dittrich schnell auspackt, zeigt dieses Nebeneinander eindrücklich: Auf den ersten Blick dominieren Halme, doch im Hintergrund lässt sich das Leuchten der Großstadt erahnen.

Der zweimalige World-Press-Award-Preisträger Bialobrzeski war in den 90ern für Geo, Merian und Spiegel auf Reisen. „Wenn man einen Ort immer wieder besucht, wandelt sich die Perspektive, irgendwann wird aus Dokumentation Kunst“, sagt Dittrich. Licht habe bei ihm immer eine philosophische Dimension. Er arbeite in der Dämmerung und passe deshalb so gut zum Festivalmotto „Im Verborgenen - From 5 to 5“. „In dieser anderen Tageshälfte gelten andere Wahrnehmungsgesetze, Emotionen und Konflikte treten zutage.“ In den präsentierten Werken - neben dem Ring-Messehaus auch in Tapetenwerk, Paulanerpalais und Kretschmannshof - gehe es um Gier, Verlust, Passion, Angst und Überwältigung.

Andere Wahrnehmungsgesetze - sie gelten auch für diesen verlorenen Ort, an dem man direkt neben dem Ring steht und doch so weit weg ist.

F/Stop

, bis 3.10., Ausstellungen täglich 12-20 Uhr (am Wochenende 10-20 Uhr), neben dem Ring-Messehaus: Hauptschau „Im Verborgenen“, Tapetenwerk; Finalisten Wettbewerb „Nackt“, Paulaner Palais (Klostergasse 3); World Press Photo-Preisträger Thomas Kern, Kretschmannshof (Katharinenstraße 17); Workshop mit Peter Bialobrzeski, Samstag, 10-18 Uhr, „A sense of place“ im Ring-Messehaus, mit Voranmeldung, 170 Euro; 23.9. Eröffnung ab 20 Uhr im Tapetenwerk, unter anderem mit den Künstlern Axel Hütte (Düsseldorf) und Arnaud Maggs (Toronto)

Nina May

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

  • Touristik & Caravaning
    Themen, Tickets, Öffnungszeiten: Die wichtigsten Infos zur Messe Touristik & Caravaning (TC) 2017 im Special auf LVZ.de

    Urlaubsstimmung im Novembergrau: Alle Infos und News zur Reisemesse Touristik & Caravaning (TC) 2017 in unserem Special. mehr

  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Schauspiel Leipzig
    Mikrologo Schauspiel Leipzig

    Theater in Leipzig: Höhepunkte, Premieren, Spielplan und Angebote der Spielzeit 2017/2018 im Schauspiel Leipzig. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

"Stasi – Macht und Banalität": Gedenkstätte Museum in der "Runden Ecke" gibt Einblicke in den SED-Überwachungsstaat. mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr